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Von der Sprachlosigkeit zur Auskunftsbereitschaft

Ich habe hier schon seit Langem nichts mehr geschrieben, erstens waren Ferien und zweitens herrschte bei mir eine gewisse Sprachlosigkeit über das, was sich in den vergangenen Wochen in Europa ereignete. Dabei ist das Sprechen jetzt umso wichtiger. Der Kontinent erlebt gerade, was es heißt, wenn tausende Flüchtlinge kommen, in der Hoffnung auf ein besseres, ein sicheres Leben. Jahrzehntelang wurde darauf hingewiesen, dass die globale Völkerwanderung Europa erreicht und nun spüren wir, was das in der Realität bedeuten kann. Man muss ehrlich sein – und viele Kommentatoren der Ereignisse werden nicht müde, darauf hinweisen: Das, was wir jetzt erleben, ist erst der Anfang. Die Klimaveränderungen auf dem Planeten werden zu weiteren Flüchtlingsströmen führen, gerade in die gemäßigteren Zonen der Nordhalbkugel.

Die Gastfreundschaft in unserem Land ist überwältigend. In der Tat ist es so, dass den Menschen, die zu uns kommen, existenziell geholfen werden muss. Aber wir müssen auch danach fragen, was morgen ist, was kommt, wenn der Alltag anfängt. Wird die auch bei uns vorhandene latente Fremdenfeindlichkeit offen ausbrechen und überhandnehmen? Und wie gehen wir mit den Fragen um, die fremde Kulturen und fremde Religionen an uns stellen? Die Flüchtlinge fordern uns heraus. Natürlich ist es ein logistischer Aufwand, sich um Unterkunft, Registrierung und Versorgung zu kümmern. Langfristig aber haben wir es mit einer kulturellen Fragestellung zu tun. Unsere Gesellschaft hat lange Jahre auf der Welle der Ökonomie gesurft, hat nicht mehr über Werte gesprochen, hat Religion vernachlässigt, Kunst und Kultur als schöne Nebensächlichkeit zelebriert. Man hatte sich im säkularen Kapitalismus ganz gemütlich eingerichtet. Nun kommen Menschen zu uns, die Hilfe benötigen, die andere Sprachen sprechen, die einen anderen Glauben haben und die diesen Glauben leben. Und wir stehen vor einer Situation, in der wir Auskunft geben müssen. „Kulturen sprechen nicht“, hat der Sozialwissenschaftler  Frank-Olaf Radtke ein Buch provozierend genannt. Was er geschrieben hat, ist keine fundamentale Absage an multikulturelle Dialoge, sondern ein Versuch, die kommunikativen Schwierigkeiten zu beschrieben, die beim Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen entstehen können. Der Kulturbegriff an sich besagt, dass ein geschlossenes System existiert, welches sich dadurch definiert, von seiner Umwelt abzuheben und nicht zu vermischen. Um Konflikte zu vermeiden, muss es eine Verständigung zwischen den Kulturen geben, Verhandlungen, wo Dialog nicht möglich ist, weil die jeweiligen Kulturen zu viele Eigenarten aufgeben müssten. Das Ergebnis wären, so Radtke, vertragliche Vereinbarungen über die jeweiligen Freiheiten, Rechte und Pflichten. Also durchaus miteinander reden, aber ehrlich und im Wissen um Grenzen. Die Verständigung, was wir unter unserer Kultur verstehen (und ja, auch unter dem, was wir Religion nennen oder eben nicht), haben wir in unserem Land in der Vergangenheit vernachlässigt. De Begegnung mit anderen Kulturen und Religionen, wird nun umso stärker werden und es wird unser aller Aufgabe sein, uns über den eigenen Standpunkt zu verständigen. Wir werden die Gretchenfrage beantworten müssen. Nicht, um einen Gegeneinander von Kulturen und Religionen zu befördern, sondern um ein Miteinander zu ermöglichen. Nur wer den eigenen Standpunkt kennt, hat keine Angst vor dem Fremden. Wir brauchen den Blick zurück, auf unser kulturelles Erbe, um nach vorne schauen zu können. Wir brauchen eine historische Vergewisserung über Ästhetik (verstanden im Sinne von Lebensstil), um uns ethisch in der Zukunft bewegen zu können. Wenn wir wissen, woher wir kommen (und welche Geschichte wir mitbringen, zu der übrigens auch die Integration von Millionen von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte), dann lernen wir, Wege für morgen zu bauen. Wenn es in unserem Land nicht gelingen sollte, den eigenen Standpunkt zu definieren, um auf fremde Standpunkte selbstbewusst und gelassen zuzugehen, werden wir das Feld den dumpfen Rattenfängern überlassen, die uns eintrichtern wollen, nur wer sich abschotte, habe eine Zukunft und Menschen, die unsere Hilfe bedürfen, wären eine Bedrohung für uns. Nutzen wir die Situation, um von der Aufregung zur Auskunftsbereitschaft zu kommen; überlegen wir uns, was wir auf die Frage antworten, woher wir kommen, wohin wir wollen und was wir glauben (das ist auch eine Aufgabe kultureller Bildung). Wenn wir hier ehrlich sind, werden wir keine Schwierigkeiten haben, uns in einer bunten und vielfältigen Gesellschaft zu bewegen. Wenn wir unsere Kultur vergegenwärtigen, werden wir auch Offenheit und Toleranz für andere Kulturen zeigen können. Um es mit einem abgewandelten Zitat aus den Paulusbriefen des Neuen Testamentes zu sagen: Wir sollten jederzeit bereit sein, antworten zu können, wenn man uns nach unserer Hoffnung, unseren Überzeugungen und unseren Werten fragt, aus denen wir leben.

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