Kulturfragen/Kulturpolitik

Die Zahlungsunfähigkeit Europas

„Man befürchtet im Augenblick nichts als den totalen Bankerott, dem, wie es scheint, ganz Europa entgegengeht, und vergisst darüber die weit gefährlichere, anscheinend unumgehbare Zahlungsunfähigkeit in geistiger Hinsicht, die vor der Tür steht“, schreibt Søren Kierkegaard in einem überlieferten Fragment, das den Anfang eines nie vollendeten Briefromans bilden sollte.

Wer die Sätze liest, mag angesichts des Dramas um die Schulden Griechenlands meinen, hier liege keine zweihundert Jahre alte Aussage vor, sondern ein hoch aktuelle Analyse. Denn: Das eigentliche Problem Europas liegt nicht in Athen. Die Gräben liegen tief in und der Grund liegt nicht in Werten oder Ansichten. Der Grund liegt im Geld. Wie soll man das Projekt der Europäischen Union denn noch verteidigen, wenn der Eindruck entsteht, wie hätten es nicht mit einer idealistischen Wertegemeinschaft und einem Friedensprojekt, sondern mit einer Kapitalgesellschaft zu tun?

Das Zitat Kierkegaards geht weiter, denn die Zahlungsunfähigkeit, von der Kierkegaard spricht, ist eine „Sprachverwirrung, weit gefährlicher als jene babylonische (…), als jene auf die babylonischen Versuche des Mittelalters folgende National- und Dialektverwirrung …“ Im weiteren Kontext lässt sich Kierkegaard über die Kraft und Ohnmacht der Worte aus. Und in der Tat ist es so, dass Worte Bewusstsein prägen. Im Zusammenhang mit der griechischen Schuldenkrise haben die Worte zu mehr als einer Dialektverwirrung, nämlich zu einer Sprachperversion geführt. Wir sprechen nicht mehr über Solidarität, Hilfestellung und Gemeinschaft, sondern über Forderungen, Verpflichtungen und Lasten. Da ist zum Beispiel die Rede davon, Griechenland habe das falsche „Geschäftsmodell“, so als ob man Kulturen auf Bilanzen reduzieren könne; fast blasphemisch mutet dieser Gedanke an. Da spricht ein ARD-Korrespondent in der Tagesschau davon, Politik könne Wirtschaft nicht „einfach an die Seite drücken“. Da fragen wir uns doch nach dem Primat der Politik und der Eindruck verfestigt sich, dass die Ökonomen den Politikern diktieren, was zu tun sei. Das Gezerre um die griechischen Staatsschulden hat gezeigt, dass Europa die gemeinsame Sprache verloren hat. Mit dem Verlust der Sprache aber zerbricht die gemeinsame Kultur und das gegenseitige Verständnis. Nicht umsonst war von verlorenem Vertrauen die Rede. Was bleibt, ist nur die Sprache der Banken und Börsen – der Finanzstrukturen also.

Das Ringen um die Schulden Griechenlands beweist, dass die eigentliche Krise keine Finanz-, sondern eine Sprachkrise Europas geworden ist. In dem Versuch, Zusammenhalt mit Steuerregeln, Wettbewerbsabbau und Wirtschaftsdaten zu befördern, wird von der eigentlichen Idee nicht mehr gesprochen.

Der kluge Martin Buber, ein Prophet des Dialogs, dessen dreissigsten Todestag wir in diesem Jahr begehen, berichtet in seinen unvergleichlichen „Erzählungen der Chassidim“ folgende Begebenheit: „Rabbi Jizchak erging sich einmal an einem Spätsommerabend mit seinem Enkel im Hof des Lehrhauses. Er fragte, ob man heute den Schofar geblasen habe, wie es geboten ist, ein Monat ehe das Jahr sich erneut. Danach begann er zu reden: „Wenn einer Führer wird, müssen alle nötigen Dinge da sein, ein Lehrhaus und Zimmer und Tische und Stühle, und einer wird Verwalter, und einer wird Diener und so fort. Und dann kommt der böse Widersacher und reißt das innerste Pünktlein heraus, aber alles andere bleibt wie zuvor, und das Rad dreht sich weiter, nur das innerste Pünktlein fehlt”. So ist es leider mit Europa geworden. Alles dreht sich weiter wie bisher, weil das Rad laufen muss, weil die Maschinen funktionieren müssen, weil das Wachstum nicht aufhören darf und der Wettbewerb reüssieren soll. Aber das innerste Pünktlein ist leider dabei verloren gegangen. Es fehlt, was Europa zur Sprache gebracht hat, das Miteinander, das Kennenlernen und Verstehen. Liest man die BILD-Zeitung dieser Tage als vox populi, so will niemand mehr den anderen verstehen. Und, zugegeben, Sprache muss verlässlich sein, klar und wahr und so mancher Politiker in Griechenland hat es an klarer Verbindlichkeit fehlen lassen; das Vertrauen ist perdu. Vertrauen geht verloren, wenn man keine gemeinsame Sprachbasis mehr hat. Die gemeinsame Sprache ist der Mechanisierung des Betriebs zum Opfer gefallen. Wie sagte doch der ehemalige griechische Finanzminister Varoufakis in seinem ersten Interview nach dem Rücktritt: „What you say is independent of what they say. […] It was not even annoyance, it was as if one had not spoken.” – “Was Du sagst, ist vollkommen unabhängig von dem, was sie sagen. Das war noch nicht einmal Ärger; das war, als ob niemand etwas gesagt hätte.”

Europa mag sich erst dann am Schopfe aus dem Sumpf ziehen, wenn es gelingt, wieder ein Gefühl für den anderen zu bekommen und das in gemeinsame Worte zu fassen. So, wie es eben jener Søren Kierkegaard am Ende seines Hauptwerkes „Entweder – Oder“ formulierte: „(Man) kann eine Sache viele Male erkannt, sie anerkannt haben, man kann eine Sache viele Male gewollt, sie versucht haben, und doch, erst die tiefe innere Bewegung, erst des Herzens unbeschreibliche Rührung, erst sie vergewissert dich, dass das, was du erkannt hast, dir gehört, dass keine Macht es dir rauben kann; denn nur die Wahrheit, die erbaut, ist Wahrheit für dich.“

Das ist wahrhaft gefährlich an dem aktuellen Disput: dass das sprechende Herz Europas verloren geht. Nun muss Europa wieder zu einer wahren Herzensangelegenheit werden, erst dann kann auch Griechenland wirklich geholfen werden. Und nur so kann die wirkliche, nämlich die intellektuelle und kulturelle Zahlungsunfähigkeit Europas, die Unfähigkeit, miteinander zu sprechen, verhindert werden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s