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Kultur-Bewegung: Was Kulturförderung in Großbritannien und Deutschland unterscheidet und was voneinander zu lernen ist

Groß-Britannien ist für seine gewinnorientierte Politik bekannt. Geld und Gewinn spielen im Leben eine große Rolle und die öffentlichen Ausgaben werden gerne demonstrativ zurückgefahren. Das macht auch vor der Kultur nicht halt. Viele Institutionen müssen ohne öffentliche Gelder auskommen, das trifft gerade das Kulturelle Erbe. Getragen werden diese Einrichtungen von gemeinnützigen Institutionen wie dem National Trust oder English Heritage. Diese finanzieren sich über Mitgliedsbeiträge, ehrenamtliches Engagement (laut Wikipedia leisten allein beim National Trust 61.000 Menschen einen freiwilligen Dienst), dazu einladen aus Shops, Cafés, Erbschaften, Spenden, Vermietungen usw. Dazu teilweise horrende Eintrittsgelder. Die Anlagen sind gut erhalten und die Ehrenamtlichen, die man dort trifft, höflich, auskunftsfreudig und augenscheinlich mit Herzblut bei der Sache. Alle Kulturinstitutionen stehen vor den Herausforderungen, einen Großteil ihrer benötigten Mittel selber zu beschaffen. „Es gibt“, so Professor Jonathan Neelands in einem Beitrag für den Deutschlandfunk, „ keine einzige Kultur-Organisation, die ausschließlich öffentlich oder von der Regierung finanziert würde. Es wird zunehmend von allen Kunstinstitutionen erwartet, dass sie ihr kommerzielles Potenzial ausschöpfen.“

Aus Deutschland, dem Land der Kultursubvention kommend, schluckt man erst einmal, wenn man so manche Liste der Eintrittspreise für Kulturerbestätten sieht. Und man fragt sich unversehens: Ja, kann das denn so sein? Warum wird hier kein öffentliches Geld in die Hand genommen? Und wie sieht es aus mit den Menschen, die sich die hohen Eintrittsgelder nicht leisten können? Bleiben die von Kulturellen Erbe ausgeschlossen? Immerhin sind viele Museen kostenlos, so wird niemand ein Ticket lösen müssen, der die Tate Galerien oder das British Museum in London besuchen will, Bildungseinrichtungen par excellence.

Die Frage nach der Kehrseite lautet: Was gibt es in England, was es in Deutschland nicht gibt? Wir sind stolz auf unsere Kulturförderung und doch reißt die Foto 2cDiskussion um die Zukunft der kulturellen Infrastruktur in unserem Land nicht ab.

Wer kennt sie nicht? Die vielen Charityshops in England. Dort werden Krimskrams und Second-Hand-Klamotten zugunsten der Herzliga verkauft, da für Oxfam und dort fürs Tierheim. Fast immer werden sie von Ehrenamtlichen betreut, die sich rührend um Kunden, Waren und das Anliegen des guten Zwecks kümmern.

Sowohl die Shops als auch das Beispiel des Kulturellen Erbes zeigen: Es gibt offenkundig in England eine breite Bewegung von Menschen, die sich gerne und effizient für soziale oder kulturelle Belange engagieren. Da mag es auf den Inseln eine gewisse philanthropische Tradition geben, die über Jahrhundert zurückreicht. Auch mag es, weil das ökonomische Profil in Großbritannien ist, wie es ist eine große Notwendigkeit geben, sich stärker zivilgesellschaftlich zu engagieren. Es mag aber auch so sein, dass uns in Deutschland das Gefühl dafür verloren gegangenen ist, dass Kultur uns alle etwas angeht und dass es an uns, an jedem einzelnen liegt, sich für die Kultur und das Kulturelle Erbe zu engagieren. Den Kirchen wird seit Jahren vorgeworfen, dass sie ihre soziale Verantwortung outgesourct haben. und in der Tat sind Caritas und Diakonie zu Großkonzernen geworden, die, zwar unter dem Deckmantel der Kirche, Sozialwirtschaft betreiben, jedoch mehr oder weniger unabhängig von den Kirchen. Diese wiederum sind froh, dass ihr ureigener Auftrag der Nächstenliebe erfüllt wird ohne das Tagesgeschäft zu stören. Ähnlich verhält es sich allzu oft mit der Kultur. Eben weil es in Deutschland ein breites Feld öffentlicher Kultur Förderung gibt, fühlen wir uns Bürgerinnen und Bürger weitestgehend dispensiert, der Staat kümmert sich ja um Musikförderung, Museen und Theater, Wer will, engagiert sich im Förderverein. Das ist jedoch etwas ganz anderes, als es auf den britischen Inseln zu beobachten ist. Auf jeden Fall ist es so, dass dort die Kultureinrichtungen wirtschaftlicher geführt werden. Das ist Ausdruck des Willens nach Unabhängigkeit, weil jede staatliche Förderung per se Kreativität einschränken kann. Darauf verweist auch der bereits erwähnte Beitrag im Deutschlandfunk hin. Ob das gut ist, mag zunächst einmal dahin gestellt sein. das deutsche System hat sicher seine Berechtigung und sollte nicht klein geredet werden. Dazu kommt aber, dass die Kultursache vermutlich mehr eine Sache des Herzens und der Öffentlichkeit ist, als es bei uns den Anschein hat: In Großbritannien finden sich unzählige Männer und Frauen, die das Kulturelle Erbe pflegen, die als Ansprechpersonen in den großen Denkmalen zur Verfügung stehen, die kleine Cafés und Shops betreiben und die durch ihre Persönlichkeit und ihre Tätigkeit dazu beitragen, dass Kunst und Kultur genossen und tradiert werden können. Sie haben Kultur zu ihrer Sache gemacht, nicht nur als Konsumenten, sondern als Akteure.

Nein, iwo, ich will hier gar nicht die öffentliche Kunstförderung in Deutschland komplett in Abrede stellen. Wie gesagt, die Frage, wie eine soziale Teilhabe möglich ist, habe ich in Großbritannien nicht abschließend beantwortet gefunden. Gleichwohl aber bleibt der Eindruck, dass man sich viel stärker mit der Kultur des Landes identifiziert, dass sie zum festen Bestandteil des Lebens gehört. Kann es sein, dass die bisher gut vorhandene öffentliche Kulturförderung in Deutschland uns daran hindert, uns stärker zu agieren? Kann es sein, dass die Diskussionen, die seit Jahren schon um die Zukunft der Kulturförderung dazu führen könnte, dass auch in Deutschland das Engagement steigt? Leider läuft hier vieles von politischer warte aus mit Berechnung und Ehrenamtliche werden gerne dazu benutzt, den Kehraus zu machen, wenn die öffentliche Hand nicht mehr zahlen will. Das kann nicht das Ziel staatlicher Kulturpolitik sein. Aber unser gesellschaftliches Ziel muss es sein, Kunst und Kultur wieder zur Sache aller zu machen, zur Sache des Staates und zur Sache der Bürgerinnen und Bürger. Das können beide System voneinander lernen. Für uns in Deutschland gilt: Kultur und unser Kulturelles Erbe muss (wieder) selbstverständlicher Teil einer Bügerbewegung werden.

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