Kulturfragen

Alles Verrückte

Um Weihnachten herum telefonierte ich mit einer guten Freundin aus vergangenen Zeiten. Mittlerweile ist sie Lehrerin an einem Gymnasium im Süden. Wir haben das zu Ende gehende Jahr im Großen und Kleinen Revue passieren lassen. Sie arbeitet in der Bildung, ich in der Kultur. Und wir beide mussten Ähnliches feststellen: Wie die Anspruchshaltung immer größer wird, wie Ellenbogenmentalitäten zunehmen, wie viele die Augen verschließen vor den eigentlichen Problemen, denen wir uns stellen müssen. Nicht zuletzt, dass es einen schwelenden Generationenkonflikt gibt zwischen denen, die ihren Besitzstand wahren wollen auf Kosten der Umwelt, von Migranten und Menschen aus ärmeren Ländern und der nachfolgenden Generationen, die später einmal diese gesamte Malaise ausbaden müssen. Nur offen ansprechen dürfe man das alles nicht. Wenn sie dies tue, hätte sie gleich eine geballte Aggression gegen sich. Alle wissen Bescheid, aber niemand will die Wahrheit hören. Propheten haben es schwer derzeit. Verrückt, sagte meine Freundin. Alles verrückt heute. Ja, habe ich gesagt, so ist das wohl. Wir wissen, was zu tun ist, aber wir wollen nicht so genau hinschauen. Augen zu und durch. Die „Welt sei aus den Fugen“ wurden in den letzten Jahren häufig apokalyptisch gemunkelt. Nichts ist mehr, wie es war, kein universales Möbelstück steht noch dort, wo es ehedem war. Alles ist ver-rückt, das verunsichert, macht Angst.

Eine Gesellschaft verhält sich kaum anders, als ein Individuum. Vor uns liegt ein unangenehmer Brief, ein schwieriges Gespräch, eine große Entscheidung. Das verschieben wir gerne, weil wir genau wissen, dass das Lesen des Briefes, das Gespräch oder die Entscheidung unter Umständen negative Folgen haben kann. Prokrastination heißt das und ja, wir alle prokrastinieren global. Oft ist es doch im Kleinen so, dass wir uns irgendwann notgedrungen bewegen und am Ende merken, dass wir freier sind.

Es ist schon seltsam: Auf der einen Seite wird unsere Gesellschaft immer effizienter und ökonomischer. Der Neoliberalismus kann nun endlich, nachdem er Jahrzehnte wie ein Fluch durch unsere Breitengrade gewandert ist, Erfolge melden. Die Digitalisierung segelt in seinem Windschatten und verstärkt die Effekte. Aus dem Controlling ist die Kontrolle geworden und die Daten liefern wir freiwillig auf dem Silbertablett. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Arbeitsplätz zu Tausenden irgendwohin ausgelagert werden. Das bringt billige Produkte und beschleunigt das Wachstum auf den Kapitalmärkten. Niemand regt sich mehr darüber auf, dass nur noch zählt, wer zählt. Auf der anderen Seite wissen wir, dass wir mit diesem Lebensstil auf Kosten der Umwelt, anderer Menschen und zukünftiger Generationen leben. Die Angst wird größer und größer, weil die Veränderungen so enorm sind und die Herausforderungen immer größer werden. Aber was soll unsereiner schon machen? Gegen die da oben kommt noch keiner an. Irgendein technischer Fortschritt, ein deus ex machina, eine Eingebung oder Aliens werden unsere Probleme schon irgendwann und irgendwie lösen.

Für „die da oben“ gab es in Zeiten, als noch Grafen und Herzöge unser Land beherrschten, ein Mittel. Das war die Kunst der Narretei. Jeder Hof hielt sich einen Narren, der als etwas absonderlich galt, aber jederzeit die Wahrheit sagen durfte. Ein Verrückter eben. Aufgabe der Narren war es, die Obrigkeit an ihre Grenzen zu erinnern und mitnichten nur Spaß zu treiben. Die Narren besaßen die berühmte Narrenfreiheit und das, was sie zu sagen hatten, sagten sie mit Humor. Das machte ihre Kritik bekömmlicher obschon sie unerbittlich war.

Es ist eben nicht so, dass heutzutage alles verrückt ist. Ganz im Gegenteil: das ist nur ein Gefühl. Die Welt war immer in Aufruhr. Ruhe gibt es nicht – bis zum Schluss, sagte Klaus Mann. Aber: Es gibt tatsächlich viel zu wenig Verrückte. Verrückte, die die Wahrheit sagen. Verrückte, die unsere Angst mit Humor überziehen. Verrückte, die Farbe in den Alltag bringen. Verrückte, die sich bewegen, wo andere dicht machen. Verrückte, die tanzen, wo andere erstarren. Verrückte, die uns daran erinnern, dass alles eine Grenze hat – außer die Liebe. Das wäre ein Vorsatz für das nun kommende Jahr: verrückter werden, um das, was sich an Problemen vor uns auftut, deutlich auszusprechen und dann kritisch, kreativ und gelassen anzugehen.

Macht die Welt bunter, bevor wir im Schwarzweiß-Denken versinken. Lasst uns Hofnarren der Globalisierung werden. Narretei ist eine Kunst. Es gibt so viel zu entdecken. Vergesst die Idee, früher sei alles besser gewesen. Lacht auf den Straßen, singt in der Bahn und tanzt in den Rathäusern. Umarmt Fremde und erleuchtet Verängstigte. Freut euch daran, schöne Dinge zu erleben und neue Welten zu entdecken. Es gibt den Klimawandel, es gibt die Globalisierung, es gibt die Migration. Ja. Aber es gibt auch eine verrückte Kraft in uns, Ideen zu entwickeln und Herausforderungen anzugehen. Das ist die Phantasie. Nur, wer Phantasie hat, kann Wahrheiten aussprechen. Fremdes wird vertraut, Furcht wird abgebaut. Leidenschaft statt Leidensdruck. Lasst das neue Jahr ein verrücktes Jahr werden – bevor wir alle verrückt werden.

 

 

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