Gesellschaft und Innovation/Kulturpolitik

Mein Vater war ein heimatloser Aramäer

Das Datum und der Ort meiner Geburt verlaufen sich in den Schluchten des Balkan. Mein Name lässt auf kroatischen Ursprung schließen, oder slowenischen? Die Kaundkamonarchie brachte ihn durchs halbe Reich, führte ihn in die Steiermark, wo sich angeblich heute noch Namensvettern im Grazer Telefonbuch finden lassen. Ich weiß es nicht zu beweisen, ich war in Kärnten und am Wörthersee, aber nie in der Steiermark.

Ebenso weiß ich nicht, wer das Schmiedehandwerk in meine Familie eingeführt hat. Die Herkunft dieser Tradition bleibt mir ebenso verborgen, wie die Quelle meines Namens. Sicher ist, dass mehrere Generationen vor der meines Vaters im Gebirge die Hufe beschlugen und die Wagenräder reparierten. Von der Steiermark verschlug es ihn nach langer Wanderung in den äußersten Winkel Österreich-Ungarn. Unweit der Schneekoppe ließ er sich nieder – war’s ein Mädchen? ging ihm das Geld aus? gefiel ihm die Gegend? –, baute eine Werkstatt, heiratete ein Mädchen aus dem Nachbardorf, zeugte Kinder und zahlte seine Steuern an den Kaiser in Wien, ebenso wie der Schmied in Galizien, der Schmied in Istrien und der Schmied in Bozen. Die Kinder wuchsen heran, der Kaiserkönig saß nun in Berlin und verlangte Steuern und den Einsatz in der Armee. Die gleichen Pflichten trugen ein französischer Bauer in Sigolsheim und ein Landarbeiter am Tanganjikasee.

Die Armee war hungrig. Mein Vater musste kämpfen. Ich habe nie mit ihm darüber gesprochen, aber ich vermute, dass man ihn nicht gefragt hat, und dass er sich nichts dabei gedacht hat, mit dem Bajonett aus dem Schützengraben zu springen. Seine Einheit brandschatzte in Belgien, das die gleichen Farben trug, wie rund siebzig Jahre zuvor ein paar Freunde meines Vaters, die einen Pfälzer Burgberg erklommen hatten. Er kam am Leib gesund nach Hause, seelisch zerstört, seinem Nachbarn zur Linken fehlte das Augenlicht, dem zur Rechten das Leben. Meinem Vater fehlte nur die Ruhe.

Nie hätte er gedacht, dass er erneut in den Kampf ziehen müsste, und doch fand er sich dreißig Jahre später an der Wolga wieder und vor El-Alamein. In Rufweite lagen Tadschiken, Kasachen, Maghrebiner und Franzosen, deren Heimat zwischen den Fronten zerrieben wurde. Während mein Vater frierend zwischen Birken hockte und unter der heißen Wüstensonne ächzte, mussten drei Familien aus seinem Dorf ihre Koffer packen. Der Kinderarzt zog nach Brooklyn, der Schneider nach Haifa, wo er sich nie zu Hause fühlte, weil er Goethe und Schiller vermisste, und sich deswegen nur mit seinesgleichen traf. Vom Kaufmann wusste niemand, wo er hingezogen war, aber alle wussten, dass er nie wiederkommen würde. Auch seine Seele und seine Sehnsucht nicht. Der Bäcker frohlockte, der Schuster fluchte und der Krämer duckte sich.

Als mein Vater lange Zeit später nach Hause kommen wollte, nach Jahren, die er in Sibirien verbracht hatte, auf Rheinwiesen und in den kanadischen Wäldern, sprach er – wenn er überhaupt redete – brockenweise Russisch, Englisch und Französisch. Sein Zuhause fand er nicht. Die Werkstatt war leer, in seinem Garten saßen einige Kinder, die polnisch sprachen, und in seiner Küche fand er weinend eine Frau, die Mutter der Kinder, die den Verlust ihrer Heimat am Bug beklagte. Zwischen den Tränen hörte mein Vater ihre Geschichte. Die Geschichten von Kindern, die jetzt in einem Garten säßen und Russisch sprechen, und von Frauen, die allein in einer Küche saßen, die bisher nicht ihre waren.

Mein Vater zog nach Westen. Statt zu schmieden förderte er Kohle, die er bisher nur verfeuert hatte. Seine Kinder spielten auf der Straße mit Luigi, Josip und Abdullah. Mit ihren Vätern teilte mein Vater sein Brot in der Dunkelheit, die staubig war, aber nicht verschmutzt. Bä-ck-er-ei sprach er ihnen vor und Fuß-ball. Er lauschte ihren Geschichten. Die waren so bunt wie die Länder, und so fand sich mein Vater Jahre später im Sommer in Rimini oder in Como, im Herbst gerne an der Adria oder auf Krk.

Mit seiner Kindern lernte er Englisch und mit der Politik lernte er, wie nahe Paris liegt und warum man hinter Aachen-Lichtenbusch keinerlei Schlagbäume bräuchte. Vor einigen Jahrzehnten noch hatte mein Vater sich stolz vor einem niedergetretenen belgischen Grenzzaun und vor dem Dom in Metz daguerreotypieren lassen. Sehr viel später lernte er bis nach Wladiwostok zu fahren, stand am alten Leuchtturm in Kołbrzeg und besuchte seine alte Werkstatt in den Bergen wieder, in der jetzt holländische Fahrräder repariert wurden. Und wie nett war der Monteur! Von dem konnte er – der alte Handwerker – sogar noch etwas lernen.

Die Großmutter meiner Kinder begleitete Mongolenhorden auf ihrem Weg nach China. Gemeinsam standen sie vor Rom, wurden abgewiesen durch den Papst, der den Hort der Christenheit vor den Horden schützen wollte. Das ist im gelungen, die Mission überdies, wie man heute Stein geworden über der Donau betrachten kann. Die Donau. Überhaupt. In ihr angeln die Greise auf der alten Brücke in Regensburg ebenso wie in Belgrad oder im Delta am Schwarzen Meer. Rufst du ein Wort hinein, wirft es Wellen in unzähligen Sprachen und bleibt doch das gleiche Wort.

Die Großmutter meiner Kinder lernte einen jungen Mann kennen, der ihre Sprache nicht sprach, weil er am Rhein geboren wurde, zu Napoleons Zeiten. Vom Wein und von den Maronen in den Vogesen konnte er nicht leben. Er zog in die Puszta. Dort lernte er die Menschen kennen, die Sprache und meine Großmutter. Sie waren Teil desselben Imperiums wie mein Vater. Mit dem Unterschied, dass sie blieben, ermüdet durch die Reisen in Asien und Europa, während die Familie meines Vaters weiterzog.

Die Großmutter meiner Kinder blieb, als der König wechselte, vielmehr durch einen Reichsverweser ersetzt wurde. Sie blieb, als die Mörder von Westen kamen und die Hälfte der Einwohner ihrer Heimatstadt nackt durch die Straßen trieben. Als die Mörder von Osten kamen, warf sie Steine auf die Panzer, im kältesten November in der Geschichte des Landes, in Budapest, Szopron, Györ oder sonstwo. Bibbernd zog die Großmutter meiner Kinder durch die seichten Auen des Neusiedler Sees, die Kleinste auf den Arm. Die trank ihre Milch zukünftig in Wien, in Innsbruck und schließlich in Düsseldorf.

Ich bin geboren, wo mein Vater die Kohle förderte. Ich habe für ein Jahr eine Schulbank in Tulsa gedrückt. Kurz vor der Matura stand ich leicht fröstelnd zwischen Millionen von weißen Kreuzen, Reih’ und Glied, an Omaha Beach. Ein Teil meines Studiums verbrachte ich in Rom und Grenoble. Dort habe ich die kleine Tochter meiner Großmutter kennen gelernt. Sie kam aus Düsseldorf und wollte weiter nach Cambridge.

Wir zogen nach Berlin. Wenn ich aus der Haustür trete, verkauft mir ein Vietnamese Zigaretten. Meine Mittagspizza backt der freundliche Mann aus Pakistan im Da Vinci. In Berlin lernte ich Olga und ihren Mann Ilija kennen, die aus Sewerodwinsk kommen und von dort melancholisch erzählen. Ilija lernt meine Sprache und wird bald für ein längeres Praktikum nach Rastatt gehen. Ich kommuniziere per E-Mail mit Rajiv und Sven, François und Mortimer. Rajiv erledigt unseren IT-Support während ich schlafe, Sven übernimmt die Druckaufträge und mit François bauen wir einen Vertrieb in Yaoundé auf. Mortimer kauft unsere Produkte. Er hat die Gabe, sogar geschäftliche Korrespondenz mit viel Humor und Selbstironie zu gestalten. Meine Kinder möchten ein Jahr nach La Valetta, um dort in die Schule zu gehen und sie wollen die Brieffreundin in Christchurch besuchen.

Und Du?

Du willst mir weismachen, dass Cengiz, Suhailja, José und Filippa bei uns in Europa nichts zu suchen haben?

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