Gesellschaft und Innovation/Kulturfragen/Religion

Wollen wir’s hoffen?

L1010879Hoffnung ist ein altmodisches Wort. Vielleicht liegt es genau daran, dass heute kaum noch jemand von Hoffnung spricht. Wenn das Wort verwendet wird, dann meist in einem tragischen und aussichtslosen Zusammenhang. Es bestünde, heißt es nach Katastrophen, kaum noch Hoffnung, Überlebende zu finden. Es gäbe Hoffnung, von dieser oder jener Krankheit geheilt zu werden. Aber die Hoffnung als kulturelle Vereinbarung, als kollektiver Ausdruck, spielt heute augenscheinlich keine Rolle mehr. Das mag früher anders gewesen sein, besonders in Gesellschaften, die stark religiös geprägt waren und in denen Gesellschaft und religiöse Gemeinschaft ineins fielen. Mit der Religiosität ist aber nun offenkundig die Hoffnung verschwunden, so als seien beide untrennbar miteinander verbunden. Mitnichten ist das der Fall, hoffen können der Gläubige ebenso die der Un-Gläubige oder der Agnostiker, unterschiedlich ist ihnen nur die Referenz und sind die Kriterien.

Das Wort „hoffen“ kommt aus dem Westgermanischen und ist eng verwandt mit dem Wort „hüpfen“. Das hört sich niedlich an, beweist aber, dass „Hoffen“ eine aktive Bewegung ist, nichts, was sich passiv ereignet. Hoffnung zu haben, ist ein Prozess des Willens. Man kann sich angesichts so vieler Probleme der Existenz, seien sie individueller Art oder finden sie sich in der Gesellschaft und auf der Welt insgesamt, in Lethargie, Regression oder Depression ergehen. Oder man kann sich, auch das gibt es, einer trügerischen Hoffnung ergeben, einer Art Zweckoptimismus, dass alles doch irgendwie gut werden MUSS, wenn man nur lang genug abwartet. Die Technik wird’s schon richten. Oder die Einsicht. Oder die Inflation.

Aber Hoffnung ist nichts, worauf man warten kann. Hoffnung ist Arbeit. Sie kann das Ergebnis eines offenen Austausches sein, sie kann entstehen infolge der Sammlung vieler Informationen, sie kann aus Reflexion entstehen. Hoffnung ist mehr als ein Gefühl, sie ist vielmehr ein Amalgam aus Willen und Gefühl, gewürzt mit einer Prise Zuversicht, ohne, dass sich die Hoffnung ganz darin erfüllt. Auf jeden Fall kommt sie nicht von einer alleine, man muss hoffen wollen, um Hoffnung zu haben. Hoffnung steckt an und motiviert. Sie überwindet die Furcht und den Geist, der stets verneint; sie stellt sich gegen Fundamentalismus und Intoleranz. Das erfordert Energie und vor allem erfordert es ein Ziel, auf das sich die Hoffnung richtet. Dies Ziel kann transzendenter Art sein, muss es aber nicht. Hoffnung ist nichts, was allein Gläubige für sich gepachtet haben. Zwar kann es dem Gläubigen leichter fallen, zu hoffen (ein Umstand, den selbst der Philosoph Jürgen Habermas 2001 konstatiert hat), weil sie einen Bezugspunkt, eine Heimat im Himmel (Phil 3,20) glauben (selbst diese Gewissheit muss angesichts des religiösen Pluralismus hinterfragt werden), aber die Hoffnung an sich muss keinen religiösen Beweggrund haben. So kann ihre Referenz durchaus im Diesseits liegen, in der Hoffnung des vernünftigen und demokratischen Humanismus, auf Gesundung, auf Liebe, auf eine bessere Welt und bessere Lebensbedingungen für alle. So oder so; zu hoffen ist allemal besser, als zu verzweifeln, lässt Goethe den Antonio in Torquato Tasso sagen.

Hoffnung erfordert Aktion und benötigt Antrieb. Die Philosophie kennt den Begriff der Eudämonie, das ist die Vorstellung, Glück zu erlangen und sich an der Idee des Guten und Vollkommenen zu erbauen. Ein pervertierter Eudämonismus dagegen bedeutet, die Hände in den Schoß legen und darauf zu warten, dass der Erfolg von selber eintritt. Platon hat ein Ideal formuliert; wir wissen aus vielen schmerzlichen Erfahrungen in Geschichte und Gegenwart, dass die Wohlfahrt und Vollkommenheit für alle auf dieser Welt nicht verwirklicht ist. Wer das gute Leben für sich und andere will (soweit es geht), muss etwas tun, muss aktiv werden, muss sich bemühen.

Wir leben in einer Zeit, die der tschechische Soziologe Tomáš Halík die „postoptimistische“ nennt. Den Glauben an die Zukunft haben wir verloren angesichts der Probleme, die sich der Weltgemeinschaft stellen – allen voran der Klimawandel, der die Lebensbedingungen auf der ganzen Erde fundamental ändern wird. Zukunftsverlust führt zur Überlastung der Gegenwart, dem Leben im Hier und Jetzt, als ob es kein Morgen gäbe. Das wiederum überlassen wir den Optimisten. Optimismus ist etwas anderes als Hoffnung. Der Optimist geht wie selbstverständlich davon aus, dass alles gut wird und sicher haben wir das in der Postmoderne alle geglaubt. Wir müssen nun aber feststellen, dass nicht einfach alles gut wird; die Welt ist kein Paradies und es bleiben Brüche und Kontingenzen. Mit dem Optimismus haben wir, wie das Kind mit dem Bade, die Hoffnung komplett verschüttet. Die Folgen sind fatal. Wenn es niemand mehr hofft, wird sich niemand mehr für eine bessere Welt bewegen und anstrengen. Denn die Hoffnung fordert zur Analyse und zur Bewegung heraus. Nicht in dem Bewusstsein, ein Ziel ein für allemal zu erreichen, aber wenigstens im dem Versuch, ihm nahezukommen – und wenn es nur infinitesimal ist.

Häufig und gerne wird der letzte Satz des großen Werkes Das Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch zitiert. Dabei geht es um Heimat und man könnte bösartig behaupten, Bloch habe mehrere tausend Seiten nur geschrieben, um am Ende beim Cocooning anzukommen, beim Rückgriff auf das eigene individuelle Heil. Sein Bewegrund aber war ein anderer, und die wahrhaft wichtigsten Sätze seines Buches finden sich im Vorwort. Sie markieren den Auftrag des Prinzips Hoffnung, und es lohnt sich, die Aussagen zu vergegenwärtigen: Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern. Hoffen, über dem Fürchten gelegen, ist weder passiv wie dieses, noch gar in ein Nichts gesperrt. Der Affekt des Hoffens geht aus sich heraus, macht die Menschen weit, statt sie zu verengen, kann gar nicht genug von dem wissen, was sie inwendig gezielt macht, was ihnen auswendig verbündet sein mag. Die Arbeit dieses Affekts verlangt Menschen, die sich ins Werdende tätig hineinwerfen, zu dem sie selbst gehören. Bloch ist sicher, dass es der diesseitigen Strapaze der Hoffnung um der Zukunft der Welt willen bedarf. Und ein Ziel formuliert er obendrein: Die Arbeit gegen die Lebensangst und die Umtriebe der Furcht ist die gegen ihre Urheber, die großenteils sehr aufzeigbaren, und sie sucht in der Welt selber, was der Welt hilft; es ist findbar. Wie tröstlich ist das. Man muss sich die Worte ins (heute nicht mehr übliche) Poesiealbum schreiben lassen, dreimal farbig unterstreichen und tagtäglich lesen: Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Und: Was der Welt hilft, ist findbar. Im Lehnstuhl des Privaten lässt es sich nicht finden. Man muss aufstehen und sich bewegen. Und man braucht den Willen zur Hoffnung. Auch, wenn das heute ein altmodischer Begriff ist: die Hoffnung ist immer noch aktuell, ja, sie wird immer aktueller und immer dringlicher. Nichts braucht diese Welt mehr als hoffende Menschen, die sich auf die Suche machen. Wollen wir’s hoffen.

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