Bildungspolitik/Gesellschaft und Innovation/Kultur und kulturelle Bildung/Kulturfragen

Neulandkultur – Kulturneuland?

Es gibt da dieses Internet. Selbst, wenn es manche Leute immer noch negieren wollen. Selbst, wenn es für andere immer noch Neuland ist. Seine Präsenz und sein Einfluss sind indes nicht zu leugnen. Fast scheint, als wolle genau das der Kulturdiskurs machen. In den vergangenen Jahren ist engagiert und kontrovers über die Kultur diskutiert worden. Nicht nur die Streitschrift Der Kulturinfarkt hat die Diskussionen angeregt. Dazu kamen Initiativen wie Jedem Kind ein Instrument oder Kultur macht stark, die die Frage nach dem, was Kultur ausmacht und wie Kultur gestaltet werden soll in den Mittelpunkt des Diskurses gestellt haben. Kultur als Mittel zum Zweck? Als Teil der Lebensqualität in unserem Land? Als Lebensmittel oder, weil oft freiwillig gefördert, als ein zu vernachlässigender Teil unserer Gesellschaft, dessen Unterstützung dem gut situierten Bürgertum überlassen bleiben soll? Auch ich habe mich hier schon in diversen Texten geäußert. Was in der Diskussion und oft auch im Feuilleton wirklich vernachlässigt wurde, ist indessen etwas anderes: Das ist die neue Kultur, die sich in und um das Internet gebildet hat, der Werkraum der Digital Natives, eine neue Art von Breitenkultur. Sie findet auf Tablets und Smartphones statt, nicht unbedingt die Standardausstattung es etablierten Kulturbürgers.

IMG_20130511_120653Dabei sollte sie durchaus Wertschätzung finden, weil sie vielfältig ist. Wagen wir einen exemplarischen Überblick. Nicht, um umfangreich darzustellen, wie die digitale Kulturszene aussieht, sondern um zu zeigen, wie vielfältig und oft unübersichtlich die Neulandkultur ist. Und natürlich, um ein Plädoyer zu sprechen, diese Art von Kultur anzuerkennen  als das, was sie ist: Teil der Vergewisserung einer neuen Gesellschaft.

Was Hedwig für Harry Potter ist Twitter für viele junge Leute heute – der zentrale Kanal für die Nachrichtenübermittlung. Facebook hat der Kurznachrichtendienst in diesem Fall bereits abgelöst. Aber Twitter ist mehr, als der bloße Versand von Banalität. Der Kanal ist ein zentrales Medium für den Informationsaustausch, der durch viele Zusatzfunktionen ermöglicht. Und er  ist eine Plattform, Kultur zu kreieren und zu vermitteln. Zur Kreativität gehören Tweetups aus Konzerten und Museen. Manch ein Orchester reserviert mittlerweile Freiplätze für diejenigen, die die Aufführung twitternd begleiten. Was ist der Unterschied zum Notizblock zückenden Alfred Kerr im Berliner Theaterleben der Zwanziger? Zum Twitterversum gehört die Konzentration von Büchern und Romane, die twitternd nacherzählt werden oder gar auf Twitter neu entstehen. Zu finden sind auch Echtzeittweets über historische Ereignisse mit deutlichem Bildungsanspruch.

Millionen von Aktiven und Followern haben Programme wie Instagram und Vine installiert. Sie fotografieren mehr oder weniger bedeutsam Szene, um sie hernach technisch zu verfremden. Nicht viel anders, als Lomo-Enthusiasten schon seit Jahrzehnten machen. Mittlerweile findet man wahre Perlen unter den Instagramschnappschüssen, deren Stil sicherlich Einfluss auf die Zukunft der Kunstfotografie haben wird. Vine hat seit seinem Aufkommen vor ein paar Monaten mehrere Millionen User. Das Prinzip dieser Anwendung ist eine Kombination aus Twitter und YouTube. Kurze Filmsequenzen, nicht mehr 6 Sekunden lang, können beliebig wiederholt und als Endlosschleife konzipiert werden. Welche Herausforderung, ein möglichst konsistentes Filmchen zu generieren! Nicht zuletzt sehen wir das Phänomen der Selfies (jüngst vom Oxford Dictionary zum Wort des Jahres 2013 gekürt), changieren zwischen gestörter Exaltiertheit und ästhetischem Anspruch, wie sie uns im Werk von Noah Kalina begegnet. Oder der Versuch des Zürcher Kuratos Hans Ulrich Obrist, Handschriften zu konservieren. Wer mag da bezweifeln, dass wir es mit Kultur- und Kreativtechniken zu tun haben?

Überhaupt ist YouTube zu einem Kanal geworden, der Kultur demokratisiert. Zugegeben, man muss ein bisschen suchen, um gute Filme zu finden. Aber ist das bei den unzähligen Museen und Literaturclubs anders? Wer sich etwas mit dem Videotool beschäftigt wird sicher fündig. Fündig geworden sind auch so manche Künstler, wie die schwedische Band First Aid Kit, die erste Erfolge über YouTube landeten oder die senkrechtsratenden Newcomer wie Milky Chance aus Kassel, mit ihrem Sound, der in der vergangenen Woche bei der Verleihung der 1live Krone in der Kategorie „Beste Single“ gewannen.

Darüber hinaus bieten sich viele Möglichkeiten, über das Internet Kulturvermittlung und Kulturmarketing zu betreiben. Facebookseiten von Museen, Bildungseinrichtungen oder Orchestern sind inzwischen ein Must. Künstler finden neue Vetriebskanäle wie beispielsweise weise der Hispano-Amerikaner Javier Mayoral, hochgelobt im am 19. Juli 2012 Feuilleton der FAZ, der seine Bilder ausschließlich unter dem Label „Monsterparty“ bei Ebay verkauft – und guten Absatz findet. Seine Kunst, als Cheap Art apostrophiert, tummelt sich auf den Weg abseits der etablierten Galerien und findet sich bei Sammlern, die im Netz statt in der Innenstadt unterwegs sind.

IMG_20131207_222019Nicht zuletzt wird die kulturelle Bildung ihren Platz im Bereich des Online-Lernens finden. Was das für die kulturelle Bildung bedeutet, habe ich an anderer Stelle schon ausgeführt. In Deutschland ist Onlinelearning erst am Anfang, erste Versuche starten die Volkshochschulen mit ihrem VHS Mooc, in dem sich es sicher bald auch kulturelle Angebote geben wird.

Die Liste könnte beliebig erweitert werden: Das Smartphone wird ständiger Begleiter im Museum und ersetzt den Audioguide. Kultur-Apps weisen auf Programme und Veranstaltungen hin, mobile Bezahlsysteme werden irgendwann auch in Museen und Konzerthäusern selbstredend sein, Hockney malt auf IPads und stellt die Bilder in ganz Europa real aus. Das Lübecker St. Annen-Museum konzipiert seine neue Ausstellung in Apples Wischtechnik. Zur Liste gehört das Pay-What-You-Want Prinzip, bei dem Künstlerinnen und Künstler ihre Angebote über das Internet vermarkten und dem Käufer die Entscheidung überlassen, wie viel die Ware wert ist. Crowdfunding bietet die Gelegenheit, Investoren zu finden, die gemeinsam Projekte realisieren können, an die sich Produzenten, Verlage oder Labels nicht heran trauen. Creative Commons ist eine Variante, Angebote frei unter bestimmten Bedingungen zur Verfügung zu stellen, wie zum Beispiel auch meine Homepage Schriftlesung.de . Überhaupt stellt das Urheberrecht in Zeiten digitaler Reproduzierbarkeit eine zentrale Herausforderung dar, der sich zu stellen ist. Wie gesagt, die Liste kann erweitert werden.

Die Bedeutung für die Kultur liegt auf der Hand. Sie wird sich fundamental verändern und niemand, dem es um die Kultur geht, darf daran vorbei gehen. Der Begriff offline existiert für die Generation U-30 nicht mehr. Nicht nur die Praxis der Kulturausübung ist bei dem Digital Nativen anders, sondern das gesamte Denken in seiner Substanz. Da fehlt der binäre Code zum etablierten Bildungsbürger, der erstens stolz auf seine umfassende humanistische Bildung ist und sie zweitens nicht durch Digitalies infrage gestellt sehen möchte. Darauf haben sich Kulturverwaltung, Kulturgestaltung, Kulturkoordination und Kulturangebot einzustellen. Was die Vergewisserung nun ausmacht, darf man durchaus kontrovers argumentieren. Geht es um die Selbstdarstellung, die Sakralisierung des Ichs und das Sampling der Biographie? Geht es um Kreativität oder zur Kunst erhobenen Diletantismus? Haben wir es mit einer neuen Form der Demokratisierung von Kunst und Kultur zu tun? Oder kreieren wir eine Inflation von Banalitäten? Alles ist möglich, ignorieren darf man die Entwicklung in der Kulturdiskussion nicht. Glaubt man Dirk von Gehlen, haben wir es auf jeden Fall mit einer neuen Bewegung zu tun, die Kultur grundlegend verändern wird. Das ist nicht zu bezweifeln, ebenso wenig, wie es „dieses“ Internet gibt, auch wenn es, wie die Kultur, die darauf und darin entsteht, für viele Neuland ist. Das zu entdecken gilt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s