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In the (right) mood – So geht Museum

Es ist 18 Uhr am Abend. Draußen ist es dunkel und kalt, ein normaler Tag, mitten in der Woche, Ende November. Um mich herum der Parkplatz ist komplett gefüllt. Wer jetzt noch kommt, muss sein Auto an den Straßenrand stellen. Scharenweise strömen Gruppen zum Eingang. Nein, dies ist keine Konzerthalle und kein Fußballstadion. Das hier ist ein Museum, dazu noch eines für moderne Kunst. Das Louisiana Museum of modern Art  in Humlebæk, rund dreißig Kilometer nördlich von Kopenhagen. In Deutschland würde ich erwarten, dass jetzt die letzten fünf Besucher aus der Kunstgalerie gefegt werden. Es ist 18 Uhr, draußen ist es kalt, es ist Mitte der Woche und Ende November, es ist Feierabend: „Wir schließen in fünf Minuten Damen  und Herren“.L1060234

Louisiana ist anders, die Beschreibung durchaus kein Einzelfall. Seit elf Uhr in der Frühe hat das Museum geöffnet und seitdem ist hier einiges los. Zur Mittagszeit findet sich kaum ein freier Platz im Restaurant mit dänischem Buffet und tollem Ausblick über den Öresund. Der Altersdurchschnitt ist gemischt, mehrfach laufen uns Schulklassen über den Weg, dazwischen Ältere, Jüngere, Gruppen, Paare, Familien.L1060223

Was haben sie gemacht? Sie haben sich moderne Kunst angesehen. Jorn und Pollock, Richter und Bourgeois, Kiefer und Lüpertz. Bilder, die etwas Besonderes sind, aber Künstler, die wir auch in anderen Museen finden. Das kann also nicht sein, was den Reiz dieses Museums ausmacht, von dem viele behaupten, es sei eines der besten und schönsten in Europa. Was ist der Geist des Lousisina, der zu einem solchen Andrang führt und jegliches Unken in den Schatten stellt, die Zeit der Museen sei vorbei?

Vorbei ist – eine erste Erkenntnis aus einem ganzen Tag am Öresund – die Zeit des bloßen Bilder-an-die-Wand-Hängens. Sicher, auch die Kuratoren im Louisiana legen die Gemälde nicht auf den Boden. Natürlich finden sie sich hier geordnet an der Wand. Aber die Konzeption ist durchdacht. Sie nimmt die Besucher behutsam an die Hand und führt, mit guten Beschreibungen, App auf dem Smartphone und einer raffinierten Zusammenstellung durch Perioden der Kunst. Der Raum tut das Seinige. Keine leeren weiten Hallen, eher skandinavische Wohnzimmergemütlichkeit. Große Fensterflächen, die den Blick auf eine faszinierende Außenanlage ermöglichen. Ein schmuckes Gelände, geschmückt mit Skulpturen von Henry Moore, Max Bill und Max Ernst oder Installationen von Alexander Calda. Das Museums-Café mittendrin. Wer nach der ersten Hälfte Schauen und Staunen innehalten möchte, setzt sich hin, isst oder trinkt, genießt die Aussicht und freut sich auf den weiteren Weg durch die ansprechend gestalteten Gänge.

L1060232Sonderausstellungen, geschickt kuratiert, zeigen einen neuen Blick auf das, was das Museum leisten kann. Seien es Werkschauen skandinavischer Architektur, einen Überblick über die Arbeit Renzo Pianos oder die Faszination, die die Arktis auf die Menschen seit jeher ausgeübt hat. Geschickt werden anthropologische und kunsthistorische Erkenntnisse miteinander verknüpft.

Das Louisiana macht Spaß. Wenn ein Museum das erreicht, hat es das Maximum erreicht. Für Groß und Klein kann es eine Freude sein, ein Museum zu besuchen und ja, in Zeiten der Eventisierung, sollen wir sagen, der Museumsbesuch war ein Erlebnis und wir freuen uns auf das nächste Mal. Das hat nichts von der ernsten Schwere eines Museumsbesuchers, wie wir ihn heute gerne in der Kunsthalle in Hamburg oder der Staatsgalerie in Stuttgart antreffen. Im Louisiana  wachsen Kunst und Besucher ineinander. Sie gehören zusammen. Menschen, die das Museum mit Leben erfüllen, fühlen sich wohl und nehmen Bilder, die fremd und verstörend sind, besser an. Bildung ist kein Widerspruch zum Erlebnis. Den Machern des Louisianas gelingt, was ein gutes Museum heute ausmacht. Sie schaffen eine gute Atmosphäre. Das ist die halbe Miete. Wenn die Stimmung gepaart ist mit einer intelligenten Ausstellungskonzeption und zeitgemäßem Marketing, sind die Säle voll und das Haus reüssiert.L1060231

Was können Museen davon lernen? Gute Ausstellungen sind wichtig. Noch viel wichtiger ist die Umgebung, die dazu führt, dass sich die Besucherinnen und Besucher wohlfühlen. Anfassen darf man die Bilder auch in Humlebæk nicht, aber man kann sich aktiv auseinandersetzen. Der großzügig angelegte Kindergarten sorgt dafür, dass auch die Kleinen ihr Kunsterlebnis haben. Die öffentliche Finanzierung spielt eine Nebenrolle. Zwar ist es richtig, dass in unserem nördlichen Nachbarland Bildung und Kultur finanziell besser ausgestattet und insgesamt höher geachtet werden als hierzulande. Doch erhält das Louisiana nur ein Drittel seiner Betriebskosten aus öffentlichen Töpfen, der Rest wird selbst erwirtschaftet. Doch das Geld zählt nicht, was wirklich zählt sind die Ideen. Und Ideen gibt es im Louisiana genug. Man kann hoffen, dass das bleibt. Dann wird es auch in Zukunft so sein, dass abends um 18 Uhr, im November, in der kalten Jahreszeit, mitten in der Woche, der Parkplatz so voll ist, dass man kaum noch ein Eckchen findet.

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