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Unser rotes Meer

Das Meer hat viele Farben. Wenn es glatt daliegt, wie ein Spiegel, leicht berührt vom Dunst, der sich wie eine hüllende Decke auf die Oberfläche legt, dann schimmert es grün. An warmen Sonnentagen, wenn das Wetter klar ist und die Sonnenstrahlen die Wellen berühren, ist es tiefblau. Wenn sich die Wolken entladen, Blitze zucken, Hagelkörner auf die Oberfläche schlagen, dann ist es grau. Das Meer ist ein Sehnsuchtsort, über den unsere Träume schweben und dem wir unsere Gefühle anvertrauen können. Das Meer ist wütend und gütig, umfängt und fordert Respekt, es benetzt und tröstet uns.
Genauso wenig, wie der Mensch vermag, den Ozean mit einem Löffel zu entleeren, mag man die Tränen ermessen, die es braucht, bis das Wasser über die Ufer steigt. Das Meer, welches wir seit Jahrtausenden das unsrige nennen, ist in diesen Tagen zu einem Meer der Tränen geworden. Wir nennen es unser Meer, weil wir das Meer für uns behalten wollen und vor allem, weil wir unter uns bleiben wollen. Vergessen ist der strenge Ernst des Nordens, der mit Verachtung auf das Savoir-vivre des Südens blickt. Wenn unser Meer eine Brücke wird für die unzähligen Tränenreichen, die wegwollen aus Unsicherheit, Kampf und Hunger, verschließen wir erst die Augen und dann die Tore. Wir wollen weder wissen, wer verantwortlich ist für das Unrecht, welches seit Generationen so vielen Menschen widerfahren ist, noch wollen wir die Geschichten derer wissen, für die das Meer ein existenzieller Sehnsuchtsort geworden ist; kein sentimentaler Traum, sondern salzig bittere Wahrheit.IMG_0524
Wie kann man das Leid ermessen, welches die Menschen durch die Wüste treibt, ans Wasser, übers Meer, von dem wir nur wissen wollen, was wir an unseren Stränden sehen können? Wir verschließen unsere Augen, weil wir die Wahrheit nicht vertragen, eine Wahrheit von Flucht und Vertreibung, die wir in unserer Geschichte selber bitter erfahren mussten. Aber jetzt, da wir uns an den Gestaden eingerichtet haben, wollen wir nicht mehr gestört werden von salzbitteren Bildern. Unser Meer soll blau sein und von der Sonne beschienen und die Entspannung bringen, die wir in unserem so harten Alltag bitter nötig haben. Wir fahren ans Meer, um abzuschalten und auszuspannen. Tausende Menschen fahren ans Meer, weil sie keine Hoffnung mehr haben und wenn, dann nur diese eine, kleine Chance zu nutzten, unser Meer zu überqueren, um zur Ruhe zu kommen und die Existenz zu sichern. Wir fahren übers Meer, weil wir den Wellenschlag lieben, das scharfe Kreischen der Möwen, das Licht des Leuchtturms, der in der Dämmerung geheimnisvoll seinen roten, grünen und weißen Lichtstrahl über das Wasser gleiten lässt. Tausende Menschen fürchten den Wellenschlag und die scharfen Strahlen der Suchscheinwerfer, die das Fünkchen Hoffnung, doch noch unser Meer überqueren können, in gleißendes Licht auflösen können.
Das Meer verbindet uns und das Meer trennt uns. Wir, die wir das Meer für uns haben wollen, haben es zur Grenze gemacht, zum Abyssos, und uns selber zu den Göttern erhoben, die nur diejenigen am Leben lassen, die das Siegel auf der Stirn tragen. Wir haben die Ketten der Meeresschlange gelöst, die die kleinen Fischerboote verschlingt, die unzählig an den Küsten der Kabylei oder der Cyrenaika starten, um den Süden, den Norden, irgendetwas zu erreichen, jenseits des Meeres, nur, um auch entspannt auf das Meer schauen zu können. Was wie eine unüberwindliche Barriere, ein Todesgraben, schreckt, soll zur Verbindung werden, zwischen denen, die brauchen und denen, die geben können. Wir haben aus dem Meer ein Grab gemacht und schauen auf die Wellen, die über toten Körpern zusammenschlagen, deren Namen keiner kennt und an deren Gräbern niemand gedenken wird. Unser Meer hat seine Güte und seine Unschuld verloren. Es färbt sich rot. Den Durchzug haben wir unmöglich gemacht. Statt sich teilendem Wasser, schlagen die Wellen über den Flüchtenden zusammen. Das Meer trägt Schaumkronen, wir tragen Kronen der Scham.

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