Kulturfragen

Stillstand

Es gibt Tage, an denen möchte ich die Welt anhalten, für einen kurzen Moment. Die Sterne stünden still, Menschen und Tiere würden innehalten. Die Erde und alles, was auf ihr wäre, läge ruhig vom Mond beschienen und nichts passiert. Niemand wäre getrieben von Fragen und Schreien. Nichts bliebe, außer Stehen und Schauen, wie sich im Dunkeln das Mondlicht über Land und Meer ergießt. Langsam ein- und ausatmen, die kalte Luft spüren, die über das Wasser weht. In einem kurzen Augenblick alles vergessen in dem ruhigen Wissen, dass die Welt stillsteht, nicht einer wird bedrängt und niemand muss weinen. In diesem Moment die Kraft in sich aufnehmen, die man braucht, um weiterzugehen, um zu antworten, wenn die Welt sich wieder dreht. Und dann, wenn sich die Welt ganz langsam, knirschend und knarrend, denn sie ist schon sehr alt und leider schon ziemlich abgenutzt, wieder in Bewegung setzt, dann haben wir uns besonnen, haben zurückgeblickt, haben wie in einem Spiegel erkannt, dass Bewegung Veränderung bedeutet.

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4 Kommentare zu “Stillstand

  1. Gefällt mir..und regt mich an, zu kommentieren: „Die Welt ist (frei nach Schopenhauer) im Kopf“ Wenn ich mir dessen bewusst bin, kann ich auch lernen, sie dort anzuhalten. Und auch lernen, dass dieses Anhalten wichtig ist, um mich/sie anschließend in die richtige Richtung zu bewegen…, zu verändern…Ein Sonntag ist dafür geschaffen…

  2. Die pastorale Ansprache des unter dem Claim „Kulturfragen“ eingestellten Originaltextes von Martin Lätzel, hochromantisch in Kleidern der Homiletik gewandet, hält beim Kommentator Rainer J. Kraatz, was sie verspricht: Die Welt scheint angehalten sein zu wollen, um Bewegung in die Betrachtung zu bringen. Die Tür zum Solipsismus ist schnell durchschritten, wie im Kommentar tendenziell vollzogen. Das kann in die Irre führen. Die Welt ist nicht im Kopf – auch nicht sonntags – weder bei Schopenhauer, noch beim Bärtchen Descartes‘. Das wollen uns nur Prediger und Seelenfänger weismachen. Trotzdem schöner Text.

    • Entdecke diesen Kommentar leider erst jetzt-ja durchaus auch in einem elaborierten Sprachstil verfasst ;-)…und gut zu lesen. Zu Recht ist Solipsismus diskussionswürdig…Doch schon das hier zu lesende Beispile von Rde und Gegenrede zeigt, dass zu ein und demselben Sachverhalten unterschiedliche „Weltbilder“ im Kopf sind…Das ist gut so, interessant, bereichert. Doch mir scheint entscheidend, dass man sich BEWUSST macht, dass zum gleichen Sachverhalt, zur gleichen Wahrnehmung dennoch unterschiedliche Wahrnehmungen und Einstellungen entstehen…Dies könnte man als methodologischer Solipsismus bezeichnen – das Wissen darum muss jedoch nicht Isolation bedeuten, sondern kann zur Öffnung führen…

      • Solipsisten – und methodologische gar erst – pflegen des Öfteren Empfehlungen zu erhalten, einen anständigen Logikkurs zu besuchen – sozusagen zum Zwecke der Resozialisierung. So die Legende. Durchaus chancenreich, hier einige für Erkenntnis und Verstehen und auch Wahrnehmung nicht unwichtige Grundlagen wiederzuentdecken – zur Ursachenlehre beispielsweise oder zum Satz vom zureichenden Grund. Der könnte übrigens auch wieder zu Schopenhauer führen, aber nicht zwangsläufig in die Isolation. Im Gegenteil: Jene Empfehlung öffnet Weltsicht, ohne Esoterik als lüsterne Wegelagerin. Effektiver noch der Selbstversuch, Prinzipien des methodologischen Solipsismus anzuwenden auf denselben selbst. Dann macht es Päng – gerade dadurch weil es gesichert gar nichts gibt, worauf er gesichert angewendet werden könnte. Methodologischer Solipsismus stiftet mehr Verwirrung denn Verständigung. Und die Welt ist auch kein bloßer Traum.

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