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Lasst uns Geschichten erzählen

Welchen Wert hat die Kultur und: Wie bemisst man den Wert der Kultur? Der Kulturdialog in der Euroregion Sønderjylland-Schleswig ist ein Forum von Vertreterinnen und Vertreter aus Dänemark und Schleswig-Holstein. Bei der dritten offenen Regionalkonferenz, die am 14. März in Sønderborg stattfand, ging es um den Wert der Kultur für die Gesellschaft. Welchen Volten schlagen wir, um den Wert der Kultur zu begründen, erst recht da, sie – zumindest in Deutschland – als freiwillige Aufgabe oft mit einem „k.w. Vermerk“ gekennzeichnet ist. Christian Hjorth-Andersen, emeritierter Wirtschaftswissenschaftler aus Kopenhagen, rief in Sønderborg die versammelten Kulturverantwortlichen auf, sich nicht als bessere Ökonomen zu betrachten. Umwegrentabilität, zusätzliche Einnahmen durch Kulturtourismus? Vergesst das alles, rief er in den Saal. Kultur muss selbstverständlich sein. Kultur ist ein öffentlicher Wert und der Öffentlichkeit muss die Kultur etwas wert sein. Warum nicht die Bevölkerung fragen, was ihnen ein Museum wert ist! Ja, warum eigentlich nicht? Vielleicht, weil das die Freiburger schon einmal versucht haben, mit dem Ergebnis, dass die Bevölkerung für die Einrichtungen neuer Kindergärten und gegen den Ausbau der Museen war. Bildung und Kultur, Milchbrüder, die nicht auseinandergerissen werden können, wurden so gegeneinander ausgespielt. Darum geht es nicht, die Kultur dem Volkswillen auszusetzen. Ist das so? Oder gibt es nicht doch den Weg, den Menschen die Selbstverständlichkeit der Kultur wieder näher zu bringen, wie es weiland in den vergangenen Jahrhunderten war? Man lese nur die Berichte Samuel Pepys aus dem London des 17. Jahrhunderts, in der der Theaterbesuch mehrmals in der Woche selbstverständlich waren. Wie also kann es gelingen, der Kultur und ihren Einrichtungen wieder den ihr angemessen Platz im Herzen der Gesellschaft zurückzubringen?

In der Tat: Umwegrentabilität kann man als etwas vage Theorie verwerfen. Kulturtourismus lohnt ich nicht, weil es nur wenige Hotspots in Deutschland gibt, die wirklich nennenswert Touristen anziehen. Die Argumente sind also allesamt schnell Makulatur.

Aber lohnt es sich, neue Kleider zu kaufen? Irgendwann sind die aus der Mode, dreckig und bekommen Löcher. Man kann sie waschen, reparieren und weiter anziehen. Stattdessen kaufen wir uns neue Klamotten. Warum? Weil wir gut aussehen wollen, weil wir uns schmücken wollen, weil wir „in“ sein wollen. Nicht anders verhält es sich mit der Kultur und ihren Angeboten. Wir brauchen das Neue, die Entwicklung, die Ideen, weil wir als Gesellschaft und als Einzelne gut aussehen wollen; weil wir uns schmücken wollen und weil wir „in‘, also mit Anderen in Kontakt kommen wollen. Das alles leisten die Kultureinrichtungen. Das ist ein Petitum für die Wohlfühlkultur, sondern für die Auseinandersetzung. Die Aufgabe von Kultureinrichtungen dabei ist ganz einfach und doch so schwer: Um sich mit dem Theater, dem Museum oder der Akademie zu identifizieren, braucht es eine Geschichte. Will die Kultur aus der Nischenrolle heraus, muss sie anfangen, eine Geschichte zu erzählen. Storytelling statt Haushaltsbashing sozusagen.

Das bedeutet Anstrengung. Natürlich: Effektivität und Effizienz sind für Kultureinrichtungen unabdingbar. Nicht wenig Anteil an der aktuellen Diskussionen haben die Kultureinrichtungen nämlich selbst, da sie sich häufig immer noch in den Siebzigerjahren wähnen, in denen öffentliches Geld zur Genüge vorhanden war und ohne viel Federlesens verteilt wurde – auch ohne große Nachfragen, wie denn dieses (Steuer)geld eingesetzt wurde. In Zeiten der Haushaltkonsolidierung und Schuldenbremse – was man volkswirtschaftlich ohne Weiteres kritisieren darf, aber erst einmal als ein Faktum genommen werden muss, welches in der breiten Öffentlichkeit goutiert wird (wer auf Haushaltsdisziplin Wert legt, gewinnt Wahlen) – ist die Frage nach Effizienz und Effektivität obligat. Dem können sich Kultureinrichtungen, die öffentliches Geld erhalten wollen, nicht entziehen. Wie sie sind die Arbeitsabläufe? Machen wir das Richtige und machen wir das Richtige richtig? Es gibt durchaus Antworten auf die Fragen, ohne dass die künstlerische Substanz generell infrage gestellt werden muss. Man kann nicht mit Hinweis auf die künstlerische Freiheit die ökonomische Sorgfalt und Transparenz außer Acht lassen. Dazu gehören auch (neue) Formen des Marketings und das Erschließen neuer Zielgruppen.

FeuerWie also kann die Geschichte erzählt werden? Das Apodiktum „Theater muss ein!“ reicht nicht mehr. Der Plot muss heute anders lauten. Warum braucht eine Stadt ein Theater und warum braucht DIESE Stadt gerade DIESES Theater? Was macht das Theater mit der Stadt und seinen Einwohnern und vor allem: Was machen die Einwohner dieser Stadt mit ihrem Theater? Welche Bedeutung hat das Theater für die Menschen und für die Stadt? Die Fragen können mit jeder Einrichtung durchgespielt werden. Das ist die Geschichte, die erzählt werden muss, damit sie sich weiter verbreitet. Wenn Kulturleute mit Storytelling anfangen, werden Bürgerinnen und Bürger die Geschichten aufgreifen und zu ihrer Geschichte machen. Aus dem Stadtheater wird das Bürgertheater. Kultureinrichtungen werden wieder zur Selbstverständlichkeit. Welche Geschichte erzählen das Museum, die Volkshochschule oder eine Stadtbücherei? Wenn das Erzählen gelingt, wird die Akzeptanz von Kultureinrichtungen und deren öffentlicher Finanzierung steigen. Wer vom ökonomischen Impact spricht, will überzeugen. Wer eine Geschichte erzählt, will begeistern!

Fangt an, eure Geschichte zu erzählen, und macht die Menschen zum Teil dieser Geschichte! Schafft ein Gefühl für das geistige und seelische Wohl der Gesellschaft! Das ist eine Riesenaufgabe, aber Kreative können das.

Übrigens trat beim Kulturdialog Sønderjylland-Schleswig ein Schauspieler auf, ein Mann, dessen Beruf die Kultur ist und der von ihr lebt. Sein Auftrag war, er möge aus seiner Sicht etwas über den Wert der Kultur berichten. Und richtig: Der Mann hat erzählt, von sich, von seiner Berufung, von seiner Familie. Ohne Manuskript, ohne Hilfsmittel. Das Auditorium war begeistert.

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3 Kommentare zu “Lasst uns Geschichten erzählen

  1. Immer wieder gut, sich daran erinnern zu lassen:
    Warum nutzen die Kulturschaffenden,, die mit Theater, mit Bildern, mit Musik, mit Dingen, mit Tanz, mit Büchern doch eigentlich jeden Tag Geschichten erzählen, nur vergleichsweise selten dieser Kunst, um andere im Alltag einfach damit anzustecken!? Nicht penetrant, sondern charmant. Nicht belehrend, sondern begeisternd. Nicht abgehöben, sondern lebensnah. Nicht berechnend, sondern befreiend. Nicht in Konkurrenz gegeneinander,, sondern mit Respekt und Staunen füreinander…Ich glaube, alle Menschen tragen, ohne dass es ihnen immer bewusst ist, solche Geschichten mit sich herum. Sie erleben aber nur selten, dass sich jemand dafür interessiert oder dass es einfach gut tut, sich darauf zu besinnen. Bei dem erfolgreichen Bürgerengagement für den Flensburger Bücherbus sind solche Geschichten in Gesprächen immer wieder mit angeklungen wie z.B. „Ich hätte als Kind am liebsten im Bücherbus übernachtet…“ Meine Vermutung ist, dass nicht zuletzt solche persönlichen Erinnerungen – ob nun ausgesprochen oder im Stillen neu geweckt – großen Anteil an der Motivation so vieler Menschen hatten, sich für den Erhalt dieser mobilen „Kulturgeschichte“ mit Bezug zur eigenen Lebensgeschichte einzusetzen.

  2. Pingback: Das Wunder von Kiel - Schleswig-Holstein im Kulturdialog. Ein langes Gedankenspiel | Landesblog

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