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Zwischen Trauer und Hoffnung – Meine Lektüre nach der US-Wahl

fullsizerenderDie US-Wahlen bewegen die Diskussion. So vieles ist schon analysiert und geschrieben worden. Was noch ergänzen, zumal aus kulturpolitischer Sicht? Da landet im Briefkasten ein Buch, das nicht weniger sein möchte als „eine Kulturgeschichte der deutsch-texanischen Beziehungen, eine politische Autobiographie, die Poetikvorlesung eines leidenschaftlichen Sprachspielers, abenteuerliche Rezensionsreisen zu Songs, Filmen und Büchern, und vor allem ein Plädoyer für ein wildes, freies Leben voller Liebe“. Geschrieben zu allem Überfluss auch noch teilweise in bayerischer Mundart, die dem Restdeutschen mindestens fremdartig, dem Bewohner norddeutscher Tiefebenen jedoch geheimnisvoll erscheinen muss. Wir sind tolerant. Aber wir fragen schon: Was für ein Genre? Jeder Verlag fragt das bei der Manuskriptabgabe. Welche Zielgruppe? Worum geht es denn überhaupt? Wir würden schon gerne wissen, was Martin Wimmer auf diese Fragen dem Verleger Rainer Weiss geantwortet hat. Ein Buch über Deutschland und Amerika, über die Transatlantikbrücke der Kultur. Das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt also.

Worum geht es? Es geht um eine Beziehung, von der wir bisher noch nicht wussten, dass sie derartig lebendig war und ist. Zwischen Bayern, Texas und Frankfurt am Main lassen sich unzählige kulturelle Verbindungen aufzeigen. Nicht nur den Strom amerikanischer Einflüsse auf die hiesige Kultur zeigt Martin Wimmer auf, sondern ebenso die Impulse, die aus old Europe über den großen Teich geschwemmt worden sind. Und der Autor eröffnet zugleich eine musikalische Welt die uns, die wir hauptsächlich im Mainstream unterwegs sind, bisher verborgen geblieben ist. Youtube und Wikipedia waren bei der Lektüre stetige Begleiter, um Unentdecktes zu heben, welches dem unbedarften Kulturkonsumenten bisher verborgen blieb.

Dreh- und Angelpunkt des Buches ist Townes van Zandt, ein texanischer Singer-Songwriter, Liederpoet, der bereits 1997 seinem Leben im Alter von 52 Jahren erlag. Er ist die Identifikationsfigur des Buches. An ihm und von ihm ausgehend, erschließt Martin Wimmer die Welt von Blues, Country und Folk. Wimmer ist nicht nur DJ am Vinyl. Mit diesem Buch legt er literarisch Platten auf. Und wir staunen und wundern uns. Und manchmal – beim Reinhören in die genannten Titel – weinen wir.

Und der Autor? Wer ist dieser Mann, der von sich ironisch behauptet, der Nachfolger von Hilmar Hoffmann zu sein, dem Säulenheiligen der bundesrepublikanischen Kulturpolitik in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts? Als Lakaien tituliert er sich selber, der als Büroleiter des Frankfurter Oberbürgemeisters im Alltag vermutlich weniger mit Kunst, als mit dem Schwarzbrot bürokratischer Dienstwege zu tun hat. Townes van Zandt war manisch-depressiv und Hilmar Hoffmanns Anspruch einer „Kultur für alle“ wird bis heute kontrovers diskutiert. Sich zwischen diesen beiden behaupten zu wollen, ist ein mutiger Anspruch. Martin Wimmer hat es gewagt und gewonnen. Wimmer ist ein Kulturmensch par excellence, der in diesem Buch seinen Alltag, seine Visionen, Dichtung und Wahrheit in eins bringt.

Da ist kein festgelegtes Genre. Das Buch ist Poesie, Plädoyer, Politik und Promenade. Poesie, weil es spielerisch mit der Sprache variiert; Plädoyer und Politik, weil es dem Anspruch verpflichtet ist, Kultur lebendig werden zu lassen und Promenade, weil der Autor mit Schmuck nicht geizt, wenn er sich zwischen Mühldorf, Galveston und Frankfurt bewegt, in einer Eleganz, die staunen lässt. Da schreibt jemand von sich und nicht über sich. Das Ergebnis ist weder narzisstisch noch egozentrisch, sondern lädt ein, es ihm gleich zu tun und sich in die Kunst hineinzubegeben, zu schreiben, zu singen, zu spielen und vor allem, zu lieben: die Menschen, das Leben, das Schöne – und manchmal auch die Verzweiflung.

Das Buch ist intellektuell vergnüglich zu lesen und bietet jede Menge Erkenntnisse. Vor allem aber geht es darum zu erleben, wie Wimmer an anderer Stelle und mit anderem Bezug schreibt, „wie in einem literarischen Verfahren aus den drei biographischen Formungskräften Politik, Musik und Liebe in einer Mischung aus erinnerter Halbwahrheit, freier Erfindung und assoziativer Recherche ein kommunikativer Akt […] entsteht“ (120f.), ein Akt mit dem Leser oder der Leserin.

„Eine Rezension“, so Wimmer, „ist gut, wenn sie den Leser sich selbst nahebringt.“(147) Wir möchten ergänzen, auch ein Buch ist erst dann gut, wenn es die Leserin oder den Leser sich selbst nahebringt. Das ist Martin Wimmer gelungen. Indem er Bezüge aufzeigt, Vorlieben präsentiert und von sich und der Kultur plaudert, beginnen wir, zu hören, zu denken und zu assoziieren.

Was hat das alles mit Kulturpolitik zu tun? Auch hier gibt der Autor die Antwort selbst. „Wer die Gesellschaft verändern will, muss sich der kulturellen Bedingtheit von Motiven und Mechanismen stellen. Jede politische Intervention ist eingebunden in kulturelle Traditionen und wirkt auf die zukünftige Lebenswelt der Menschen zurück. Politische Kultur und Kulturpolitik sind untrennbar miteinander verwoben.“ (176) Wer Kultur lebt, geht in den Diskurs, präsentiert und setzt sich aus. Musik, Literatur, Kreativität und Spiel sind nie nur ein Genuss, sie sind immer ein Statement, so oder so. Kunst kann etwas verändern. Kulturpolitik kann Veränderungen bewirken, wenn sie eine Option hat. „Die globalen Überlieferungen der Vorstellungen vom ‚guten Leben‘ und die freie, konstruktive Kommunikation über sie auf Wohnzimmersofas, Schulbänken und Marktplätzen, in Filmen, Büchern und Liedern haben auf die Überzeugungen Einzelner mit größerer Wirkmächtigkeit Einfluss als der […] Stand der Diskussion in Parlament und Hörsälen.“ (177) Genau das löst Wimmer mit seinem Buch ein.

Das Buch ist ein Manifest. Mag Martin Wimmer in seinem Versuch, sich zu behaupten, trauriger als Townes van Zandt sein und in den Fußstapfen Hilmar Hoffmanns versinken, so kann doch die intellektuell vergnügliche Lektüre seiner literarischen Tour d’Horizon von Sachsenhausen bis Texas und zurück angesichts der derzeitigen herrschenden Verhältnisse in den Vereinigten Staaten uns doch Hoffnung geben. Kunst ist ein Weg, sich selber und anderen offen zu begegnen. Das ist zwar nicht von Hilmar und hoffnungsvoller als von Townes, aber trotzdem wahr – Martin Wimmer sei Dank.

Martin Wimmer, Ich bin der neue Hilmar und trauriger als Townes. Weissbooks: Frankfurt am Main 2016, 282 Seiten, 22,00 €

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