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Roboter kuscheln nicht

Diese Diskussionen ermüden, weil es immer die gleichen sind. Nicht nur im öffentlichen Raum, auch in privaten Gesprächen. So wie neulich in der Pizzeria. Irgendwann kam die Rede mal wieder auf die öffentlichen Finanzen und dann gerne auf die öffentliche Kunst- und Kulturförderung. Ich bin da mittlerweile ein dankbares Objekt. Das sind ja nur freiwillige Leistungen. Es gibt so viele Dinge, die dringend finanziert werden müssen. Infrastruktur beispielsweise! (Warum Kultur immer mit Schlaglöchern in Verbindung gebracht wird, erschließt sich mir nicht ganz, vielleicht weil sie das Fragile im Leben thematisiert?) Undsoweiter. Inhalte und Diskussionen sind altbekannt. Kulturförderbashing ist ein beliebtes Spiel. Und unsereins lässt sich gerne in die Rolle des Apologeten drängen.

Drehen wir den Spieß doch einmal um. Ich bekenne nun: Hinweg mit allem, was wir an staatlicher Kunst- und Kulturförderung betreiben. Von der allseits gelobten Theaterlandschaft blieben die Musicalhallen über – und das auch nur solange, solange sie Gewinne erzielen. Danach werden sie geschlossen und wir warten auf den nächsten Event. Musikschulen erhöhen, wenn sie denn bestehen bleiben, ihre Preise drastisch, sodass nur noch Kinder aus reichem Hause Kurse besuchen können. Das führt in langer Sicht dazu, dass sich die restlichen Schulen auflösen, weil Musiklehrer als Privatiers viel besser verdienen können, als an einer öffentlichen Musikschule. Sie unterrichten dann nur noch in Grünwald, Zehlendorf, Bredeney und Düsternbrook. Ist ja auch angenehmer. Volkshochschulen verdoppeln ihre Preise. Die Kundschaft ist bekanntlich treu und bleibt. Schade nur, dass Querfinanzierung ist nicht mehr möglich ist. Integrations-, Alphabetisierungs- und Schulabschlusskurse werden eingestellt. Haben eh nur viel Arbeit gemacht. Stipendien für Künstlerinnen und Künstler gibt es natürlich nicht mehr, was zur Folge hat, dass auch niemand mehr diesen Beruf ergreifen möchte. Dann können wir gleich die zahlreichen Kunst- und Musikhochschulen schließen. Das spült noch zusätzliches Geld in die Kassen. Wie schön. Vielleicht bekommen wir dann mehr Ingenieure? Die basteln doch auch. Dass dann vermutlich auf lange Sicht kein Kunst- oder Musikunterricht an den allgemeinbildenden Schulen mehr stattfindet, nun ja, das kommt dann wohl vor. Bedeutet aber, anders gewendet, mehr Stunden für die MINT-Fächer. Wer dann noch ein Orchester hören will, muss nach Berlin oder Bamberg fahren, weil die beiden sich als einzige deutschlandweit halten können. Und Bayreuth natürlich, weil da genügend Kohle hinter steht. Schöne Destinationen, zweifelsohne. Ein Großteil der Museen wird schließen müssen. Die meisten standen eh im Weg, oft in schicken Lagen. Einige wenige überleben mit Blockbustern, die restlichen Bestände werden eingelagert oder verhökert. Kauft aber keiner, weil wir ja keine Kunst mehr brauchen. Archäologische Funde landen sonstwo oder werden gar nicht mehr gesucht. Das bedeutet mehr Planungssicherheit für Großbaustellen. Die Archive machen wir dicht. Wen interessiert der alte Kram? Denkmalgeschützte Häuser werden abgerissen und machen Platz für die moderne Glasbetonstahlarchitektur. Die Gesichter unserer Städte ändern sich. Gedenkstätten werden geschlossen, die Erforschung eingestellt, wir schauen in die Zukunft. Überhaupt ist eine Zukunft ohne Kultur viel einfacher. Keiner fragt mehr kritisch nach. Niemand hält uns einen Spiegel vor. Niemand kündet von der Vergangenheit und alles spricht von Morgen. Wie das aussieht, wissen wir nicht. Wir bereiten uns nicht vor. Wir leben unbeschwert. Für die Infrastruktur und die Kybernetik in unserer Gesellschaft haben wir Computer und Roboter. Die sind planbar, effizient und billig. Wir gehen in eine Gesellschaft, die auf Empirie beruht und Emotionen ausblendet. So wäre das, wenn wir uns endlich der Förderung von Kunst und Kultur entledigen würden. Ist ja eh alles freiwillig.

Nur: Roboter kuscheln nicht. Eine Welt ohne Kunst ist eine Welt ohne Emotion und ohne Vision. Eine Welt ohne Kultur ist eine Gesellschaft ohne Ethik und ohne Ästhetik. Wer Nähe, Dialog, Austausch und Reflexion will (und eine integrative und komplexe Gesellschaft braucht dies unbedingt) muss sich Kulturförderung gönnen. Weil sie Daseinsvorsorge ist. Wer Bildung will, darf nicht ignorieren, dass Kultur und Bildung zwei Seiten ein und derselben Medaille sind. Auch Freiwilligkeit hat Ziel und Sinn. Aber da bin ich schon wieder Apologet. Seufz.

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Ein Kommentar zu “Roboter kuscheln nicht

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