Sonstige Weisheiten

Mittelmäßig begabt: Von der Last, ein Generalist zu sein

Ich bin mittelmäßig begabt. Das ist das Leiden aller Generalisten. Ich kann Englisch, Französisch, Italienisch, Schwedisch und etwas Dänisch. Aber jeweils nur so viel, um in einer Bäckerei des Gastlandes einigermaßen freundlich und treffend eine Tüte Brötchen und etwas Butter zu kaufen. Schon die Rückfrage des Verkäufers, ob die Butter gesalzen sein sollte, würde mich total überfordern. Die Frage würde ich vielleicht noch verstehen. Die Antwort bekomme ich dann nicht mehr korrekt zusammen. Das bräuchte Sprachkompetenz, die ein mittelmäßig Begabter wie ich nicht besitzt. Ich kann etwas malen, ich kann Noten lesen, leidlich schreiben (wenn ich auch die Kommasetzung nie richtig verstand und nach der Rechtschreibreform schon gar nicht mehr) und etwas fotografieren. Um mich richtig auszudrücken, reicht weder mein zeichnerisches noch mein schriftstellerisches Talent aus. Ein Musikinstrument habe ich nie gelernt und die besten Fotos, die ich je gemacht habe, sind aus reinem Zufall entstanden. Eines beispielsweise, dass mir sehr gut gefällt, habe ich nördlich des Polarkreises aufgenommen. Es war Mittagszeit, es war Winter und es war kalt. Minus 25 Grad. Auf dem Bild sieht man zwar die tief stehende Sonne, aber sie ist verschwommen und nur hinter weißem Dunst zu erkennen. Allein im Bildvordergrund zeichnet sich die Silhouette eines Rentieres scharf und deutlich ab. Ein magisches Bild voller Winterzauber, so denkt der ungetrübte Betrachter. Welche Kunst, ein derartiges Farb- und Lichtspiel mit dem Fotoapparat einzufangen. Ich habe es bei einem Fotowettbewerb eingereicht. Dass es geworden ist, wie es ist, liegt weniger an meiner technischen Begabung als vielmehr daran, dass das Objektiv wegen der tiefen Temperaturen beschlagen war. Beim Fotografieren habe ich es nicht bemerkt. Erst hinterher, beim Betrachten im Display, habe ich den Lapsus festgestellt. Ich habe das Objektiv geputzt und das Motiv erneut abgelichtet. Das zweite Bild ist gestochen scharf, aber weit weniger romantisch als das erste.

In den neunziger Jahren reüssierte eine recht niedrigschwellige und esoterisch angehauchte Analyseart: das Persönlichkeitseneagramm. Es besagte, kurz und wie für einen Generalisten üblich etwas oberflächlich zusammengefasst, man könne Menschen nach neun unterschiedlichen, voneinander abgegrenzten, Merkmalen klassifizieren. Ach, es war so einfach. Die Profile waren umfangreich beschrieben, sodass man sich leicht einsortieren konnte. Vor allem waren Zeitgenossen leicht einzusortieren. Das machte Spaß. Schublade auf, Leute rein, Schublade zu. Die Methode war so herrlich komplexitätsreduzierend und sorgte für ein einfaches Welt- und Menschenbild. Alles wurde so klar, viel klarer als das wirkliche Leben und vor allem viel klarer als mein beschlagenes Objektiv.

Ich war eine Neun. Das ist eine ganz angenehme Kategorie. Die Neun tut niemandem weh. Die Neun ist nett und diplomatisch. Sie kann vermitteln und ausgleichen. Vermutlich tut sie das aus Konfliktscheu. Sie sitzt immer zwischen den Stühlen. Eine Neun kann alles ein bisschen, aber nichts richtig. Die Neun ist ein Generalist schlechthin.

Generalisten sind nützlich. Weil sie von allem etwas verstehen, verstehen sie auch alle. Dabei verstehen sie nie alles richtig. Sie sind die geborenen Diplomaten, Emissäre, Journalisten und Organisationsberater. Das vor allem. Denn wer gut organisieren will, muss Verständnis für alles haben und zusammenbinden können. Weil das aufwendig ist, bleibt wenig Zeit für Tiefgang. Am Ende sind alle froh darüber, dass der Generalist organisiert und koordiniert. Richtig ernst aber nimmt ihn niemand. Er ist ja ein Generalist – und nur mittelmäßig begabt.

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