Gesellschaft und Innovation/Kulturfragen/Sonstige Weisheiten

Starke Schwäche

Wenn von den Krisenherden um uns herum die Rede ist, folgt meist als schnelle Replik der Vorwurf, Europa sei in diesem oder jenem Fall handlungsunfähig, weil es zu schwach sei. Man könne sich nicht auf klare Linie einigen, sei in der ständigen Diskussion gelähmt, stelle nationalstaatliche Interessen über die Gemeinschaft. Europa, so heißt es allerorten, sei ein allzu zahmer Tiger, wirtschaftlich zwar stark, aber nicht in der Lage, die Stärke in geopolitischen Einfluss zu transformieren. Kann man so denken, muss man aber nicht.

Wer von den gemeinsamen Wurzeln Europas spricht, spricht über Werte und das kollektive kulturelle Erbe. Zu diesem Erbe gehört, selbstverständlich, die Aufklärung. Zu diesem Erbe gehört auch das jüdisch-christliche Menschenbild. Beides hat Europa, trotz aller, teils auch notwendigen Säkularisierungstendenzen, über Jahrhundert geprägt. Sowohl die Aufklärung als auch das christlich-jüdische Erbe aber haben uns Heutigen ein Verständnis mit den auf den Weg gegeben, das uns offenkundig Denken und Handeln erschwert. Langfristig aber bringt es uns auf den sichereren Weg.

Aufklärerischem Denken ist das Abwägen innewohnend. Wir haben gelernt, Gegebenes zu hinterfragen, Autoritäten zu kritisieren, uns eine Meinung zu bilden – also genau das, was Kant gefordert hat. Wir haben gelernt, uns unseres Verstandes zu bedienen. Wer seinen Verstand einsetzt, dem sind einfache Lösungen zu billig. Ein Urteil abzuwägen bedeutet, Pro und Contra zu erörtern, die Sichtweisen des Gegners einzunehmen, Konsequenzen zu bedenken und zu falsifizieren, bevor man sich allzu schnell festlegt, um erst dann eine Entscheidung zu treffen. Aufklärerische Verantwortung ist immer systemisch angelegt, weil sie Kontexte mit bedenkt. Das führt politisch zu dem, was Max Weber die Verantwortungsethik genannt hat. Aufklärerisches Denken und Handeln ist anstrengend und führt nicht unbedingt zum unmittelbaren Erfolg. Unter Umständen wird die Wirkung geschwächt, weil Abwägen Zeit kostet und weil der Eindruck entstehen könnte, man sei sich der eigenen Sache nicht gewiss. Wer unverschämt deutlich auftritt, gewinnt kurzfristig immer einen Vorsprung.

Mit der christlich-jüdischen Tradition verhält es sich nicht anders. Denn das Gottesbild, welches dort vertreten wird, geht insofern von einem schwachen Gott aus, da der den Dialog sucht, sich gar von Argumenten überzeugen lässt (wie beispielsweise im Alten Testament, da Abraham mit Gott um die Zerstörung von Sodom feilscht), Solidarität und Nächstenliebe predigt und schließlich sogar am Kreuz endet (wie im Neuen Testament).

Wir tragen also eine Art Erbe der strukturellen Schwäche mit uns herum. Wie der italienische Philosoph Gianni Vattimo betont, ist das allerdings mit einer Option verbunden: „Das christliche Erbe, das im schwachen Denken wiederkehrt, ist auch und vor allem Erbe des christlichen Liebesgebots und der Ablehnung von Gewalt.“ (Zu finden in dem lesenswerten Reclamheft Glauben – Philosophieren, 40)

Sowohl die Aufklärung als auch die jüdisch-christliche Tradition prägen also den Kontinent. In dieser Prägung ist die Schwäche schon inhärent. Aber muss sie etwas schlechtes sein, wie es in der politischen Diskussion jetzt immer dargestellt wird? Ich glaube nein. Was sich kurzfristig als Schwäche anfühlt, ist eine langfristige Stärke. Das Aushandeln von Kompromissen, der Verzicht auf einfache und schlechte Lösungen und vor allem die Überzeugung, dass Gewalt kein Mittel der Wahl sein kann, sind die eigentlichen Werte Europas. In den zähen Verhandlungen in den Gremien der Europäischen Union, wie man agieren und reagieren soll, zeigt sich, wie lebendig diese Werte sind. Die Welt ist eben nicht nur schwarz oder weiß, die Welt ist grau und uneindeutig. Aggression und Populismus wollen Eindeutigkeiten schaffen, die es in der globalisierten Welt nicht mehr gibt. Der beste Umgang mit der Uneindeutigkeit ist, Differenzen zu leben und auszuhalten. Für den Soziologen Ulrich Beck war dieses ein zentrales Merkmal Europas. „Das Europäische Empire basiert auf Differenz, muss auf Differenz begründet sein, und es muss diese Differenz ständig produzieren und reproduzieren.“ (Das kosmopolitische Europa, 347) Beck erkannte durchaus das Problem, Differenz könne dazu führen, sich gegenseitig zu lähmen. Dies muss aber nicht sein. Beck dachte über verschiedene Wege nach. Einer davon, er ist in unserem Zusammenhang der Wichtigste, ist für ihn die Anerkennung von Andersheit. „Kosmopolitische Demokratie muss gleichzeitig sicherstellen, dass […] formelle Gleichheit nicht dazu genutzt wird, um substanzielle Unterschiede zu beseitigen – um bewahrenswerte Differenz zu vernichten.“ (355) Und: „Kosmopolitsche Demokratie in Europa benötigt folglich Strategien zur Anerkennung von Andersheit …“ (356) Wir beobachten derzeit einen politischen Work in Progress. Angesichts der Herausforderungen, werden Strategien der Andersheit in der Anwendung erprobt. Wenn das funktioniert, wird Europa gestärkt durch diese Zeiten gehen.

Schwäche ist Stärke, denn wer meint, die komplexen Probleme unserer Gegenwart mit Stärke (und damit mit Gewalt) zu lösen, wird es nicht schaffen. Da ist es doch besser, sich im zurückhaltenden Diskurs zu üben, weil Gebäude auf die Dauer tragfähiger sind, wenn sich auf viele dünnere Pfeiler stützen als auf einen starken. Das gilt auch für das Haus Europa und seine unterschiedlichen Räume.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s