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Der letzte Grund

Da ist das Meer und hier ist der Junge. Hinter dem Meer liegt Sansibar und unter dem Meer liegt der Vater. Hier liegt der kleine Fischerort, mit seinen Bewohnern, die knorrig und verwurzelt sind. Manche laufen dem Trommler hinterher. Andere wollen ihre Ruhe haben. Und wieder andere können nicht ruhig sein, wenn sie sehen, was um sie herum geschieht. Da ist Gregor, der mit seiner und der gegnerischen Ideologie kämpft. Da ist Knudsen, der Treue und Duldsame; da sind Helander, aufrecht und im wahren Sinne des Wortes konservativ und Judith, Subjekt und Objekt ihrer gemeinsamen Aufgabe. Der Junge träumt den Traum von Sansibar, vom Abenteuer und von der weiten Welt. Doch im Laufe der Ereignisse wird sich sein Traum verändern. Aus Sansibar wird eine Begründung, aus dem Abenteuer wird das Leben, aus Sehnsucht wird Realität und aus Solidarität wird Verantwortung. Aber was ist der letzte Grund?

Was treibt uns an? Was bewegt uns? Wo liegt unser letzter Grund? Können wir so tun, als ginge uns alles nichts an? Wie sehen unsere Realitäten und unsere Verantwortungen aus? In den vergangenen Monaten ist in der Öffentlichkeit viel über die Globalisierung und die Veränderungen, die sie mit sich bringt, diskutiert worden. Wir können die Augen verschließen und so tun, als ginge uns das alles nichts an. Was können wir schon tun, um überhaupt etwas zu verändern auf dieser Welt? Segel

Alfred Andersch hat eine wunderbare Parabel geschrieben über das Unrecht, die Sorglosigkeit und den Mut. Ich habe lange überlegt, was denn der „letzte Grund“ sein könnte in Sansibar und der letzte Grund. Ich habe meine Interpretation gefunden, aber jeder Leser und jede Leserin muss den eigenen Grund finden. Sansibar kann verallgemeinert werden, steht für einen bestimmten Topos in der Welt. Und Sansibar steht für das Erleben, die Ferne, aber auch die Flucht. Aber den letzten Beweggrund, für den es sich einzusetzen, aus dem es sich zu leben lohnt,den muss jeder selber finden.

Wir schwanken auf dem Meer wie Knudsen und der Junge. Wollen wir unsere Ruhe haben, weil uns das, was um uns herum vorgeht, nichts angeht, dann werden wir nicht ruhig schlafen können. Als Alternative bietet sich die Sehnsucht nach Sansibar, der Utopie, die wir so schnell nicht erreichen können. Uns treibt die Frage nach dem letzten Grund. Und es bleibt die Frage der Angst. „Ohne die Anderen kein Selbst, ohne Ambiguität keine Identität, ohne Verzweiflung keine Hoffnung, ohne Ende kein Anfang. Dazwischen ist die Angst.“ Das schreibt der Soziologe Heinz Bude. Und: „Wer dem entgehen will oder sich darüberstellen will, hat sich der Angst ergeben.“ Wer keine Angst hat, hat verloren. Wer sich der Angst stellt, stellt sich dem Leben und wer die Segel aufzieht, den trägt die Hoffnung. „Die Angst“, so Heinz Bude weiter, „entlarvt die Lebenslügen von Glück, Glanz und Ruhm, aber sie bewahrt …, zitternd und zögernd, zugleich die Hoffnung, dass nichts so bleiben muss, wie es ist.“

Wenn wir uns die Verantwortung auf die Schultern laden, die Welt im Ganzen zu verändern, werden wir scheitern. Aber wenn wir uns auf eine Aufgabe konzentrieren, dann können wir unseren Beitrag leisten, die Welt ein wenig besser zu machen. Losfahren müssen wir; neue Ufer können wir nur erreichen, wenn wir die alten verlassen. Denn die böten, so sehr wir uns klammern, letztlich keine Sicherheit.

Wir müssen den Dingen auf den Grund gehen und der allerletzte Grund wird unsere Hoffnung sein.

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