Gesellschaft und Innovation/Kulturfragen

Befreit die Kultur

Das Feuilleton, so berichtete mir jüngst einer, der es wissen muss, werde von annähernd zehn Prozent der Leserinnen und Lesern einer Zeitung wahrgenommen. Das ist wenig, und ich gebe zu, dass ich überrascht war. Stellt doch gerade das Feuilleton die Zierde einer jeden Tages- und Wochenpostille dar. Mehrere Seiten umfassen die Berichte über kulturelle Ereignisse und Ondits in ZEIT, FAZ und Co. Die jeweiligen Redakteure sind wahre Edelfedern, über die Redaktion hinaus bekannt und gerne gesehene Gäste auf Podien, in Radiosendungen oder im Fernsehen. Zudem publizieren viele von ihnen regelmäßig viel beachtete Bücher. Und diese Bücher, so macht uns zumindest das Feuilleton Glauben, werden vielen Menschen gelesen. Wie kann es also angehen, dass das Feuilleton ein Nischendasein führt? Und wie steht es mit den anderen Medien, die sich gerne als Stimme der Kultur präsentieren? Mir fallen da besonders die Radiosender ein, die eigene Kultursparten haben. Allein das Deutschlandradio nennt eine seine beiden Säulen „Deutschlandradio Kultur“. Gewiss, auch hier ist die Anzahl der Hörerinnen und Hörer überschaubar und insofern bestärkt der Eindruck genau das, was mir vom Feuilleton berichtet wurde: Kultur ist ein Nischenthema. IMG_0911

Das mag unsereiner Kulturmensch zutiefst bedauern. Uns interessiert, was auf den Brettern passiert, die die Welt bedeuten. Wir fiebern mit Romanhelden, freuen uns und leiden mit den Protagonisten neuer Spielfilme, diskutieren Alben und Konzertaufführungen und, wenn wir nicht ganz old fashioned sind, verfolgen die Netzkultur, Games, Blogs und Crowds. Wie kann es sein, dass das sonst niemanden interessiert? Seien wir doch ehrlich: Wir fühlen uns ganz wohl in unserer Nische. Wir sind unter unseresgleichen, müssen nichts großartig erklären, was dem Fragenden allzu abstrakt, langweilig und unzugänglich vorkommt. Wie pflegen einen elaborierten Code, der genau solche Begriffe nutzt, und erkennen daran, ob der Begriff erkannt wird, die Indianer gleichen Stammes. Indem wir auf einer kulturellen Metaebene kommunizieren, schmeicheln wir dem Intellekt derer, die uns verstehen und fühlen uns selber geschmeichelt. Jeder sieht, dass wir den Begriff „elaborierter Code“ kennen und uns dadurch gegenseitig beweisen, dass wir Niklas Luhmann gelesen oder zumindest anfanghaft verstanden haben. So ist es schön mit unserer Kultur. Deswegen pflegen wir die Unterscheidung in E- und U-Musik. Wer wirklich ernst genommen werden will, der hört natürlich E-Musik und parliert darüber. Helene Fischer ist etwas für die anderen, das sind nicht wir. Wenn wir uns ehrlich eingestehen, dass wir die Musik Paul Hindemiths auch nicht verstehen, dann schwören wir auf New Yorker Indie-Bands, die nicht jeder kennt und die als Geheimtipp gelten könnten. Wehe, die Bands werden bekannt, womöglich noch als Vorgruppe zu Helene Fischer; wir müssten musikalisch auswandern und nach etwas anderem Ausschau halten, das nicht jeder kennt.

Wir Kulturmenschen sind, was der Philosoph Norbert Bolz einmal so betitelte, die „Konformisten des Andersseins“ – (aufgemerkt: Ich habe Norbert Bolz gelesen und verstanden).

Wer sich derart eingeigelt hat, darf sich nicht beschweren, wenn Kultur als Beitrag zur Freizeit oder zur Lebensqualität angesehen wird. Das tun wir nämlich gerne: Uns beschweren über mangelnde Aufmerksamkeit. Wo doch Kultur so wichtig ist, warum sie nicht mehr gewürdigt wird. Warum lesen nur zehn Prozent das wichtige Feuilleton? Hier passiert doch die Welt! Wenn uns auch niemand versteht, sei’s drum. Hauptsache wir verstehen uns. Da wird Kultur reduziert auf nette Veranstaltung, leckere Kanapees, angenehme Treffen mit schönen Menschen in anmutigen Kleidern und abschließendem Gefühl, einen Abend lang die Seele über den schmutzigen Alltag des Straßenpflasters erhoben zu haben. Was bleibt, ist die Kultur als süße Sahne auf dem Tee. Kann sein, muss nicht; aber je nachdem, wie man sie in das Gebräu mischt, beweist man den eigenen Stil.

IMG_0760Das aber ist Kultur eben nicht. Und schon gar nicht ist sie ein Randthema in der Gesellschaft. Kultur ist nicht die Sahne, Kultur ist der Tee. Kultur ist, was unsere Gesellschaft erst möglich macht, sie ist das, was unser Miteinander ausmacht, reflektiert und weiter entwickelt. Kultur ist Kunst und Zivilisation, ist Kreativität und Störung. Kultur ist, was uns alles umgibt. Kultur ist mehr als die Künste, ist Bildung und Wissenschaft, Soziales, Wirtschaft und Recht. Es wäre die Herausforderung an uns Kulturmenschen, genau das deutlich zu machen und uns nicht auf künstlerische Freizeitbeschäftigung reduzieren zu lassen. Nicht nur das Feuilleton ist Kultur, die ganze Zeitung ist mit ihrer Tradition, ihrer Sprache, ihrer Technik und ihrem Auftrag Ausdruck der Kultur in unserer Gesellschaft.

Also, liebe Kulturmitmenschen: Gebt euch nicht mit dem Feuilleton und seinen zehn Prozent zufrieden. Raus aus der Nische, die bequem geworden ist und mit Larmoyanz gepolstert ist. Wer wirklich etwas für die Kultur erreichen will, muss die Kultur aus der Kultur befreien.

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