Gesellschaft und Innovation/Kulturfragen/Kulturpolitik

Sinnend gehe ich durch die Gassen: Ein Stück von Joseph von Eichendorff und Jaron Lanier

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

Ich war in Malente. Malente könnte überall sein. Alles sieht so festlich aus. Eine kleine Stadt, eingebettet in eine schöne Umgebung. 10.000 Einwohner, bundesweit bekannt für seinen Geist, der Deutschlands Fußballer einst an die Weltspitze führte. Doch das ist Vergangenheit. Was bleibt, sind ein paar Behörden, gerade im Sommer viele Touristen, gutes kommunales Mittelmaß, wenn man so will. Ich schlendere durch das vorweihnachtliche Städtchen und will einkaufen. Die Läden sind klein und nett, solider Mittelstand. Aber die Gespräche am Tresen schrecken auf. Der Juwelier ist freundlich, aber berichtet, wie schwer es sei, durchzuhalten, wenn rundherum 1-Euro-Shops aufmachen. Außerdem kämen zu ihm hauptsächlich Leute, die Uhrenreparaturen wollten. Diese seien aber schwierig umzusetzen, weil die Hersteller kein Interesse am Reparieren hätten und für Ersatzteile kaum erreichbar seien. Die Schuhverkäuferin berichtet, wie schwer es sei, durchzuhalten, weil die großen Hersteller mit Margen arbeiten würden, die sie kaum abnehmen kann, weil es halt ein kleiner Laden sei und sie deswegen manche Marken nicht mehr anbieten könnte. Dann aber bleiben die Kunden weg und die Verkäufe gehen weiter zurück. Die Apothekerin weist darauf hin, wie viele mittlerweile im Internet bestellen würden und dass die persönliche Beratung wohl noch gefragt sei, nicht mehr aber die Bestellung vor Ort. Von Beratung alleine könne sie aber nicht leben. So sieht’s aus in Malente und sicher in vielen anderen Orten Deutschlands. Wir verlagern unsere Innenstädte aufs Netz. Jaron Lanier, Netzaktivist und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2014 (Buchhandlungen sind auch eine Institution, die sich gegen die Riesenhändler im Netz durchsetzen muss) spricht in seinem Buch Wem gehört die Zukunft? davon, welchen Einfluss in Zukunft sogenannte „Sirenenserver“ haben werden. Sie halten große Rechenkapazitäten vor und sind wie die Sirenen, vor deren Schutz sich Odysseus weiland an den Mast binden lies. Lanier plädiert dafür, sich endlich von der vorherrschenden Umsonst-Mentalität zu verabschieden. Wir alle gehen den Sirenenservern auf den Leim. Leider wird dadurch der Gap zwischen Arbeit und Kapital immer größer, weil letztlich die Besitzer der Sirenenserver, offen oder versteckt, die Märkte regulieren. Wer den Rechner hat, hat die Macht. Auch über Malente. Ich bin nicht gegen das Internet, ganz im Gegenteil, aber ich plädiere wie Lanier dafür, dass wir erstens alle, als Verbraucherinnen und Verbraucher, gezielt und verantwortlich mit dem Netz umgehen und dass zweitens Regeln des Ausgleichs geschaffen werden. Malente ist wie ein Mikrokosmos der Kehrseite des Netzes. Weder unser eigenes noch das Ziel der Gesellschaft darf es sein, unsere Städte veröden zu lassen, weil der Juwelier, der Bäcker, die Schuhverkäuferin, die Apothekerin mehr sind als nur Kaufleute – sie sind Teil unserer Zivilisation, sie unterstützen das Gelingen unseres Zusammenlebens und sie leisten einen wertvollen Dienst an der Gemeinschaft. Merken werden wir das vielleicht erst, wenn es zu spät ist. Damit es nicht so weit kommt, können wir uns alle selber an die Nase fassen. Mit Schnäppchenjagd und Umsonst-Mentalität befriedigen wir vielleicht unser ökonomisches Ego, aber wir zerstören unsere Gesellschaft. Markt und Straßen werden dann sehr schnell verlassen sein. Die Lichter gehen aus. Sinnend geh ich durch die Gassen, alles sieht noch festlich aus.

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Ein Kommentar zu “Sinnend gehe ich durch die Gassen: Ein Stück von Joseph von Eichendorff und Jaron Lanier

  1. Malente ist überall!
    Ein paar Gedanken und Wahrnehmungen aus den letzten Tagen und Wochen…

    Welchen Nutzen hat die Gesellschaft, wenn immer neue Konsumtempel die Klein- und Mittelstädte ausbluten und selbst in den Großstädten dazu beitragen, dass die Fußgängerzonen von den Randlagen her abschmelzen (ein Bericht in der Tagespresse in dieser Woche)? Wenn Kleinstädter aus den Landkreisen samstags 70 Kilometer in diese Megamalls fahren, um ein paar preiswertere Schuhe als um die Ecke zu kaufen, wie ökologisch und ökonomisch kurzsichtig ist das?

    Warum steigt die Attraktivität einer Innenstadt proportional mit der Filialistendichte und dem damit einhergehenden Verschwinden der Inhaber geführten Geschäfte mit ihrem ausgesuchten Sortiment und der guten Beratung? (gleiche Meldung) Wir legen doch in unserer Gesellschaft so viel Wert auf Individualität: Warum geben wir sie dann hier preis?

    Keine Frage: Beruflich und privat nutze ich das Internet viel. Ich schätze die Möglichkeiten der unmittelbaren, schnellen Kommunikation. Was habe ich aber von einem „Sirenenserver“, wenn ich abends bis 18 Uhr in der kleinen Buchhandlung hier in meinem Stadtteil ein Buch bestelle und es am nächsten Morgen zur Ladenöffnung um 9 Uhr (!) schon in der Hand halte? Mein Buchhändler ist schneller als der digitale Marktführer! Ich stelle mir grad vor, wie ich beim Schreiben dieses Kommentars aufschrecken würde, wenn plötzlich eine Drohne vor dem Bürofenster her fliegt und ein Paket ablegt, wie jüngst von der Post erfolgreich im mehrmonatigen Feldversuch getestet.

    Eichendorff… Wie verlassen steht mancher Markt, steht manche Straße schon heute da? Der fußläufig erreichbare Bäcker: verschwunden. Die kleine(n) Kneipe(n) an der Ecke: geschlossen. Der Altbau mit Wohnungen: leergezogen. Still erleuchtet jedes Haus? Wohl nur noch manches, wenn die Weihnachtsdeko der kleinstädtischen Händler just vor jedem Leerstand-Schaufenster drappiert wird.

    Ja, ich gehe auch in diesen Wochen häufig sinnend durch die Gassen und freue mich, dass es (noch) festlich aussieht.

    Deutschland ist im internationalen Vergleich mittlerweile die stärkste Länder-Marke, auch das eine Meldung dieser Tage. Eine Marke hat einen Kern, der (nicht nur in diesem Zusammenhang) für ihre Kultur steht. Besinnen wir uns darauf!
    40 Jahre nach dem „historischen Geist von Malente“ wünsche ich mir, dass dein Blogbeitrag für einen „neuen Geist von Malente“ steht – ein Anstoß in einem gesellschaftlichen Diskurs, der zur Besinnung führt. Und das nicht nur im festlichen Glanz dieser Tage.

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