Bildungspolitik/Gesellschaft und Innovation/Kultur und kulturelle Bildung/Kulturpolitik

Die Distinktion frisst ihre Kinder

Nicht nur die Diskussion, die jüngst in Rostock und Schleswig zur Zukunft des deutschen Theaters geführt wurden zeigt, wie brisant das Thema war, ist und bleibt. Auch ich habe mich hier im Block schon zur Thematik geäußert und es ist nun wohl an der Zeit, eine Fortsetzung meiner Überlegungen zu formulieren. Wie und mit welcher Ausstattung soll in Zukunft noch Theater in unseren Städten sein. „Das Theater spiegelt für den Philosophen das Gesicht kultureller Vergesellschaftung. Hier liegt, bis heute, seine zentrale Funktion, besonders für die Stadt. Das Theater ist der Ort des Zusammenkommens einer Gesellschaft – den Besucherinnen und Besuchern – eines Themas, seien es historische oder avantgardistische Stoffe und der jeweiligen Dramaturgie und Interpretation. In diesem Dreieck finden Interferenzen statt, die, so hoffen Theatermacher und so hoffen auch Kulturmenschen, Auswirkungen haben auf die Gesellschaft. Nicht nur stellt das Theater einen Diskussionsgegenstand in der Stadt dar, auch ist es Begegnungsort und reflektierendes Spiel.“ So habe ich vor über einem Jahr in meinen Blog formuliert. Mittlerweile hat sich einiges getan, die Diskussionen um Äußerungen des Intendanten in Rostock und seine darauf folgende Entlassung stellen einen weiteren Tiefpunkt in der Debatte dar. Und ob sich der Deutsche Bühnenverein einen Gefallen damit getan hat, dass Ende 2014 die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde, mag dahin gestellt sein. Denn es gehört zum Wesen des Kulturerbes, dass es gepflegt und – soweit möglich – unverändert bleibt, um seinen musealen Charakter deutlich zu machen. Wer das anzweifelt, der sollte bitte schön versuchen, an einem denkmalgeschützen Gebäude die Kunststofffenster durch Holzfenster auszutauschen. Was vielmehr benötigt wird, das bezweifeln weder von TheatmacherInnen noch Kommunalpolitikerinnen, sind neue Ideen, Mobilität und Flexibilität, eben eine zeitgemäße Weiterentwicklung des Theaters (siehe oben).

Foto (2)aDoch die Hürden sind groß. Sie liegen zum einen in der leider immer noch vorherrschenden Distinktion mancher Kulturvertreter und vieler Kulturrezipienten. Wir erinnern uns: Pierre Bourdieu wies vor über dreißig Jahren auf Die feinen Unterschiede (Suhrkamp: Frankfurt am Main 1982) hin, die erstens Milieus voneinander trennen und die sich zweitens unter im unterschiedlichen Kulturkonsum manifestieren. Wer aber bestimmt, was gut und schön ist? Wer spricht über „E“ oder „U“? Und möchte man nicht in so mancher in der Kulturveranstaltung gerne „unters sich“ sein? Ist es nicht auch heute häufig noch so, dass der Besuch einer Kulturinstitution mancherorts eine Arkandisziplin darstellt, die man, wie den Besuch eines Tempels, gebührend ritualisiert? Und besteht nicht, so Bourdieu, immer noch das „ Unerträgliche in den Augen derer, die sich für die Inhaber des legitimen Geschmacks halten, […] vor allem anderen in der frevelhaften Vereinigung von Geschmacksrichtungen, die der Geschmack auseinanderzuhalten befiehlt.“ (106)

Sicher gibt es mittlerweile genügend Beispiele und Entwicklungen, die die von Bourdieu diagnostizierten (nicht zuletzt in der Rezeption seiner Thesen) zu überwinden suchen. Die positive Entwicklung, die in den vergangenen Jahren die Theaterpädagogik genommen hat oder auch ein wachsender Stellenwert der ästhetischen Bildung in der öffentlichen Wahrnehmung gehören dazu. Der Durchbruch scheint mir fürderhin noch nicht abschließend gelungen und so manche Diskussion um die Zukunft der Stadttheater atmet doch den Geist der Abgrenzung als den der Inklusion. Sollte dies so bleiben, dann wir die Distinktion die Seele des Theaters verspeisen und mit ihr eine durchaus ehrenwerte Institution. Wer das verhindern will, muss die Distinktion überwinden. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Gesetzt den Fall, ein Stadtrat entschließt sich, das Theater am Platze dicht zu machen oder, was ja zurzeit realistischer ist, die Sparten drastisch zu reduzieren. Denken wir uns, was dann passiert: Das Feuilleton wird sich empören, nicht nur vor Ort, sondern im gesamten Land. Der Deutsche Kulturrat setzt das Haus auf die Liste bedrohter Kulturgüter; Kulturpolitiker der Opposition empören sich. Und sonst? Ein kleines Häuflein der dem Theater verbundenen wird protestieren. Das wird es dann wohl gewesen sein. Auf Deutsch gesagt: Die Kommunalpolitik tut sich heute leichter damit, ein Theater zu schließen als zu entscheiden, dass bei anderen Ausgaben gekürzt würde. Für die Zukunft des Theaters ist es unerlässlich, dass es zu einer Bürgerbewegung wird. Die Verbindung zwischen Bürgerschaft (und zwar in ihrer ganzen Bandbreite) und dem Theater ist heute leider verloren gegangen. Wer eine Zukunft für das Theater will, der muss diese neu knüpfen. Theater muss zur Selbstverständlichkeit einer Gesellschaft werden. Das ist sicher leichter gesagt, als getan. Aber es zeigt, wie notwendig die Überwindung der Distinktion ist, um ein wirkliches Theater für alle zu erreichen. Projekte, die dies bewirken, haben keine Scheu vor unterschiedlichen Geschmacksrichtungen; sie operieren offensiv mit Cross-Over-Formaten und Bildungsangeboten. Warum nicht den Mut zeigen, eine Aufführung als Crowdfundingprojekt zu starten, um die Identifikation mit der Kunst zu erhöhen (Die Idee ist von Kilian Lembke übernommen. Danke für den Hinweis)? Das Theater könnte zu einem Matching-Fund-Projekt werden, bei dem sich sowohl die Zuschauerin und Zuschauer als auch die öffentliche Hand an der Finanzierung beteiligen. Dabei muss keine Beliebigkeit herauskommen, sondern gemeinsamer Aufschwung. Warum das Festhalten am Abonnentensystem? Sicher, für die Theater bildet es Planungssicherheit. Aber die jüngeren Generationen und Milieus wollen sich nicht auf Monaten hinaus thematisch und terminlich festlegen. Wo bleibt die Theaterflatrate, mit der ich so flexibel wie möglich meine Besuche planen kann? Wenn das Theater zum Gesicht kultureller Gesellschaften werden soll, muss es Mittel und Wege finden, Teil der Gesellschaft zu werden. Jedwede Schließungs- oder Einsparbeschlüsse müssten sich dann dem bürgerschaftlichen Diskurs und womöglich Protest stellen. 500 Demonstranten wie in Rostock sind dafür, sorry, leider zu wenig. Wir brauchen eine kritische Masse, nur so kann nachhaltiger Einfluss gelingen. Aufgabe des Theaters wird es sein, sich von den Fesseln der Distinktion (die ihm auferlegt werden) zu lösen, um (wieder) in der Gesellschaft anzukommen.

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