Gesellschaft und Innovation/Kultur und kulturelle Bildung/Kulturfragen

Die wilden Siebziger

Ich habe das neue Buch von Ulrich Raulff gelesen. Wer ihn nicht kennt: Raulff ist Kulturwissenschaftler und Journalist und im Hauptberuf Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde der mit seinem Buch Kreis ohne Meister, über das Nachwirken von Stefan George. Ein Buch, das sich zu lesen lohnt. Nun habe ich Wiedersehen mit den Siebzigern gelesen, dessen Untertitel Die wilden Jahre des Lesens kennenzulernen verspricht. Da ich ein Kind der Siebziger bin, wenn auch im Kindergarten nicht mit den Thesen des Jahrzehnts vertraut, habe ich mich mit einiger Vorfreude an die Lektüre gemacht. Und war entgeistert, enttäuscht und entsetzt. In dieser Reihenfolge.

Entgeistert war ich, dass ich einigen Trivialitäten aus dem Leben des Autors begegnete, die mich nicht wirklich interessieren. Verlage nehmen heute nur noch Bücher an, die sich gut verkaufen lassen. Eine gute Idee oder eine Mission – „Was ich der Welt unbedingt zu sagen haben“ – reicht da nicht mehr aus. Ich habe mich gefragt, ob der Verlag davon ausgegangen ist, dass sich das Buch ob seines Titels gut verkauft, oder dass der Autor bekannt genug ist? Irgendeinen Grund muss es ja gegeben haben, den Titel ins Programm aufzunehmen. Meine Entgeisterung rührte auch daher, dass mir im ersten Moment nach den rund 170 Seiten noch nicht klar war, worum es eigentlich gehen sollte. Dass Menschen gerne und viel lesen, ist nichts Neues. Dass Ulrich Raulff sicher sehr belesen ist, kann man sich ebenso denken. Was also will mir der Autor mit seinem Buch sagen? Michael Rutschky schreibt in der Welt, das Buch sei eine behagliche Darstellung der Entwicklung der Postmoderne. Das lässt an einen Kamin, lange Winterabende und guten Rotwein erinnern. Aber mehr als Zeitvertreib ist die Lektüre dann nicht. Zugegeben: Der Text ist gut und flüssig geschrieben, man liest gerne darin, wenn man auch hier und da über Wörter stolpert, die allzu deutlich die Bildung des Autors hervorheben sollen.01_Foto

Meine Enttäuschung rührt daher, dass ich etwas anderes erwartetet hatte. Dass die Siebziger, insbesondere in Frankreich, eine faszinierende Zeit waren, ist allgemein bekannt. Ich erwartete eine Darstellung, wie die Theorien eines Derrida, eines Foucault, eines Barthes, eines de Certeau die Zeiten und besonders die Literatur nachhaltig geprägt haben. Wenig dergleichen finde ich in den Berichten Ulrich Raulffs. Stattdessen erfahre ich etwas über die Büroeinrichtung Michel Foucaulds und die Anzüge Roland Barthes‘. Das liest sich alles locker und leicht. Man fühlt sich als Leser jedoch eher an eine intellektuelle Autobiographie als an eine lohnende Darstellung erinnert, lohnend für mich, lohnend für heute.

Doch dann schlägt die Enttäuschung in Entsetzen um. Und vielleicht ist es das, was die Lektüre ausmacht und worin sie letztlich aufrüttelt, selbst, wenn Ulrich Raulff das vielleicht gar nicht intendiert hat. Wer weiß? Die Süddeutsche Zeitung findet das Buch eine vergnügliche Darstellung der Intellektuellenszene der 70er. Hier liegt der zentrale Erkenntnisgewinn für den Leser und die Leserin von heute. Das eigentliche Buch für das Europa des 21. Jahrhunderts ist das Buch nach dem Buch. Raulffs bietet eine Beschreibung der Theorien und Auseinandersetzungen der damaligen Zeit. Das alles gewandet er in seine persönliche Kulturanalyse des Lesens. Der Verlag spricht im Klappentext von „Geschichten […] der letzten Printtankstelle vor der Datenautobahn.“ Ist es das, was entsetzt? Dass nämlich eine Art von Lesekultur verloren gegangen ist? Diese Perspektive scheint mir zu sehr vom homme de lettres Raulffs geprägt. Viel schlimmer erscheint mir der Verlust des intellektuellen Diskurses zu sein. Das Buch, das Raulff geschrieben hat, wird in dreißig Jahren niemand mehr schreiben können. Nicht, weil heute zu wenig gelesen wird – ganz im Gegenteil. Sondern weil heute die Theorien fehlen, die Typen, die sie vertreten, die Auseinandersetzung mit ihren Gegnern. In den Siebzigern war es für den Autor überhaupt kein Problem, in einer Stadt – Paris – ein ganzes Universum von skurrilen Vor- und Nachdenkern zu begegnen. Wo sind diese Charaktere heute? Universitätsprofessoren von heute sind meistens damit beschäftigt, Drittmittel einzuwerben. Die Lehrpläne gleichen Stundenplänen, die Oberprima verlängert sich in den Bachelor. Für Theorie und Diskurs bleiben weder Zeit noch Raum. Wo sind heute die Koryphäen versammelt, über deren Thesen man streiten könnte? Sloterdijk vielleicht, Hans Joas, Heinz Bude – und das war‘s? Raulffs Buch ist in seiner historischen Wehmut im Prinzip ein bisher unformuliertes Psychogramm unserer theorievergessenen Gesellschaft, die die kritische Reflektion vernachlässigt und die konstruktive Vision scheut.

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