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So ein Theater

In vielen Ecken Deutschlands tobt derzeit die Diskussion ums Theater. Jetzt wurde bekannt, dass das Kultusministerium in Magdeburg beim Anhaltinischen Theater in Dessau aus Kostengründen Ballett und Schauspiel zu streichen beabsichtigt. Schon seit längerem wird über die Zukunft der Bühnen in Wuppertal diskutiert und Ende 2013 schlugen die Wellen in Schleswig hoch, als sich die Ratsversammlung nicht auf den Neubau einer Spielstätte für das Landestheater in der Schlei-Stadt einigen konnte. Auch in anderen klammen Bundesländern wird über die Zukunft der Bühnen diskutiert.

Die Befürworter argumentieren apodiktisch mit Sätzen wie: „Theater muss sein!“ – „Ohne Theater ist eine Stadt keine Stadt“ Die Gegner, oder nennen wir sie die ‚Kritiker‘, verweisen auf die leeren öffentlichen Kassen, die oftmals geringe Eigenwirtschaftsquote der Häuser, die Kultur als freiwillige Leistung und den demografischen Faktor. Wenn gar nichts mehr geht, fragt man, ob das Bühnenbild nicht ein bisschen kleiner ginge.

Zumindest den Kritikern mag man eine allzu verengte Sicht entgegenhalten. Sehr schön arbeitete das Stephan Opitz jüngst in der Süddeutschen Zeitung heraus. Gewiss sei die Wirtschaftlichkeit nicht von der Hand zu weisen. Aber wieso, bitte schön, sollten Krankenhäuser (als Teil der Daseinsvorsorge) subventioniert werden – und das werden sie zurecht, wie ein aktuelles Urteil des Landgerichts Tübingen beweist –, Theater aber nicht? Dass diese nicht von allen genutzt werden, stellt keinen Ausschlussfaktor da. „Der Staat“, schreibt Opitz, „kann und soll Steuergelder für (auch kulturbezogene) Daseinsvorsorge und Infrastruktur benützen.“ (SZ vom 23.1.) Hospitäler wie Schauspiele sind Teil der Public Values (übrigens wie Volkshochschulen, das habe ich an anderer Stelle bereits beschrieben). Folgt man dieser Idee des Ökonomen Mark Moore, dann braucht eine funktionierende Gesellschaft solche Public Values, und die wird sie sich etwas kosten lassen. Auf monetäre Rendite darf da niemand hoffen, wohl aber substanzieller Art.IMG_20140125_170041

Was aber kann die Funktion des Theaters sein, wenn man nicht unbegründet ein „Theater muss sein“ in den Raum wirft? Da hilft ein Blick in die in vielem zu Recht und in vielem zu Unrecht vergessenen Schriften des Philosophen Theodor Lessing (1872 – 1933). Lessing war Mediziner und Philosoph, Lyriker und Journalist, arbeitete als Professor und Journalist, gründete die freie Volkshochschule Hannover-Linden, veröffentlichte wissenschaftliche Abhandlungen, Essays und Gedichte zu philosophischen und kulturwissenschaftlichen Themen. Auf der Flucht vor den Nazis wurde er 1933 in Marienbad erschossen.

Nach kurzer Tätigkeit als Lehrer finanzierte er seinen Lebensunterhalt als Theaterkritiker in Göttingen. Aus dieser Zeit entstammt seine Beschäftigung mit Gegenwart und Auftrag des Theaters: „Das Theater vertritt stets ein Prinzip der Urbanität. [Man] spielt Theater, wo man sich sieht und gesehen wird, und alle Dramatik wurzelt in sozialethischen Fragen und Beziehungen. […] So ist denn seit früher Menschenvorzeit das Theaterspiel Träger aller vergesellschaftenden, sozialisierenden Tendenzen gewesen. Eben darin gründet sein Zusammenhang mit Kultur, Politik und Moral. […] Die agrarische Bestrebung, die zur Dezentralisierung der großen Städte führt, die romantische Kulturflucht, die eine ‚Rückkehr zur Natur‘ verlangt, der Anarchismus, der die Gesellschaft atomisieren will und jenes religiöse Priestertum, das die Frage der Einzelseele vor allen sozialen Fragen zu bebauen hat, – sie alle stimmen in der Abkehr vom Theater überein. […] Zunächst aber entspricht die Liebe zum Theater immer einem Verständnis städtischer und ethischer Bedürfnisse.“ (Theodor Lessing, Theater-Seele. Studie über Bühnenästhetik und Schauspielkunst, Berlin 1907, 115f.)

Das Lessing im weiteren des Zitats die Entwicklung des Theaters mit der Entwicklung kommunistischer Ideale verknüpft, ist ein Fehlschluss, der dem Kontext der Abfassung des Textes zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts geschuldet sein mag. Gleichwohl stellt er die Beziehung zwischen Bühne und Gesellschaft heraus. Das Theater spiegelt für den Philosophen das Gesicht kultureller Vergesellschaftung. Hier liegt, bis heute, seine zentrale Funktion, besonders für die Stadt. Das Theater ist der Ort des Zusammenkommens einer Gesellschaft – den Besucherinnen und Besuchern – eines Themas, seien es historische oder avantgardistische Stoffe und der jeweiligen Dramaturgie und Interpretation. In diesem Dreieck finden Interferenzen statt, die, so hoffen Theatermacher und so hoffen auch Kulturmenschen, Auswirkungen haben auf die Gesellschaft. Nicht nur stellt das Theater einen Diskussionsgegenstand in der Stadt dar, auch ist es Begegnungsort und reflektierendes Spiel. Es rechtfertigt damit nicht nur seine Existenz, sondern seinen Auftrag und seine öffentliche Unterstützung.

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Ein Kommentar zu “So ein Theater

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