Kulturfragen

Katholische Kirche: Willkommen im Netzwerk

Im Vatikan hat die sogenannte „Familiensynode“ stattgefunden. Teilnehmer waren überwiegend alte, unverheiratete Männer. Im Abschlussdokument haben sie zumindest geäußert, auch sie kämen aus Familien. Zugegeben, das ist wahr, leider in den meisten Fällen wohl sechzig oder siebzig Jahre her. Und, ebenfalls zugegeben, es waren sogar Frauen und richtige Familienmenschen mit aktuellen Erfahrungen anwesend. Aber sie waren eben nicht in der Mehrheit.

Nun müsste man davon ausgehen können, dass sich die alten, unverheirateten Männer weitgehend einig waren in ihren Ansichten über das Zusammenleben oder Nicht-Zusammenleben von Männer und Frauen. Waren sie aber nicht. Die Diskussion schlagen Wellen; schon während der Synode und erst recht danach. Verschwörungstheorien machen die Runde und Absetzbewegungen. Was da im Vatikan diskutiert wurde, passt so manchem beteiligteM und nicht beteiligtem Bischof nicht.

Dabei ist das zweiseitige Abschlussdokument sehr vorsichtig formuliert. Und eine Revolution, wie so manche meinen, gar eine neue katholische Sexualmoral, kann man schon gar nicht daraus lesen. Trotzdem ist die Aufregung groß. Man rüttele an Grundfesten der katholischen Lehre heißt es da. Und das nur, weil relativ offen über Homosexualität oder das Scheitern von Partnerschaften gesprochen wurde – eine Realität, wie wir wissen, und zwar in allen Ländern der Welt.

Überwiegend aus Afrika und Amerika kommen kritische Worte. Ein nigerianischer Theologe schafft es sogar in die Schlagzeilen deutscher Zeitungen, weil er, zurückhaltend zwar, aber man kann es aus seinen Äußerungen herauslesen, die Gesetze seines Landes gegen Homosexualität verteidigt. Dagegen standen Bischöfe aus Westeuropa, die auf eine Öffnung der Kirche in den besagten Fragen drangen.

Willkommen in der Realität. Die Diskussionen der vergangenen Tage zeigen, dass die Herausforderung für die katholische Kirche eine viel größere ist als die Frage, wie man denn zu schwulen Partnerschaften steht. Ausgerechnet Benedikt XVI., der Papst, auf den die konservativen Katholiken ihre ganze Hoffnung gesetzt haben, hat den Damm gebrochen. Mit der Anerkennung der lateinischen Messe hat dieser Papst eingestanden, dass die katholische Kirche nur plural gedacht werden kann. Das ist, gerade für traditionelle Gläubige, ein dicker Brocken. Für die, die sich das schon immer gedacht habe, sei es zur Erklärung noch einmal erwähnt: Die katholische Kirche hat den Anspruch, eine allumfassende, Zeiten und Grenzen überspannende Lehre zu verkünden. Dass das, wenn man sich die Zeitläufte ansieht, nie der Wirklichkeit entsprach, wird gerne vergessen. Jetzt aber wird man sich eingestehen müssen, dass die Postmoderne weitreichende Folgen für die Kirche hatte. Sie ist plural und vielfältig geworden und wird sich daran gewöhnen müssen. Wenn der Theologe aus Nigeria erklärt, in seinem Heimatland seien schwule Partnerschaften gesellschaftlich nicht zu vermitteln, dann mag das in Nigeria gelten. Interessant ist, dass er das damit begründet, die kirchliche Lehre könne man nicht kontextualisieren, aber genau dies tut. In Europa gelten andere Ansichten. Die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe entstammt einer Zeit, in der Menschen vielleicht fünfzehn, höchstens zwanzig Jahre zusammen lebten. Längere Partnerschaften bergen auch mehr Möglichkeiten für Konflikte. Dieser Gedanke ist übrigens weder neu, noch von mir. Ich habe das schon im Studium gelernt. Gleiches gilt für andere Glaubenssätze. Fragen Sie tausend Pfarrer, was sie wirklich glauben (besonders zu existenziellen Fragen des Lebens und Sterbens) und sie werden tausend unterschiedliche Antworten bekommen. Die Pluralität ist real – und sie ist nichts Schlimmes .

KircheDer italienische Philosoph Gianni Vattimo hat den klugen Gedanken formuliert, dass die Offenbarung, also das, was als zu glauben vermittelt wird, sich individuell in jedem Menschen weiter entwickelt. Mehr Pluralität geht nicht. Und auch die Kirche hat historisch plurale Wurzeln. Entstand sie doch aus einem Geflecht von Glaubensorten rund ums Mittelmeer, die durchaus unterschiedliche Lehren vertraten. Es gab früher mehrere gleichrangige Patriarchen. Die Zeit der Zentralität ist vorbei. Wir sollten uns daran gewöhnen, dass es auf der ganzen Welt unterschiedliche Glaubensvorstellungen gibt. Jede dieser Vorstellungen kann nicht den Anspruch vertreten, die absolute Wahrheit zu verkünden. Das würde im Übrigen auch das Zusammengehen in der Ökumene vereinfachen. Den Anspruch einer „versöhnten Verschiedenheit“ könnte man dann auf die katholische Kirche übertragen.

Willkommen in der Realität, willkommen im Netzwerk. Die katholische Kirche wird post postmodern, sie wird in Zukunft als ein Netzwerk gedacht werden müssen, mit unterschiedlichen Zugangspunkten und unterschiedlichen Glaubensinterpretationen. Die Vorstellung, in Rom würde festgelegt, was in Sydney, Bonn oder Lima geglaubt würde, hat eh nichts mehr mit der Realität zu tun. Die Diskussionen auf der Familiensynode im Vatikan bieten jetzt die Möglichkeit, auch offensiv diesen Schritt zu gehen und sich vom Zentralismus zu verabschieden. Was es braucht, schon um Nationalismen vorzubeugen, ist eine neue Form von Katholizität. Was es braucht, ist eine Art neuer Internationale, die sich auf grundlegende Glaubensaussagen einigen könnte. (By the way: Dafür wäre eine Synode viel notwendiger, als die ewige Diskussion um Ehe und Sex, hinter der letztlich die Machtfrage steht). Der Papst wäre dann als gemeinsame Symbolfigur anerkannt, sollte aber vor Ort nicht mehr hineinregieren. Die katholische Kirche würde sich als eine Art weltumspannendes Netzwerk verstehen. In dem es unterschiedliche Formen und Ansichten gibt (Warum sollte nicht in einem Land der Zölibat gelebt werden und in einem anderen nicht?). Katholizität würde nicht mehr als Zentralität, sondern als Vernetzung verstanden werden. Daraus wird ein lebendiger ständiger Diskurs entstehen – der sicher mehr Lebendigkeit in die katholische Kirche bringt. Dann wären hoffentlich auch nicht mehr nur alte, unverheiratete Männer beteiligt.

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