Gesellschaft und Innovation/Kulturfragen

Farbiger Schnee

Der Schnee malt wenig in diesen Tagen. Sarai kann sich das, was ihre Eltern als die neue Heimat bezeichnen, nicht vorstellen. Gibt es Grün in diesem Land? Alles ist mit einer weißen Schicht überzogen. Sie verdeckt, was farbig sein soll. Die Bäume bestehen aus dürren und kahlen Ästen. Das hier ist nicht so, wie Sarai es kennt aus dem Land, das bisher ihre Heimat gewesen ist. Hier ist alles schwarz, weiß und grau. Aber die Liebe ist farbig. Das Haus, in dem Sarai mit ihren Eltern und den vier Geschwistern untergekommen ist, schreit geradezu übermütig. Es hat keinen eigenen Charakter, sondern ist erfüllt von den vielen Menschen, die in den einzelnen Räumen wohnen. Wer wohnt, ist nicht leise und wer keine Heimat mehr hat, muss lärmen, um die Stille der Sehnsucht zu unterdrücken. Überall Musik, die an Zuhause erinnert, an zurückgelassene Verwandte und Freunde. Die Musik tröstet, weil sie betäubt und weil sie für einen langen Moment den Schnee da draußen, der alles bedeckt und die Sehnsucht tief in den Menschen, die sich wie ein Schleier über das Gemüt legt, vergessen lässt.

Die Stempel schmecken gut, hat der Vater gesagt, als er das notwendige Schriftstück in den Händen hält. Sarai hat sich bildlich vorgestellt, wie der Vater die noch feuchte Stempelfarbe ableckt. Dabei wollte er nur sein Glück zum Ausdruck bringen, endlich die nötige Papiere zum Aufenthalt in Deutschland in der Hand zu halten. Was Aufenthalt bedeutet, hat Sarai mittlerweile gelernt. Es hat etwas mit Schnee und Lärm zu tun und damit, dass die Erwachsenen am Abend traurig beisammen sitzen und von früher erzählen. Am Abend sprechen sie von ihrem, von Sarais, Zuhause und von der Heimat und am Tage erzähle sie Sarai, dass dieses Land des Schnees und des Lärmens jetzt ihr Zuhause und ihre Heimat ist. Foto (2)

Dabei wollen sie bloß nicht auffallen. Bloß nicht auffallen, haben die Eltern Sarai und ihren Geschwistern gesagt. Wenn ihr am Tage ausgeht, dann fallt nicht auf. Das ist unser neues Zuhause, unsere neue Heimat. Versucht zu hören, was die Leute auf der Straße sagen, versucht zu reden, wie sie. Sie mögen uns nicht, wenn wir in unserer Sprache sprechen. Vergesst die Sprache, die wir gelernt haben. Macht, was die Leute hier machen. Die Welt da draußen ist wie ein Strom und ihr tut gut da dran, mit ihm zu schwimmen. Seid leise, nicht laut. Kleidet euch, wie sie sich kleiden. Haltet euch zurück und setzt euch immer nach ganz hinten. Hört, wie schnell der Marktplatz ist. Sarai mag es nicht, wenn alles schnell ist. Aber die Eltern haben gesagt, wenn der Marktplatz schnell, dann müsst ihr auch schnell sein. Auf dem Marktplatz treffen sich die Menschen, sie gehen schnell und sie gehen schnell aneinander vorbei. Wenn wir dort nicht auffallen, dann können wir hier in Ruhe leben. Und bleiben. Das sagen sie nicht, aber das denken sie und Sarai weiß es.

Die Mutter versucht, auf dem Marktplatz die Früchte und das Gemüse zu bekommen, das sie von früher kennen. Das sind ihre Rezepte, das ist, was sie essen mögen. Die Marktfrauen schütteln den Kopf. Nein, das gibt es gerade nicht. Wir haben Winter. Versuchen sie doch den Kohl? Sarai mag keinen Kohl. Er stinkt beim Kochen und schmeckt muffig beim Essen. Und die Mutter fällt doch auf, wenn sie nach Früchten oder nach Gemüse fragt, dass auf dem Markt nicht gibt, erst recht nicht, wenn der Schnee den Platz bedeckt.

Sarai hat ein Buch dabei. Es erinnert sie an früher. Ab und an, wenn die Erwachsenen es nicht merken, blättert sie in diesem Buch, weil sie die Sprache und die Heimat nicht verlernen möchte. Sie schaut die Bilder an, die keinen Schnee kennen und keinen Lärm. Sie und das Buch sind dann woanders, nicht in der Fremde, sondern in der Nähe, die jetzt doch so fern ist. Sarai fühlt sich nicht mehr fremd. Sie mag dieses Buch, denn das Buch liebt farbig.

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