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Und Anpfiff! Das Spiel der Kultur

Freude ist die Grundlage allen Spielens. Denn mit dem Spiel als Antrieb menschlichen Engagements wächst auch das Kulturelle, ja, das zivilisatorische Moment in der Gesellschaft. Einer der profiliertesten Vertreter dieser Idee war der niederländische Gelehrte Johann Huizinga. In seinem Aufsatz Das Spielelement der Kultur von 1934 – jetzt neu erschienen bei Matthes & Seitz in Berlin – schreibt er: „Ich behaupte nicht, dass die Kultur aus dem Spiel hervorgeht, sondern dass sie in dem Spiel wächst, und außerdem dass sie in manchen Fällen ihren Spielcharakter bewahrt, wo man es nicht erwartet oder sich bewusst ist, kurz wie öfters Spiel und Ernst in der Kultur untrennbar sind oder ineinander schlagen.“ Wer sich aus Freude an seiner Tätigkeit einbringt, durchaus mit dem Wunsch, etwas zu erreichen und ja, auch Anerkennung zu bekommen, wird Teil des großen Spiels, das Zivilisation heißt.

Die Spieltheorie ist in vielen Bereichen im Gespräch. Gerade in der Ökonomie wird über das Für und Wider diskutiert. Im Prinzip geht es dabei um nicht-kooperative Methoden, um die Frage, wie zu entscheiden sei, angesichts bestehender Konfliktsituationen. Auf der anderen Seiten steht das kooperative Spiel, das gemeinsame Erreichen eines bestimmten Ziels. Die Definition der Kultur als Spiel hat augenscheinlich nichts mit dieser Art von Spieltheorie zu tun, geht es doch hierbei eher um die Performanz, die Visualisierung – sei es in der Reproduktion oder in der Projektion – bestimmter gesellschaftlicher Zusammenhänge und um die Realisation möglicher Szenarien, immer unter Verwendung von Rollen und Masken, immer mit der Methode des Als-ob. Durch die Anwendung der Spieltheorie in den Wirtschafts- und Politikwissenschaften ist der spielerische Charakter der Kultur zunehmend in den Hintergrund geraten, war er doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts höchst aktuell (man denke hier nur an Romano Guardini, den Kulturdenker unter den Theologen, der das Fanum des Gottesdienstes als Spiel rekonstruiert). Umso verdienstvoller ist es, die kulturelle Spieltheorie des Johan Huizinga wieder neu ins Gespräch zu bringen. Huizinga, Jahrgang 1872, war Historiker aus Groningen. Nach der Habilitation in altindischer Kultur- und Religionsgeschichte wurde er auf den Lehrstuhl für niederländische Geschichte an der Universität Groningen berufen, ab 1915 war er Professor für allgemeine Geschichte in Leiden. Den Nationalsozialisten stellte er sich mutig entgegen, sie verschleppten ihn deswegen 1942 ins Konzentrationslager. Huizingas Denken war gefährlich, weil es durchdacht war. Er starb am 1. April 1945 unter Hausarrest in De Steeg. Sein Lebensweg ist insofern im Zusammenhang von Belang, weil er seine Kulturtheorien nicht nur dachte, sondern sie auch konsequent weiterführte, Kultur als „Dienst“ verstand.

Huizinga charakterisiert in seinem Aufsatz zunächst, was das Spiel ausmacht, um daran anschließend den eigenen Kulturbegriff zu definieren. Er nimmt jeweils neu Anleihen aus der Anthropologie und der Philosophie, um den ursprünglichen Zusammenhang deutlich zu machen. Der Wissenschaftler dekliniert die Kultur als Spiel anhand unterschiedlicher Sparten wie Dichtkunst oder Musik. Vor allem übersteigt Huizinga einen allzu engen Kulturbegriff und führt das Spiel als Grundlage des Zusammenlebens einer Gesellschaft ein. Hier wird der Unterschied zur ökonomistischen Spieltheorie markiert. Denn: „Das Spiel ist nur echt, so weit es interesselos ist, so weit es seinen Zweck in sich selber hast.“ (45) Mit diesem Satz erteilt Huizinga dem Utilitarismus und allen überhöhten Erwartungen von und Ansprüchen an Kultur – seien sie nun politischen bedingt oder von Kulturschaffenden selber hervorgebracht – eine deutliche Absage. Hier liegen in Huizingas achtzig Jahre altem Essay, gerade im aktuellen Diskurs um die Kultur im Land und die ihr zugrundeliegende Kulturförderung sowie die inhärente Überhöhung jeglichen kulturellen Angebots, die Möglichkeiten weiterführender Erkenntnisse für die Debatte in der es mehr um die Freude, als um den Nutzen gehen sollte.

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