Bildungspolitik/Erwachsenenbildung/Kultur und kulturelle Bildung/Kulturpolitik

Nachhaltige Kulturdebatte? Worüber wirklich zu sprechen ist …

Worüber sprechen wir nicht alles, gerade in der kulturpolitischen Debatte. Darüber, worüber aber wirklich zu sprechen ist, reden zu wenige. Unsere Kultur steckt in einem Veränderungsprozess. Aufgabe der Kulturpolitik ist es, diese Veränderungen – die sicher vielen auch Angst machen – zu thematisieren. Die Kulturelle Bildung spielt dabei eine wichtige Rolle.

Kultur ist umfassend, sie materialisiert sich in unterschiedlichen Ausformungen – die Künste sind eine davon. Kultur ist ein Prozess, dessen Ausdrucksformen und Umsetzungselemente letztendlich austauschbar sind und nicht auf diverse, zum Beispiel häufig als „Hochkultur“ definierte, Angebote und Methoden reduziert werden kann. Kultur hält alles offen, weil eine abgeschlossene Gesellschaft keine freie Kultur mehr besitzt. Kultur ist deswegen ständig unabgeschlossen, unfertig und in gewisser Weise melancholisch. Kultur ist eine substanzielle Sache, die unsere gesamte Gesellschaft durchdringt, egal, ob wir über Justiz, Rentenzahlungen, Straßenbau oder Filmpremieren reden.

Bildung ist von ihrem Wesen her ein ebenso offener Prozess. Sie wird heute meist an die ökonomische Realität angepasst, anstatt sich an der ursprünglichen Auffassung zu orientieren, die Bildung als Selbstwerdung erkennt. Bildung ist eine Einführung in die Kultur, also ein zivilisatorischer Prozess.

Kulturelle Bildung wird heute meist verstanden als Defizitausgleich und Zweckmäßigkeit. Wirklich kulturelle Bildung ist jedoch im Sinne Schillers Gedanken zu ästhetischen Erziehung eine Reflektion und Bewusstwerdung des Individuums in der Gesellschaft. Sie bildet Kreativitäts- und Kulturkompetenz und schafft die Grundvoraussetzung kultureller und also zivilisatorischer Teilhabe. Die Ästhetik und die mir ihr verbundene gesellschaftskritische Funktion werden zum Gegenstand der Kulturellen Bildung und der bloßen Vermittlung von ästhetischen Techniken enthoben. Kulturelle Bildung sollte die zentrale staatliche Kulturinvestition sein.

Meines Erachtens gibt es drei gesellschaftliche Herausforderungen, die fundamentale Auswirkungen auf unsere Kultur haben werden und die m. E, zu wenig bis gar nicht in der aktuellen Kulturdiskussion (sei es nun vonseiten des Kulturrates, der Kulturpolitischen Gesellschaft, der Kulturverwaltungen in Kommunen, Land und Bund) Erwähnung finden, wiewohl sie zu zentralen Umwälzungen in unserer Gesellschaft führen werden.

Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen werden derzeit noch am ehesten diskutiert. Zu dem Themenkomplex gehören die Frage der Urheberrechte, der Zugriff auf künstlerische Angebote, das Profil der Individualität und der Datenhoheit, die Selbst- und Fremdsteuerung und Überwachung, nicht zuletzt die Abhängigkeit von einer Technik, die der überwiegende Teil der Nutzerinnen und Nutzer nicht durchschaut.

Der zweite Punkt ist die Migration. Es ist wohl kaum zu widerlegen, dass wir am Beginn einer neuen Art von Völkerwanderung stehen. Alles, was in den vergangenen Jahrzehnten in Mitteleuropa an Wohlstand und Ökonomie (= Zivilisation und Kultur) aufgebaut worden ist, wird sich in den nächsten Jahrzehnten verändern. Will Europa seine traditionellen kulturellen Werte bewahren, kann es sich nicht langfristig gegen den wachsenden Migrationsdruck abschotten. Das wird aber dazu führen, dass Wohlstand geteilt werden muss, dass Menschen zusammenrücken und vermutlich nicht das Lebensniveau werden halten können, welches sie bisher gewohnt waren. Wo sind die Theater, die Komponisten, die bildenden Künstler, die sich hier vorwagen und (ästhetisch) die Entwicklungen kontrovers ins Gespräch bringen?

Der dritte Punkt ist die Nachhaltigkeit. Die Ressourcen des Planeten gehen definitiv zu Ende, auch wenn das unsere Wirtschaft und das Konsumverhalten der Zeitgenossen eine andere Sprache sprechen. Wer thematisiert den Verzicht, den Rückzug, den Rückschritt, den unser Wohlstand sicherlich machen wird?

Sicher gibt es noch weitere Themen, die unsere Zukunft bestimmen werden. Wir brauchen Räume für den Diskurs, um eine Haltung zu bilden. Kulturpolitik ist in Wahrheit kulturelle Bildungspolitik – im Sinne des demokratischen Lernens. Kulturpolitik ist also Zivilisationspolitik, kulturelle Bildung ist das Empowerment, unsere Zivilisation und damit unsere Kultur unter den Herausforderungen der Zukunft zu gestalten. Im Mittelpunkt steht das Individuum, nicht Organisationen. Der Return of Investment liegt dabei nicht in einer Erhöhung der Besucherzahlen kultureller Einrichtungen sondern in der substanziellen Entwicklung der zivilen Gesellschaft.

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4 Kommentare zu “Nachhaltige Kulturdebatte? Worüber wirklich zu sprechen ist …

  1. Ein schöner kleiner Artikel, der sehr in die richtige Richtung geht. Auch wenn der Begriff der „kulturellen Bildung“ m.E. seit den letzten kopflosen Debatten innerhalb der Kulturpolitik des vergangenen Jahres unbrauchbar geworden ist – warum spricht man nicht von ästhetischer Bildung, wenn man diese eigentlich meint? – ist genau diese das Feld, auf dem sich in den kommenden Jahren entscheiden wird, ob die zeitgenössische Gesellschaft noch mit ihrer eigenen Kultur zu versöhnen ist. Wichtig ist hier Ihr Statement zur Subventionspolitik: Dass ein Kulturapparat nicht funktioniert, wenn seinen angedachten Nutzern der gedanklich-geistige Zugang zu dessen Angeboten fehlt, sieht man bereits an der rezenten Misere – das wird nicht besser, lenkt die Bildungspolitik nicht schnell und beherzt ein. Das passt dann auch zur von Ihnen geforderten Nachhaltigkeit – allerdings wäre eine progressiv-kulturelle Bildungspolitik keine materialistische, sondern intellektuelle Nachhaltigkeit, die allerdinges eine Grundbedingung für alles Handeln sein sollte.
    Der von Ihnen prognostizierte Rückschritt und Verzicht auf privaten Wohlstand ist zur Rettung des Planeten nicht notwendig – allein eine ernsthaft an Veränderung interessierte und gegenüber der Bevölkerung ehrliche Wirtschaft könnte die Dinge ändern (was freilich nicht nach ihrem Wesen ist). Bislang beobachtet die Politik gleichgültig, wie die großen Unternehmen alles das mehr verbrauchen, worauf die Bevölkerung freiwillig oder preispolitisch erzwungen verzichtet – diese Politik ist aber keine Kulturpolitik mehr, obwohl sie es sein sollte, sind doch Ressourcenverteilung, Wohlstand und die Pflege des weltgesellschaftlichen Habitats zutiefst kulturelle Themen. Aber eben hier fehlt es der Kulturpolitik leider (noch?) an zugesprochenem Geltungsbereich – ein Kompetenz- und Legitimitätsproblem, das ebenfalls nur durch intellektuelle Nachhaltigkeit im gerade erwähnten Sinne behoben werden kann.
    Was aber an Kultur melancholisch ist, ist nicht sie selbst nach ihrem Wesen, sondern sowohl die Verteter der sich gegenüberstehenden Lager der Kulturpessimisten und Marktpositivisten sowie alle die, die neuerlich über diesem Streit die Hände überm Kopf zusammenschlagen und mal wieder den Untergang des Abendlandes prophezeien. Nun kommt es darauf an, die produktiven Formen dieser Melancholie zu mobilisieren.

    • Danke für diese intensive Auseinandersetzung. Zunächst einmal würde ich gerne die Begriffe kulturelle und ästhetische Bildung auseinanderhalten. Bei dieser geht es um Kreativtechniken, jene ist zivilisatorische Bildung und umfassender zu verstehen. Der Nachhaltigkeitsaspekt hat für mich im o.g. Zusammenhang zwei Dimensionen. Zum einen die von Fir als „intelektuell“ bezeichnete Nachhaltigkeit, zum anderen durchaus die ökologische. Hier kommt die Bevölkerung ins Spiel. Auf die Wirtschaft setze ich da nicht, ihre Wachstumsidee, die primär quantitativ rechnet, steht einer ressourcenschonenden Entwicklung im Weg. Im Zentrum der Aufmerksamkeit muss also das Individuum stehen und hier ist Bewusstseinsbildung angesagt. Was können die Künste dazu leisten? Das ist die zentrale Herausforderung. Wir sind uns da einig. Melancholie hat für mich positive Züge, weil sie die Vorsicht, den Zweifel, den Rückblick und die Emotion unfasst. Das sind dann wohl die produktiven Formen, die wir benötigen.

  2. Mit Ihrer kurzen Erläuterung zu den unterschiedlichen Bildungsbegriffen kann ich nicht ganz mitgehen. Zunächst einmal ist zu sagen, dass – wenn man den zu behandelnden Gegenstand mit Schillers Gedanken zur ästhetischen Erziehung herleitet – der Begriff der ästhetischen Bildung, wobei Bildung hier als Subsystem von Erziehung zu denken ist, zumindest mir weitaus konsistenter und doch zumindest argumentativ konsequenter erscheint als der Begriff der kulturellen Bildung. Es ist m.E. gleichermaßen unzureichend, den Begriff der Ästhetik auf „Kreativtechniken“ herunterzubrechen, wie an der Chimäre der Kultur, auch wenn sie adjektivisch daherkommt, festzuhalten, um ein Thema zu erörtern, das nichts dringender braucht als begriffliche, und damit thematische Klarheit. Natürlich geht es um umfassendere Zusammenhänge als den Unterschied zwischen Collage und Gemälde oder einen vierstimmigen Bruder Jakob – auch da sind wir uns einig. Aber wenn der Begriff der kulturellen Bildung als Patron fast jeder auch nur entfernt kulturellen Debatte ins inhaltliche „überall-und-nirgends“ abdriftet, so ist er nicht weiter zielführend. Und sofern er die von Ihnen angedachte inhaltliche Dimension hätte, würde in der Debatte nicht ständig nur beklagt, dass die musischen Fächer in frappierendem Umfang wegbrechen, sondern auch, dass etwa all die Fächer, die abwechselnd „Sozialkunde“, „Gesellschaftslehre“ oder „Gesellschaft und Politik“ heißen, ebenfalls ausfallen müssen oder bestenfalls aufgrund von fehlendem qualifizierten Lehrpersonal als betreute Hausaufgabenstunden stattfinden. Ihren Vorschlag der „zivilisatorischen Bildung“ finde ich gut, da er weniger nach verbrannter Erde riecht – aber das auch nur, da er Zeit zum Abkühlen hatte, denkt man zurück an Herder oder Colerigde. Anstatt aber überhaupt den Begriff der Bildung zu fragmentieren und damit all denen, die in der Pflicht stehen, sich mit den Problemen der Bildungspolitik ernsthaft auseinanderzusetzen, Gelegenheit zu geben, Bereiche aus ihrem Gegenstand auszuklammern, sollte man lieber eben diesen Begriff verdichten und Bildung so umfänglich denken, wie sie nun einmal ist. Denn sie umfasst alle nötigen Fähigkeiten der Subjektivation sowie die Kenntnis und Erschließungskompetenz der Objektivationen der Gesellschaft und ist daher konstitutiv kulturell, ohne dass das noch jemand dazu schreiben müsste.
    Was den Punkt der ökologischen Nachhaltigkeit anbelangt, gebe ich Ihnen natürlich insoweit recht, als dass auf die Wirtschaft ihrem Wesen nach nicht zu setzen ist. Allerdings bin ich offensichtlich weitaus skeptischer als Sie, ob die Bevölkerung in der Lage ist, die Mechanismen des Marktes und das wirtschaftliche Bestreben nach der Aufrechterhaltung der Produktionsbedingungen durch Sparsamkeit auszustechen. Gerade unter dem Aspekt der Kostengünstigkeit durch fallende Nachfrage (in Form gesellschaftlichen Verzichts) scheinen freiwerdende Ressourcen durchaus für eine Wirtschaft mit, wie Sie schreiben, einer quantitativ orientierten Wachstumsidee, verlockend – fraglich, ob da unterm Strich ein Plus übrig bleibt.

  3. Fraglich, ob da unterm Strich überhaupt ein Plus übrig bleiben muss! Denn das ist ja auch schon eine Ideologie, die wir mit uns herum tragen. Aber das ist ein anderes Thema.
    Interessant finde ich die Diskussion um den Begriff Bildung. Ich verstehe ihn mitnichten als Untergliederung von Erziehung. Denn diese scheint mir doch sehr ziel-gerichtet zu sein – nämlich von dem Erziehenden zu dem zu erziehenden. Ethymologisch tauchte der Begriff „Bildung“ m.E. zum ersten Mal bei Meister Eckardt auf, mittelalterlicher Mystiker, Denker und, leider auch von seiner Kirche so apostrophiert: Ketzer. Aber das waren eigentlich alle Mystiker, da mystik per se subversiv Aber das ist auch ein anderes Thema. Meister Eckardt leitet den Begriff „Bildung“ ab von dem biblischen Denken, Gott habe den Menschen „nach seinem Bilde“ geschaffen, gottähnlich also. Nun ist es, so der Dominikanerpater, das bestreben des Menschen, diesem „Bilde“ gerecht zu werden. Was tut der Mensch? Er „bildet“ sich. Das ist primär ein sehr individueller Vorgang und sekundär etwas sehr umfassendes. Bildung ist also ein individueller Prozess, zu sich selber zu kommen, ein Prozess der Selbstfindung. Erziehung mag ihren beitrag dazu leisten, die wesentliche Aktion aber geht vom Subjekt aus. Kultrelle Bildung ist in diesem Fall die, man mag mir diese Wortschöpfung verzeihen – „Sich-selbst-bilden-in-eine-bestehende-Zivilisation-hinein“, dabei gleichzeitig, idealerweise, eine Mit-Prägung der Zivilisation. Bildung ist auch dort, wo sie als Erziehung verstanden wird, eine Einführung in die Kultur, also ein zivilisatorischer Prozess. Wir tun uns heutzutage mit dem Begriff „Erziehung“ schwer, doch hat er zum Beispiel bei Nikolai Grundtvig einen positiven Klang, weil die demokratische Erziehung dort die Hinführung in das Kollektiv als Bedingung für dessen Gelingen ist. Ich bleibe deswegen bei meinem Petitum, Kulturelle Bildung umfassender verstanden zu wissen und dem die ästhetische Bildung (meinetwegen ästhetische Erziehung) beizugesellen, eben weil die Begriffe in der öffentlichen Debatte leider verschwimmen und in eins gesetzt werden. Für mich trägt diese Defintion zu einer Trennschärfe bei.

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