Gesellschaft und Innovation/Kultur und kulturelle Bildung/Kulturfragen

Immer mehr – von schönen Künsten und schönen Straßen

Was sind schöne Künste? Bildende Kunst, darstellende Kunst, dazu Musik, Literatur. Was schön ist, liegt im Auge des Betrachters und in der Interpretation von Künstlerinnen und Künstlern. Zu verschiedenen Zeiten ändert sich das Verständnis von Schönheit. Die Moden wechseln und mit ihr die Ansichten. Schönheit ist subjektiv. Das ist die große Chance von Künstlerinnen und Künstlern und ihr großes Problem. Kunst stellt dar, aber Kunst muss sich auch verkaufen, wollen Künstler leben und überleben. Zurecht verwahren sich diese gegen Einflussnahme von außen in den schöpferischen Prozess. Gelenkte Kunst ist keine Kunst, sondern Dekoration. Und also nicht schön, weil verzweckt.
Weil aber die Moden wechseln und Schönheit im Auftrag des Betrachters liegt, hat Kunst es schwer. Wird sie gefällig, finden sich Käufer unter Umständen auf Kosten der künstlerischen Identität. Es gibt sicher nur wenige Künstler, die wirklich so frei arbeiten können, dass sie ihre eigenen Vorstellungen umsetzen können und trotzdem genug verkaufen. Was also, wenn die Künste schön sind, aber brotlos?
Wer schöne Künste zum Lebensunterhalt produziert, wird immer die Kundensicht mit im Blick haben. Künstlerinnen und Künstler, die von ihrer Kunst leben wollen, begeben sich auf einen Balanceakt zwischen künstlerischer Freiheit und Kundenwünschen. Das geht meist nur mit Abstrichen auf beiden Seiten, aber sonst werden die Künste sterben. Nicht nur den einzelnen Künstlern wird es so gehen; für Museen, Orchester und Theater gilt dasselbe. Was künstlerisch als schön empfunden wird, mag keinen Anklang beim Publikum finden. Langfristig geht die Institution ein. Schon schön, aber endgültig.
Schöne Straßen sind sauber, ohne Schlagloch, mit Flüsterasphalt. Schöne Straßen sind mittlerweile in unserer Infrastruktur zum Luxus geworden. Worauf dieses Land einmal stolz war, vergammelt zusehends. Jahrelang haben wir Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert, haben aus der Infrastruktur herausgeholt, was an Profitmaximierung heraus zu holen war. Jetzt wundern wir uns über die Nachlässigkeit und stehen vor einem Berg hoher Kosten. Niemand weiß, wie viel die Erneuerung von tausenden Kilometern Straßen, Brücken und Geleisen die nächsten Jahre kosten wird – und wer das alles bezahlen soll.
Was haben die schönen Künste mit den schönen Straßen zu tun? Leider stehen sie in einem unseligen Zusammenhang. Millionen Autofahrern leuchtet es natürlich ein, dass die Straßen gut sein müssen. Sie sind die Strecken der Wirtschaft, von Transport und Logistik. Hier wird richtig Geld verdient. Außerdem fährt es sich auf glattem Asphalt besser in den Urlaub. Die Kultur aber gilt als sogenannte „freiwillige Leistung“. Nice to have, aber wenn kein Geld da ist, stehen Kultureinrichtungen als erstes auf der Streichliste. Und womit wehren sich Kulturinstitutionen? Mit dem Verweis auf die schönen Künste. Siehe oben. Man wünscht sich, autonom zu arbeiten und hofft auf gedeihliches Auskommen.

Schöne Straße?

Schöne Straße?

Die Rechnung geht leider nicht auf. Den Meisten sind die Straßen lieber als das Theater. Was hilft? Lobbyarbeit, klar, aber auch ein realistischer Blick darauf, wie Künstler und Kultureinrichtungen zu agieren haben. Nämlich, dass sie einen Balanceakt betreiben müssen zwischen künstlerischer Freiheit und den Bedürfnissen des Publikums oder der Käufer. Man nennt das „Audience development“ und meint damit eine neue Art, auf Kunstrezipienten zuzugehen: ihren Blick einzunehmen, eventuell aufzuklären und zu bilden und ja, auch bei der eigenen Konzeption eines Kunstwerkes, einer Ausstellung oder einer Aufführung die Käufer, Zuschauer und Zuhörer mit im Blick zu haben. Wo das übrigens seit langem gut klappt, ist die Literatur. Wer schreibt, hat die zukünftigen LeserInnen mit im Blick. Denn was bringt ein Buch, das niemand kauft?
Die schönen Straßen braucht es auch. Denn wenn die Wirtschaft nichts verdient, wird auch niemand zur Kunst greifen. Aber sie sind nicht alles. Was ist eine Gesellschaft, die schöne Straßen und schöne Bahnhöfe hat aber keine Substanz mehr, keine Ideale, keine Orte und Foren, über die eigenen Werte nachzudenken? Kunst regt zum Nachdenken über die Gesellschaft an. Ein Land, dass nur noch aus einer tipptop Infrastruktur besteht, ist inhaltlich öde – und vielleicht sogar gefährlich, wenn nämlich alle Werte bis auf die Gewinnmaximierung erodieren. Eigentlich gibt es keinen Gegensatz von schönen Künsten und schönen Straßen: Beide sind Ausdruck unserer Kultur. Auch Kunst ist Infrastruktur. Und: Beide haben in der vergangenen Jahrzehnten dasselbe Schicksal erlitten. Die Straßen sind kaputt und die Kultureinrichtungen kränkeln, weil Gewinne privatisiert und Verluste kollektiviert wurden.
Wer soll das bezahlen? Die Bürger? Der Staat? Solange wir vom Wachstum reden, müssen wir uns eingestehen, dass es Dinge in der Gesellschaft gibt, die immer teurer werden. Punkt. Dazu gehört die Infrastruktur, dazu gehören unsere Sozial- und Gesundheitssysteme. Und dazu gehört auch die Kultur. Man nennt das: Daseinsfürsorge. Entweder wir akzeptieren das, oder wir suchen nach einer Alternative zur Wachstumsideologie. Dass das Wachstum begrenzt ist, hat uns der Club of Rome schon 1974 vorgerechnet. Bisher aber halten wir daran fest, dass es nach oben noch genug Luft gibt. Okay, dann müssen die Teuerungsraten für schöne Straßen und schöne Künste einkalkuliert werden. Wer aber glaubt, dass das Geld dafür nicht reicht, muss an der Wurzeln umdenken. Wer auf qualitatives Wachstum statt auf quantitatives Wachstum setzt, wird auch marode Straßen hier und da akzeptieren, solange die Gesellschaft zusammenhält und das Leben einen Sinn hat. Weniger Konsum – mehr Substanz. Wer von qualitativem statt von quantitativen Wachstum spricht, wird sich auch kulturell anders engagieren, weil die Beschäftigung mit schönen Künsten Freude macht und Sinn stiftet. Man nennt das auch Nachhaltigkeit. Solange wir aber nach dem Immer-Mehr-Prinzip leben, stehen wir vor der Idee von schönen Künsten und schönen Straßen – und beide werden die Hand aufhalten – zurecht.

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