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Kulturschock

Auf diesem Blog ist viel von Kultur die Rede und man könnte meinen, mir ginge es um ein – wenn auch interessantes – doch eher Rande liegendes Phänomen in unserer Gesellschaft. Hier ein bisschen Theater, dort ein bisschen Musik und dahinten etwas Museum. Ja, das sind alles wichtige Ausdrucksweisen unseres Lebens, aber mir geht es um das, was dahinter steckt. Kultur ist die Art und Weise unseres Zusammenlebens. Da gehören die Künste dazu, aber in ihnen erschöpft sich die Kultur nicht. Sie sind eher ein lustvolles Spiel. Für mich ist Kultur die Gestaltung unserer Gesellschaft. Bei allem Respekt für ein schönes Konzert oder eine gelungene Ausstellung darf uns doch die Beschäftigung mit Kultur darin nicht genügen. Ich frage mich, was wir mit der Zukunft eigentlich wollen und ob es, so wie wir leben, eine gute Zukunft – wie es ja gerade die Bundesregierung in einer Art Abfrage versucht, herauszufinden – geben kann, vorausgesetzt, wir machen weiter wie bisher.

Seit gut zweihundert Jahren wurde uns eingetrichtert, unser Wirtschaftssystem (und damit unser Leben) beruhe auf Wachstum und seit gut vierzig Jahren haben wir verbrieft, dass das nicht funktionieren kann. Wir hören hin, nicken und werkeln weiter. Wir sind getrieben von Leistungszahlen, Aufwüchsen, Effizienz und Effektivität. Begriffe wie Solidarität, Gemeinschaft, Verantwortung, Geselligkeit oder Dialog sind altmodisch geworden und werden nur dann angewendet, wenn sie unserem Wirtschaftssystem nützlich erscheinen. Mit dem Blick auf die Zahlen haben wir das tiefere Verständnis für unser Zusammenleben verloren. Was bringt der ständige Gewinn, wenn Freundschaften, Familien und das eigene Leben auf der Strecke bleiben? Was bringen hohe Exportquoten, wenn wir von Teilen Europas als neue Hegemonialmacht betrachtetet werden, die jetzt mit der Industrie versucht, das deutsche Wesen zur Genesung in die Welt zu tragen? Weil wir unsere Art des Zusammenlebens – von guter Kultur will ich da gar nicht mehr sprechen – als alternativlos betrachten, überziehen wir unsere Partner in der EU mit bedingungslosen Austeritätsforderungen. Sicher gibt es eine Art weltweiten Wettkampf um die besten ökonomischen Startbedingungen in das 21. Jahrhundert. Wir wollen weiterhin ganz vorne mitspielen, nachdem wir der ganzen Welt lange genug vorgemacht haben, wie man zu Wohlstand kommt. Max Weber hat das zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts als protestantische Wirtschaftsethik beschrieben. Wer geschäftlichen Erfolg hat, stünde in der Gnade Gottes. Das hat man jahrhundertlang im Norden Europas geglaubt. Also wurde geschuftet, um sich der Gnade zu vergewissern. Und wer verloren hatte, war verloren. Der Herr hat’s gegeben und der Herr hat’s genommen. Dieses Verständnis ist bis heute in unseren Köpfen tief verwurzelt und hat sich in Europa ausgebreitet. Dass wir dabei unsere innerere und äußere Freiheit genauso verlieren wie unsere Seele, kommt uns nicht in den Sinn, weil wir uns in der Sinnlosigkeit eingerichtet haben. Wir predigen Werte in aller Welt und haben doch selber kaum mehr Wertvorstellungen, es sei denn, sie sind an der Börse handelbar. Wir halten die Individualität hoch, aber schotten uns ab vor den Individuen, die zu Tausenden zu uns kommen, weil sie in ihrer Heimat um ihr Leben fürchten. Wir wünschen uns Glück und verkennen den Genuss, nichts zu tun. Wir liefern Daten und liefern uns damit aus. Sozialstaat ist für uns nicht Verpflichtung, sondern Ansporn, sich auf den eigenen Hosenboden zu setzen, um dem Staat nicht zur Last zu fallen. Teilen wollen wir nur unsere Urlaubserlebnisse, aber kaum unsere Gewinne oder unser Eigentum. Gemeinschaft ist, wo jeder jedem nützlich ist, aber der wahre Kern eines Netzwerkes ist der Zusammenhalt. Sag tausend Menschen, dass sie verzichten müssen und es wird ein tausendfacher Aufschrei ertönen. In der politischen Logik heißt es, man dürfe heutzutage niemals von Verzicht sprechen. Wer daran denke und dann noch das Wort in den Mund nehme, könne einpacken. Niemand würde freiwillig auf etwas verzichten wollen, wo uns doch allen eingetrichtert worden ist, dass alles immer mehr wird. Vielleicht ist das Wort tatsächlich falsch, stellt es doch nur die – im Sinne Max Webers – „protestantische“ Variante der Gelassenheit dar. Entweder schrankenloses Wachstum oder asketischer Verzicht, beides sind Extreme, denen wir ach so prinzipientreuen Erben Preußens hinterher jagen. Gelassenheit aber ist etwas anderes. Gelassenheit kann bedeuten, nicht immer höher, schneller, weiter, besser und teurer zu sein, sondern etwas gemeinsam zu haben, statt einsam viel.

Nachdem ich diesen Beitrag geschrieben hatte, habe ich den Kommentar von Ulrike Herrmann im Standard gefunden. Was ich Gelassenheit nenne, heißt bei ihr komplementär „Trotzdem“. Alles in allem bedeutet das, nicht aufzugeben in dem Bemühen, eine Zukunft zu ermöglichen – im Wissen um Grenzen.

Der Kulturschock, dem wir entgegengehen, ist mitnichten die Begegnung mit anderen Kulturen. Kulturen markieren immer Differenzen. Der Kulturschock, vor dem wir stehen, ist die Erkenntnis, dass wir im ständigen Bestreben, materiell wachsen zu wollen, nicht zufriedener und reicher werden und dass wie Welt darunter leiden wird. Die wirkliche Entwicklung unserer Kultur wird sein, zu uns zu kommen, um anderen begegnen zu können und um Zukunft zu haben.

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