Gesellschaft und Innovation/Sonstige Weisheiten

Nur Mut

Zu unserer Natur gehört die Bewegung; die vollkommene Ruhe ist der Tod.“ (Blaise Pascal)

Eigentlich wissen wir das. Alles ändert sich. Ständig. Niemand steigt zweimal in denselben Fluss. Unser persönliches Leben ist dem Wandel unterworfen, nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Unsere Gesellschaft ändert sich. Die Digitalisierung wird teilweise noch nicht abschätzbare Auswirkungen haben. Dazu kommen die Herausforderungen durch Demographie und Mobilität. Wir stehen am Beginn einer neuen Völkerwanderung und Europa wird in einigen Jahren anders aussehen, bunter. Das wird Chancen, aber auch Konflikte mit sich bringen. Wie integrieren wir Menschen, die als Flüchtlinge und Arbeitssuchende zu uns kommen? Wie kann Wohlstand geteilt werden und sind wir überhaupt dazu bereit, persönlich Abstriche zu machen? Aufgrund der europäische Wertebasis sind wir dazu verpflichtet, diesen Weg zu beschreiten. Aber ist uns das bewusst? Was bedeutet es, in einer multipolaren Welt zu leben, durchaus vernetzt, aber mit profiliertem Einzelinteresse der Staaten? Wie gehen wir mit bisher ungelösten Umweltproblemen um, wohl die wichtigste Herausforderung, der sich die Menschheit zu stellen hat? Ressourcen werden stark zurückgehen, der Klimawandel wird zu weiterem Migrationsdruck führen, Konsumgewohnheiten werden sich ändern müssen. Welchen Veränderungen werden die Religionen unterworfen sein? Die Fragen der Gegenwart können nicht mehr mit den Antworten vergangener Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte beantwortet werden, eine neue Exegese und Interpretation tut Not. Die christlichen Kirchen tun sich schwer damit, das, was sie an Glauben vermitteln wollen, neu zu definieren und aufzubereiten. Und die Kultur? Auch sie tut so, als sei alles statisch und man müsse nur halten, was man bisher habe. Nein, nein, das wird nicht funktionieren. Auf Bewährtes zu setzen, mag seine Berechtigung haben. Klug ist es indes nicht. Alle Systeme sind aufgerufen, sich des ständigen Wandels bewusst zu sein. Das mag man beklagen und etwas wehmütig auf die Vergangenheit zeigen. Sinnvoll wäre es jedoch, unverzagt zu sein und sich den Veränderungen zu stellen, ja, sie mitzugestalten. Das erfordert die Bereitschaft zu Kompromissen und Verzicht, die Offenheit, Ideen zu entwickeln und sich auch von Strukturen zu verabschieden – Loslassen und Weitergehen. Das gilt für alle genannten Bereiche. Nichts ist beständiger als der Wandel.
Am Jahresende häufen sich die Retrospektiven. Am Jahresanfang aber sollte der Ausblick stehen. Wir brauchen Courage und Engagement, Ideen und queres Denken, wir brauchen Offenheit für Verzicht und Solidarität, wir brauchen die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, im persönlichen Umfeld, in Politik und Gesellschaft, in Kultur und Kirche.

Das ist ganz schön viel, mag da mancher denken. Soll man dann nicht doch wieder den Kopf in den Sand stecken, um der neuen Innerlichkeit zu frönen und alles, was komplex und kompliziert ist, außen vor zu lassen? Nein, soll man nicht, weil es nicht viel braucht, um die Herausforderungen anzunehmen. Was es braucht, lässt sich auf einen Begriff bringen – den zentralen Wunsch für das neue Jahr – es braucht: nur Mut!

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Ein Kommentar zu “Nur Mut

  1. Herzlichen Dank für diese Ermutigung! Sie bringt zusammen und auf den Punkt, was in vielen Bereichen bereits als Denkprozess in Gang gekommen ist, aber sicher noch Verstärkung braucht, weil die zukünftigen Herausforderungen tatsächlich nicht leicht zu stemmen sind. Und deutlich wird dabei auch: Man kann für einzelne gesellschaftliche Handlungsfelder, Bildungs- und Kulturbereiche zwar konkrete Veränderungschancen aufzeigen, aber letztendlich ergeben sich immer wieder Überschneidungen, so dass eine Eigenschaft des Wandels letztendlich auch darin besteht, dass wir uns auf allen Ebenen von einem scharf voneinander getrennten Spartendenken verabschieden und uns angewöhnen müssen, stärker in vernetzten und voneinander abhängigen Prozessen zu denken.
    Wenn ich hier also nachfolgend als ein Beispiel den Wandlungsprozess im Bibliothekswesen beschreibe, so deshalb, weil sich daran vieles ablesen lässt, was auch auf andere Bereiche zu übertragen ist. In meinen Augen gehört dabei der Niederländer Rob Bruijnzeels (http://www.bruijnzeels.nl/) zu den bedeutendsten Vordenkern in Europa. Schon seit mehr als 10 Jahren wird sein Zukunftsszenario für die Bibliothek „2040“ diskutiert, das im Wesentlichen auf einen mutigen und entschlossenen Paradigmen- und Prozesswechsel abhebt: die Ziele und Gegenstände unserer Arbeit (in Bibliotheken, aber sicher auch in anderen Bereichen) sind im Begriff, sich im Verlauf der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts fundamental zu verändern: vom Produkt zum Prozess, vom „Antworten geben“ zum „Fragen stellen“, von der Vermittlung zur Reflexion – um nur einige Kernbereiche zu nennen.
    Gleichzeitig geht damit (in Bibliotheken, aber vergleichbar auch anderswo) eine Prozessveränderung einher, bei der die bislang linearen Abfolge – Sammeln, Erschließen, verfügbar machen – sich mehr und mehr zu einem Kreislauf runden muss, in dem sich Beteiligung, Inspiration und schöpferisches Tun gegenseitig bedingen.
    Und das passt nun wieder genau zu jenem „Mut zur Veränderung“, den wir in vielen Bereichen für die Zukunft brauchen werden: Denn wie sollte das dafür nötige Engagement und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, gelingen können, wenn Menschen nicht durch ein verändertes Kultur- und Bildungswesen darin unterstützt und ermutigt werden, Beteiligung, Inspiration und schöpferisches Tun einzuüben und mit anderen Menschen zu teilen?
    Wo sollte eine offene Begegnung und Reflexion im Sinne einer „Kultur der Menschenrechte“, auf die sich die Nationen – auch über die erwähnte „europäische Wertebasis“ hinaus – verständigt haben, für alle Generationen und Nationalitäten erlebt, geteilt und reflektiert werden können, wenn nicht in Bibliotheken, Kultur- und Bildungseinrichtungen (vgl. dazu auch: http://waldworte.eu/category/kultur-der-menschenrechte/), die sich selbst einer solchen „Kultur der Menschenrechte“ verpflichtet fühlen?
    Um einen solchen Veränderungsprozess in der Kulturlandschaft wirklich beherzt angehen zu können, braucht es Verlässlichkeit, wie sie beispielsweise durch ein Bibliotheksgesetz im Land zu erreichen wäre – keineswegs als „Sicherheit zum Ausruhen“, sondern als Ermutigung und Langzeitperspektive, um für eben diesen Wandel auch Visionen entwickeln zu können!

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