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Von Pflastersteinen, internationalen Konferenzen und dem Blick in Dein Gesicht

Während in Hamburg die Staaten der G20-Gruppe um die Zukunft des Planeten rangen, Demonstranten zu Tausenden auf die Ungerechtigkeiten, die wir täglich begehen, hinwiesen, Randalierer das Schanzenviertel verwüsteten, war ich im Museum. Genauer, im Kunstmuseum Louisiana in der Nähe von Kopenhagen. Ein Widerspruch? Oder bloßer Eskapismus? Wir sind allesamt für die Gestaltung unseres Zusammenlebens verantwortlich, ob nun mit politischem oder bürgerschaftlichem Engagement. Da kann die Kunst einen Rückzugsort darstellen, das Schöne und Feine zu feiern, um sich nicht mit den Widrigkeiten des Alltags auseinandersetzen zu müssen. Oder sie weist uns direkt daraufhin, was Sache ist. So wie am Sonnabend im Louisiana Kunstmuseum.

Das bekannteste Haus Dänemarks zeigt derzeit eine beeindruckende Werkschau der serbischen Performancekünstlerin Marina Abramovic. Abramovic, geprägt durch Joseph Beuys, ist bekannt geworden durch eine Vielzahl von durchaus provokativen Aktionen, die die Verletzlichkeit des Menschen darstellen, die Gewalt und den Eros, den Streit zwischen Widerstand und Ergebung. All das zeigt der Louisiana zurzeit. Einen Einblick in das Werk der Künstlerin bekommt ihr:

2010 machte sie mit einer spektakulären Aktion im Museum of Modern Art in New York Furore. Hunderte von Stunden saß die Künstlerin in einem großen Raum auf einem Stuhl. Vor sich einen Tisch und einen leeren Stuhl. Auf den setzten sich nun, nacheinander, Besucherinnen und Besucher des MoMa und schauten der Künstlerin schweigend in die Augen. Von dieser Aktion gibt es in der dänischen Ausstellung Videoclips zu sehen. Aber es gibt noch mehr. Es gibt einen Raum, in dem man als Besucher die Situation nachspielen, nein: nachempfinden kann. Am Eingang wird man gebeten, Uhr und Smartphone abzugeben. Dieses sei ein zeitloser Raum, die Verbindungen zum Alltag werden gleichsam gekappt. Man bekommt einen Kopfhörer und einen Platz zugewiesen. Das habe ich gemacht und gewartet. Nach einiger Zeit kam eine junge Frau, vielleicht Mitte dreißig. Braunes, volles Haar, ein etwas rundlicheres Gesicht, ein dunkler Teint. Wir sahen uns an. Zu den Regeln gehörte es, langsam aus- und einzuatmen und sich nicht zu bewegen. Ich sah der Frau in die Augen, sah ihr Gesicht, ihre Nase, ihre Wangen, die halb verdeckten Ohren, das Haar. Vor mir saß ein Rätsel, so wie jeder Mensch ein Rätsel ist. Ich habe versucht, ruhig zu atmen, aber es gelang mir nicht. Mein Körper war in innerer Unruhe und ich brauchte erhebliche Kräfte, um ruhig sitzen zu bleiben. Ich war aufgeregt und das hatte nichts damit zu tun, dass mir eine durchaus schöne Frau gegenüber saß. Nein, dieser Mensch gegenüber forderte mich heraus. Das umso mehr, da sie vollkommen ruhig blieb, ihre Augen nicht von mir abwand und kaum blinzelte. Obwohl wir nichts hörten und nicht sprachen, noch nicht einmal den Gesichtsausdruck änderten, fand eine intensive Kommunikation statt. Mir saß jemand gegenüber, den ich nicht kannte, der mich nicht kannte. Was sie wohl dachte? Was sie wohl fühlte? Wer diese Person war? Diese Fragen steigerten meine Unsicherheiten noch. Haben wir zehn Minuten da gesessen? Oder war es viel mehr Zeit? Ich merkte, wie kräftezehrend es war, solcherart mit dem Gesicht eines anderen Menschen konfrontiert zu werden. Und ich musste an Emmanuel Lévinas denken, den französischen Philosophen, der in der Begegnung mit anderen Menschen von der „Epiphanie des Anderen“, also der Erscheinung des anderen mir gegenüber, spricht. Indem ich andere Menschen sehe, wie sie sind, bin ich herausgefordert, mich zu verhalten und mich selber anzufragen. Erst recht in der Not des Anderen. Lévinas sagt es so: „Sie Infragestellung des Selbst ist nichts anderes als das Empfangen des absolut Anderen. Die Epiphanie des absolut Anderen ist Antlitz, in dem der Andere mich anruft und mir durch seine Nacktheit, durch seine Not, eine Anordnung zu verstehen gibt. Seine Gegenwart ist eine Aufforderung zur Antwort.“ Anders gesagt: Mein Gegenüber lässt mich niemals kalt. Und deswegen ist es verständlich, dass ich unruhig wurde, dass die Begegnung anstrengend war. Auch fremde Menschen sind Mitmenschen und ich kann nicht so tun, als gingen sie mich nichts an. Was ich im Louisiana erfahren habe, ist für mich der Schlüssel zu den Ereignissen am Wochenende in Hamburg. Kunst ist die Reflexion der Gesellschaft und die Begegnungsaktion von Marina Abramovic ist so aktuell wie nie zuvor. Wenn sich zwanzig und mehr Staatenlenker treffen, um über die Zusammenarbeit in der Welt zu beraten, dann können sie nicht in einer Blase agieren. Gespräche und Kommunikation sind wichtig. Aber ebenso wichtig ist es, zu wissen, dass wir eine Aufgabe haben, zu der wir durch die Notleidenden aufgefordert werden. Handel darf nicht mehr tödlich sein und nur für wenige einen Vorteil darbieten. Klimaschutz ist kein Selbstzweck, sondern für viele Menschen, andere, die uns fremd sind, die wir nicht kennen, die uns nicht egal sein dürfen, überlebenswichtig. Was immer wir tun, muss im Respekt vor den Anderen geschehen. Wir sind nicht absolut und nicht alleine, so wie Lévinas schreibt: „Die Infragestellung meiner Selbst durch den Anderen macht mich dem Anderen in unvergleichlicher und einziger Weise solidarisch.“ Menschen, die keinerlei Selbstzweifel kennen, sind mir suspekt. Diejenigen, die Stadtviertel verwüsten und Polizisten angreifen, ohne Rücksicht auf Verluste, entziehen sich der menschlichen Gemeinschaft. Wer nur irgendwie anfängt, zu reflektieren, muss sich bewusst werden, dass wir diese Erde nur gemeinsam gestalten können. Lévinas: „Hier ist die Solidarität Verantwortung, als ob das ganze Gebäude der Schöpfung auf meinen Schultern ruhte.“ Der Rüpel Donald Trump ist in diesem Sinne keinen Deut besser als die Vermummten an der Sternschanze. Sie alle entziehen sich dem Angesicht des Anderen und sehen nur sich selber. Diese Menschen sind respektlos in einer globalisierten Welt, die dringend Respekt benötigt. In diesem Sinne kann man nur hoffen, dass noch viele Künstlerinnen und Künstler kommen, die zum Nachdenken anregen, die uns aufrütteln und nicht still werden lassen, solange noch Andere leiden müssen. Wie passend, die Herausforderung eines Mitmenschen zu spüren, während die Ticker melden, dass anderen scheißegal ist, was um sie herum passiert. Wir müssen hinschauen, wir müssen reden. Wer Pflastersteine wirft und Beschimpfungen auf Twitter hinrotzt, mag sich groß fühlen, schaut aber letztlich nur in den Spiegel seines eigenen Lebens. Wie armselig – und wie gefährlich.

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