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Nicht nur zur Weihnachtszeit

Jetzt ist wieder die Zeit von Weihnachtsbriefe und Weihnachtskarten. Ganz ehrlich: Schreibst Du noch Briefe? Oder beschränkt sich der Weihnachtsgruß auf eine nette Mail mit Bild? Es gibt Tage, die werden einfach schöner dadurch, dass richtige Post im Briefkasten liegt. Damit sind keine Rechnungen, Zeitschriften oder Wurfsendungen gemeint, sondern echte Briefe. Briefe von Freunden oder Verwandten, die irgendetwas erzählen und berichten. Welche Briefmarke klebt vorne drauf? Die stupiden Rollenmarken, womöglich aus dem Automaten, oder eine aktuelle Marke, passend zur Zeit oder zum Inhalt? Was für ein Umschlag? Ist die Adresse mit der Hand geschrieben? Die scheinbaren Äußerlichkeiten können dazu beitragen, den Inhalt des Briefes noch kostbarer erscheinen zu lassen. Weil  in Zeiten des elektronischen Datenverkehrs richtige Briefe selten geworden sind. So wird aus einem eigentlich einfachen Brief etwas ganz besonderes und der Briefkasten an der Haustür wird zur Schatzkiste.

Der englische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton hat über den Briefkasten geschrieben: „Das Wort Briefkasten ist unpoetisch. Aber die Sache Briefkasten ist keineswegs unpoetisch; sie ist der Ort, dem Freunde und Liebende ihre Botschaft anvertrauen, wohl wissend, dass, wenn es geschehen ist, die Botschaften sakrosankt sind und niemand, nicht nur die anderen nicht, sondern nicht einmal … man selbst, sie mehr anrühren darf. […] Ein Briefkasten heißt nur Briefkasten; er ist ein Schrein menschlicher Worte.“ Nicht umsonst unterschrieb man früher Briefe mit dem Wort Hochachtungsvoll. Nicht umsonst gibt es ganz berühmte Briefwechsel, wie zum Beispiel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan oder, ganz aktuell, zwischen Astrid Lindgren und Sarah Schwardt.

Im Jahr 2002 ist mit gut zwanzigjähriger Verspätung einer der außergewöhnlichsten Briefwechsel, der je veröffentlicht worden ist, auf dem deutschen Buchmarkt erschienen. 84 Charing Cross Road das Dokument einer Freundschaft in Briefen, wie es im Untertitel heißt. Das Buch erschien zuallererst 1970 in einem New Yorker Verlag und wurde in den darauf folgenden Jahren im angloamerikanischen Sprachraum zu einem Kultbuch. Worum geht es in dieser wahren Geschichte? Die verarmte New Yorker Schriftstellerin Helene Hanff entdeckt 1949 in einer amerikanischen Literaturzeitschrift eine Anzeige des Londoner Antiquariats Marks & Co. in der Charing Cross Road, der Bücherstraße in der englischen Hauptstadt. Sie wendet sich schriftlich an den Händler, händeringend auf der Suche nach preiswerten Buchausgaben, die sie in ihrer Heimat entweder nicht bekommt oder aber nur in erbärmlichem Zustand aus der Bibliothek ausleihen kann. Ihr antwortet prompt Frank Doel, einer der bei Marks & Co. angestellten Buchhändler. Was als einfache Geschäftskorrespondenz startet, entwickelt sich bis 1969 zu einem Briefwechsel, der von der Schönheit antiquarischer Bücher, von Lebensmittelspenden zu den Zeiten der Rationierung in Großbritannien bis hin zu privatem Austausch führt. Immer wieder wird Helene Hanff von Doel und seiner Familie nach England eingeladen. Der Briefwechsel endet schließlich mit dem plötzlichen Tod Doels 1969 – begegnet sind sich die beiden Briefpartner nie. Helene Hanff übergibt die Manuskripte einem Verleger, der sie schließlich als Buch veröffentlicht, welches die Autorin über Nacht berühmt macht.

Es ist nichts weltbewegendes aus diesen Briefen zu lesen. Sie handeln von Literatur, Eipulver und dem neuen Auto der Familie Doel. Die Briefe sind Zeichen einer tiefen Verbundenheit zwischen Absender und Empfänger. Obwohl ihnen nichts Intimes eignet, kann Nora Doel, die Witwe des Buchhändlers, nach dessen Tod bekennen: „Manchmal, ich kann es Ihnen ja sagen, war ich ganz eifersüchtig auf Sie, da Frank Ihre Briefe so mochte, die, beziehungsweise einige davon, seinem Sinn für Humor entsprachen.“ Obwohl der Empfänger die Schreiberin nie zu Gesicht bekam, gelang es über die Briefe in eine Beziehung zu treten. Man kann sich ausmalen, mit welcher Freude der Londoner Buchhändler auf die Briefe aus Übersee reagierte. Der Brief brachte neben der Bestellung neue Informationen in sein Leben und jeder Brief brachte Frank Doel das Leben seiner Freundin ein wenig näher.

Ich finde es schade, wenn die Briefkultur verloren geht. Einer guten Freundin, die mir seinerzeit das Buch von Hanff schenke, schreibe ich bis heute Briefe. Letztens bekam ich eine längere E-Mail von ihr – sie schreibe jetzt doch vermehrt Mails, weniger Briefe. Es dauert natürlich länger, einen Brief zu schreiben, als eine E-Mail. Aber das macht ihn besonders. Man kann ich anfassen, fühlen, manchmal riechen, in ihm blättern und aufheben. Ein Brief ist ein kulturelles Kleinod der Kommunikation. Ich wünsche mir, dass auch zukünftig noch richtige Briefe geschrieben werden. Nicht nur zu Weihnachten.

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