Kulturfragen/Kulturpolitik

Sie leben von Dingen, die sie liehen (Gottfried Benn)

Was ist Kultur für dich?, fragt Tanja Praske in ihrer Blogparade. Die Antworten sind vielfältig – und das ist gut so. Kultur hat einen Hang zur Individualität und einen kollektiven Charakter. Für eine Blogparade genau die richtige Mischung. Für mich ist Kultur die Möglichkeit, die Frage erörtern zu können, was Kultur für mich ist. Was sich etwas sonderbar anhört, ergibt, in einzelne Aspekte zerlegt, durchaus Sinn. Es handelt von der Möglichkeit, der Erörterung, dem Können und vom Ich. Zunächst einmal, die „Möglichkeit“. Die Begriffe Kultur und Zivilisation sind für mich nicht voneinander zu trennen. Menschen gestalten ihr Zusammenleben und versuchen, sozial und materiell miteinander auszukommen. Kultur an sich definiert Abgrenzungen, das liegt in ihrem Wesen. Zivilisation überwindet die Hürden und sorgt für einen geregelten Austausch. Wenn also die Frage nach dem Wesen und Sinn der Kultur erörtert werden kann, sichert die Zivilisation den freiheitlichen Rahmen der Erörterung. Wo es keine Möglichkeiten gibt, über Kultur zu reflektieren, wo keine Freiheit herrscht, gibt es keine Zivilisation und Kultur wird pervertiert.

Der zweite Begriff, den ich mit Kultur verbinde, ist die „Erörterung“. Einen Sachverhalt zu erörtern bedeutet, ihn nicht als statisch anzusehen. Erörterung ist ein Prozess unterschiedlicher Meinungen und Ansichten – vielleicht dialektisch – wie auch die Kultur ein Prozess ist. Sollte sie erstarren, untergräbt sie die Zivilisation und führt zur Reaktion. Wenn ich etwas erörtere, brauche ich dafür in gewisser Weise die notwendigen Kompetenzen, das „Können“. Das erlange ich durch Bildung. Bildung und Kultur sind so eng miteinander verbunden, dass sie zwei Seiten einer Medaille darstellen und nicht voneinander zu trennen sind. So ist die „Kulturelle Bildung“ eine Tautologie, genau genommen müsste man das, was heutzutage unter kultureller Bildung versteht, als ästhetische Bildung bezeichnen. Bleibt das „Ich“. Ich bin ein handelndes Individuum. Aufgrund von Freiheit und Bildung vermag ich mit Fragen, die das Leben und das Zusammenleben betreffen, auseinanderzusetzen. So wird die Individualität wesentlich Teil der Kultur, die sich als Ganzes entwickelt, kollektiven Charakter hat und mehr ist als die Summe ihrer Teile.

Und die Kunst? Kunst ist ein wesentlicher Teil der Kultur, aber sie erschöpft sich nicht in ihr. Gottfried Benn unterschied zwischen dem Kunstträger und dem Kulturträger. Kunst sei etwas besonderes, aber die Kultur umfasse vieles, eben auch Bildung und Erziehung. Kulturträger, so Benn, würden das Beet bestellen, seien flexibel und ermöglichend. Kunst hingegen sei etwas Statisches und in gewisser Weise monoman. Kulturpflege ist Beetpflege, die Zivilisation errichtet das Beet. Die Kunst wächst. Wie, ist in gewisser Weise unvorhersehbar – das Wachstum nur geliehen. Das macht die Kunst so spannend. Um unserer Kultur willen muss es uns gelingen, die Kultur aus der Kultur zu holen, um sie nicht zu reduzieren auf Museumsneubauten oder Theaterfinanzierungen, sondern wieder zu dem Kern führen, der sie ausmacht – nämlich dem zivilisatorischen Moment, der Grundlage unseres Zusammenlebens.

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3 Kommentare zu “Sie leben von Dingen, die sie liehen (Gottfried Benn)

  1. Pingback: Blogparade: "Kultur ist für mich ..." - Aufruf #KultDef

  2. Lieber Martin,

    wow … merci für deinen Beitrag zu #KultDef und pardon für meine erste platte Reaktion – ein Ausruf!

    Ich denke, ich werde, wenn wieder Ruhe einkehrt, bei dir hier stöbern! Mir gefallen deine drei Begriffe, die zur Kultur für dich dazu gehören. Tatsächlich zählt der Begriff der Freiheit für mich zur essentiellen Voraussetzung, der nötig ist, um Kultur sich entwickeln lassen zu können, befreit von einer Zwangskultur. Aber ist diese Freiheit auch wirklich so frei, wie wir meinen? Werden wir nicht auch eingegrenzt von den Werten, die wir von klein an erfahren haben? Immerhin, wir haben die Freiheit uns zu äußern. Tatsächlich öffnest du eine Diskussion, die für mich erst am Anfang steht, empfunden aus meiner Unbedarftheit heraus.

    Susanne und Norman ziehen ebenso den Schulterschluss von Kultur und Bildung. Eure drei Beiträge ergänzen einander und bieten Stoff zur Diskussion, wie auch die anderen mittlerweile 19 Teilnehmer der Blogparade.

    Merci dir und schönen Abend!

    Herzlich,
    Tanja

  3. Pingback: Lesestoff: Drogen, Lächeln, Romantik und Dohlen

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