Gesellschaft und Innovation/Kulturfragen/Sonstige Weisheiten

Mein Seitensprung

Liebes Taschenbuch, es fällt mir schwer, die folgenden Zeilen zu schreiben. Noch schwerer wäre es für mich gewesen, mit Dir darüber zu sprechen. Also schreibe ich einen Brief, in der Hoffnung, dass Du mich verstehst. Das wird nicht leicht für Dich, ich weiß, und ich kann kein Verständnis von Dir erwarten. Dann soll dieser Brief einzig den Sinn haben, dass ich meine Verfehlungen von der Seele schreiben kann. Vielleicht bildet er eine Basis für unser gemeinsames Aussöhnungsgespräch. Ja, ich spreche von Verfehlungen und das ist, was ich Dir gestehen muss: Ich bin Dir untreu geworden. Jetzt ist es raus. Aber bevor Du gleich dichtmachst und Dich in den Bücherschank trollst, möchte ich Dir wenigstens meine Beweggründe erzählen. In bestem Wissen, dass zu reden eher eine Therapie für mich als eine Entschuldigung für Dich ist.

Was ich getan habe, ist von Deiner Seite her überhaupt nicht zu entschuldigen. Untreue ist eine schwere Sache, zumal, weil wir uns so lange kennen. Über dreißig Jahre lang dauert unsere Beziehung an (Ich hoffe inständig, sie dauert fort). Zugegeben, der Anfang war schwierig und holprig. Du warst damals eine reichlich dünne Erscheinung. Für mich kamst Du gerade recht. Erst mit der Zeit bist Du fülliger geworden und wir zwei dicke Freunde. Ja, es war mehr als Freundschaft, eine feste Beziehung. Kaum eine Fahrt, einen Urlaub, einen Ausflug, den ich alleine unternommen habe. Du warst immer in der Nähe, für mich da, wenn ich Dich brauchte. In langweiligen Seminaren hast Du mich unter dem Tisch getröstet. In der Sonne hast Du mein Inneres erhellt. Gemeinsam unter der Bettdecke war es urgemütlich, nur die Taschenlampe hat etwas gestört. Ich kann mich nur an ganz wenige Situation erinnern, in denen Du nicht bei mir warst. Das waren öde Zeiten und ich habe Dich herbei gesehnt. Unsere Beziehung war  ein einziger Höhenflug, jede Begegnung mit Dir ein Höhepunkt. Wer kann das von seiner großen Liebe sagen? Nur mit Dir war die Partnerschaft komplett, alleine ging es nicht.IMG_20131124_201740

Objektiv gab es für mich keinen Grund, Dir untreu zu werden. Dann kam dieses vermaledeite Tablet in mein Leben. Nein, keine Angst, das war keine Liebe auf den ersten Blick und es hat mich an unsere ersten Jahre erinnert. Da war vieles neu zu entdecken und genauso dünn, wie Du mir am Anfang erschienen bist, erschien mir auch das Tablet. Viel mehr war wirklich nicht dran. Selbst wenn es zu ersten Berührungen kam, entspann sich keine Beziehung, die Dir Sorgen machen müsste. Ich gebe zu, ich habe es regelmäßig gestreichelt. Die Initiative ging immer von mir aus. Man kann aber nicht von einer intimen Bindung sprechen, zumal es keinen Austausch gab. Meine Streicheln wurden nicht erwidert. Trotzdem zog mich das Tablet magisch an. Lag es am Leuchten? An der Haptik? Nein, das beileibe nicht. Viel zu kalt, viel zu glatt. Da liebe ich doch deine runzeligen Ecken und Kanten. Deinen lebenssatten Geruch. Wenn ich Dir nahe kam, wusste ich immer, wo Du zuvor gewesen bist. Man sieht dir deine Lebenserfahrung an, Dein Alter. Nein, ich meine das nicht abwertend! Mit dem Alter kommt die Weisheit und Dein Antlitz ist weisheitsgesättigt. Jede Begegnung brachte mir neue Erfahrungen. Wenn ich traurig war, konntest Du mich erheitern. Wenn ich drohte, abzuheben, hast Du mich geerdet. Liebes Taschenbuch, Du warst ein treuer Begleiter in meinem bisherigen Leben. Und jetzt das.

Die Frage nach dem Warum ist müßig. Ich glaube, es waren nicht die Streicheleinheiten, das Leuchten. Nein, es war der bloße Reiz des Neuen und für mich Exotischen. Ich muss sagen, das Tablet war sehr subtil. Immer passiv, aber immer fordernd, einladend und leicht zugänglich. Ich werde schwach, wenn ich wenig Widerstand verspüre. Du kennst mich, liebes Taschenbuch und weist: Ich liebe es klassisch. Das war die Achillesferse. Ich saß im Wartesaal der Bahn. Weil ich hektisch von Zuhause aufgebrochen war, konnte ich Dich nicht auffordern, mitzukommen, geschweige denn konnte ich mich verabschieden. Das Tablet aber war da und sah mich an. Nimm mich, hörte ich es ganz leise sagen. Dabei zeigte es mir seine ganzen Schönheiten bis hin zum installierten EBook-Reader. Hätte mich die Optik abgestoßen, hätte ich natürlich keinen Finger gerührt. Wenn Geld im Spiel gewesen wäre, auch nicht. Nein, nein, gegen Geld würde ich das nie tun! Ich sah aus purem Zufall (oder war es Verführung?) die Annonce einiger klassischer Titel, die man sich kostenlos herunterholen konnte. Herodot, Fontane, Rilke, Thoreau und vieles mehr. Da war es um mich geschehen. Die Sünde nahm ihren Lauf. Ich hab’s getan. Sogar mit Genuss. Mit dem EBook-Reader ein ganzes Kapitel gelesen. Ich schwöre, die Liaison hat keine Stunde gedauert! Bald bekam ich ein schlechtes Gewissen. Unser Date war wirklich nicht mehr als ein One-Night-Stand. Du würdest sagen: ein wahrer Seitensprung. Sei’s drum, ich habe den EBook-Reader seitdem nicht wieder angefasst. Das kannst Du mir glauben. Mit dem Tablet habe ich normalen Umgang, bleibe dabei im streng dienstlichen Rahmen.

Ich wusste sofort, was ich Dir angetan habe, zumal ich in der Öffentlichkeit immer beteuert habe, nur Dir  zu gehören. Ich möchte deswegen von Herzen versprechen, Dir treu zu bleiben. Ich will es wirklich versuchen. Aber, ich bin auch nur ein schwacher Leser in seinen besten Jahren – und das Angebot ist reizvoll und üppig.

In Liebe, Dein M.

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