Bildungspolitik/Kultur und kulturelle Bildung/Kulturfragen

Was ist Kultur?

Was ist Kultur? Der Begriff ist vielschichtig, missdeutet und missbraucht, fehlgeleitet, enggeführt. Mal wird er, weil einseitig interpretiert, enggeführt als Synonym für die Spaßgesellschaft verwendet. Kultur ist das, was übrig bleibt, wenn die wirklich wichtigen Fragen unserer Gemeinschaft erledigt sind, als da sind Handelsbeziehungen, das Bruttoinlandsprodukt, Straßenbau, Rentensysteme und vieles mehr. Harte Fakten also. Die Kultur ist nett, dient dazu, sich zu entspannen, rote Bänder durchzuschneiden, an Canapéempfängen anlässlich von Premieren und Eröffnungen teilzunehmen. Man trifft sich, man sieht sich. Die Kultur ist Biskuit dafür. Weiche Faktoren also, Spielbälle unserer Gesellschaft. Diese Perspektive führt zu den ewig gleichen Diskussionen. Kultur, so heißt es dann,  seien die freiwilligen Leistungen einer Gebietskörperschaft, da, wo das Kürzen von öffentlichen Mitteln am leichtesten ist und Forderungen nach mehr Geld institutionalisiert und ritualisiert werden.

Kultur ist personalintensiv und deswegen teuer. Die bekannten Kostenkurven haben alle dieselbe Richtung – sie zeigen nach oben. Wer für die Kultur plädiert, spricht von einer Kultur für alle, von Kultur als Lebensmittel, von Kultur, die ihren Wert an sich habe. Wer den Haushalt pflegt, lehnt sich lächelnd zurück, betont, er oder sie habe ein Abo des hiesigen Opernhauses, aber wo nicht mehr so viel Geld sei, müsse man halt sparen. Und ob das Bühnenbild nicht auch noch in bisschen kleiner ging.

Alles in allem führen diese Diskussionen nicht weiter, denn ihr Referenzobjekt, die Kultur, wird so oder so interpretiert und nicht deutlich fassbar gemacht. Umso mehr tut eine Definition not. Daran haben sich Generationen von Kulturwissenschaftlern versucht und als Ergebnis wird auch hier nicht abschließend zu erreichen sein. Der Gedanke wäre Hoffart. Allein versuchen wollen wir, einen Pfad durch den Dschungel zu schlagen, wenigstens ansatzweise zu versuchen, der Terminologie beizukommen.

Zweifelsohne ist der begriffliche und sächliche Ursprung im Agrarischen unbestritten. Die Cultura ist die von Menschen gepflegte Landschaft, etwas anderes als der Urwald unbegehbar und ungezähmt. Hier schon wird deutlich, was bis heute zum Nukleus der Kultur gehört, nämlich die gerichtete menschliche Tätigkeit, nennen wir sie Kreativität, das Handwerk an Etwas, zum Zwecke, Pfade zu schlagen und Untiefen zu ebnen. Kultur, das sind von Menschen geschaffene Prozesse. Aus dem Ringen mit der Umwelt als Fauna und Flora ist die Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt geworden. Das, was Pfade und Furten waren, sind nun Normen und Verhaltensweisen. Da darf keine ethische Konnotation aufkommen? Verhaltensweisen beschreiben das Verhalten zu und mit etwas. Wie es sich allgemein verhält, unterliegt dem ständigen Diskurs und also der Auseinandersetzung. Das ist kreative Aktion, die auf Tradiertem basiert, dieses weiterführt, weiter entwickeln, für die Gegenwart aufbereitet und eventuell für die Zukunft neu entwickelt. Kultur ist also nicht, sie entsteht ständig, ohne Vergangenes zu negieren. Kultur ist ein Prozess. IMG_20130912_160923

Kultur ist die stetige Verständigung einer Gesellschaft über sich selber, ihre Herkunft und ihre Zukunft. Zu ihr gehört konstitutiv der Diskurs des Individuums in dieser Gesellschaft. Sie schafft die notwendige Identifikation und Abgrenzung, sowie die Weiterentwicklung von Identitäten und ihr Verhältnis untereinander. Der Umstand bekommt seine besondere Bedeutung angesichts der Heterogenität von Identitäten heutzutage, bei denen kaum noch die eine Gesellschaft identifiziert werden kann mit dem Ort, an dem sie sich ereignet und der Geschichte, aus der sie sich entwickelt hat. Migration und Globalisierungen führen zu einer Vernetzung von Orten, Traditionen und Geschichten.

Der Bremer Organisationspsychologe Peter Kruse definiert Kultur als den Prozess der gemeinschaftlichen Verständigung, das bedeutet die Kreation eines Codes, in dessen Rahmen gesellschaftliche Prozesse stattfinden. „Aber wenn wir über Kultur reden, reden wir eigentlich über das gemeinschaftliche Teilen einer Bedeutungssphäre und nur wenn wir beide miteinander eine Bedeutungssphäre teilen, dann ist die Sprache, die wir sprechen bedeutungsvoll. D.h. die Voraussetzung ist, das Schaffen einer gemeinschaftlichen Bedeutungssphäre. Wann immer ich irgendwo im Netzwerk ein intelligentes System erzeugen will und das z.B. an Diskurse kopple, dann muss ich sicher sein, dass die Teilnehmer des Diskurses eine gemeinschaftliche Bedeutungssphäre teilen.“

Die Vielfalt des Kulturbegriffes nötig dazu, Unterkategorien zu bilden, mit denen die Ausprägungen von Kultur klar beschrieben und fundiert werden können. Wir sprechen von Substanz und Materie, von Formen und Elementen. Dirk Baecker versteht in seinem wegweisenden Essay „Wozu Kultur?“ als einen Sammelbegriff über jegliches Nachdenken zur  Gesellschaft und deren Sein und Sollen. Das ist ihre Substanz, nämlich die reflexive Verständigung und Vergewisserung des Kollektivs. Diese Substanz materialisiert sich in verschiedenen Ausprägungen. Da ist die Kultur des Umgangs miteinander, die Kultur des Diskurses und der Politik, da sind Bildung und ökonomische Kultur, Wissenschaft und soziale Verantwortung usf.. Kurz, die Materie der Kultur ist die Demokratie. Die Elemente und Formen sind schon konkreter zu fassen. Das Gespräch ist eine Element der Kultur, die Architektur, aber auch, aufgemerkt, Theater, Oper, Bibliotheken, Volkshochschulen und dergleichen mehr. Sie stellen die Elemente der Kultur dar. Die Formen sind vielfältig und nicht unbedingt mit den Elementen synchronisiert. Als da sind Singen, Schreiben, Malen, Reden.

Kommen wir nochmals zurück auf Dirk Baecker. Er sieht Kultur als einen „intern differenzierten Rechner, der innerhalb einer Gesellschaft Möglichkeiten der Kultivierung durchaus verschiedenartiger Milieus definiert und beschreibbar macht. ‚Kultur‘ ist keine Kategorie, die eine mit sich selbst identische Seinsregion unter anderen bezeichnet, sondern eine Operation, die entweder stattfindet oder nicht.“ Kultur ist demgemäß umfassend und sie materialisiert sich in Formen und Elementen. Vor allem aber ist Kultur nichts Statisches. In ihrer Prozesshaftigkeit ist sie anschlussfähig an die digitalisierte Gesellschaft bzw. ist die Digitalisierung in sich ebenfalls eine Form der Kultur, ihr Element ist das Internet.

Kultur ereignet sich. Dirk Baecker: „Eine Kultur überprüft und sanktioniert eben nicht, ob bestimmte Werte, Normen und Konventionen befolgt werden oder nicht, sondern sie stellt diese Überprüfung und Sanktion zur Verfügung. Sie operiert nicht auf der Ebene des Verhaltens und seiner Überwachung oder Programmierung, sondern auf der Ebene der Beobachtung dieses Verhaltens und der Überprüfung, wie weit bestimmte Beobachtungen noch Sinn machen oder keinen Sinn mehr machen.“ Kultur ist also ein Prozess, dessen Ausdrucksformen und Umsetzungselemente letztendlich austauschbar sind und nicht auf diverse, zum Beispiel als Hochkultur definierte, Methoden reduziert werden kann. Selbst diese sind, mögen sie uns auch noch als unverzichtbar vorkommen, möglicherweise austauschbar, solange der Kulturprozess in transformierten Methoden und Elemente fortwirkt. Kultur ist symbolische Ordnung, die Eutopie einer Gesellschaft, die noch nicht ist, wie sie sein sollte, aber so, wie sie in der kulturellen Reflektion sein könntw, auch nicht wird. Kultur hält alles offen, weil eine abgeschlossene Gesellschaft keine freie Kultur mehr besitzt. Kultur ist deswegen ständig unabgeschlossen, unfertig und in gewisser Weise melancholisch. Die Mission des Kulturbetriebes, also der materialisierten Kultur, ist – erneut mit Dirk Baecker gesprochen, an dem derzeit in der Kulturtheorie kein Weg vorbei führt – die  „Meditation über die Lücke.“

Weil die Kultur dadurch zu einem wesentlichen Bestandteil der Demokratie wird, geht sie alle an. Die Rezeption der unterschiedlichen Elemente und Formen mag unterschiedlich sein. Indes darf man den Vorwurf Botho Strauß‘ zum „Plurimi-Faktor“ der Kultur (Der Spiegel vom 29.7.13, S. 108 ff) getrost zurückweisen. Eine Kultur, die sich als Arkandisziplin versteht, kann ihren Beitrag zur Demokratie nur eingeschränkt wahrnehmen.

Wer Kultur so interpretiert, der spricht nicht über die Kosten eines Bühnenbildes. Der spricht davon, dass Kultur eine substanzielle Sache ist, die unsere gesamte Gesellschaft durchdringt, ja durchdringen muss, egal, ob wir über Rentenzahlungen, Straßenbau oder Filmpremieren reden. Kultur ist ein politisch Ding und als Diskursort gebührt ihr genau dieser: Die Mitte der politischen Aufmerksamkeit. Kulturpolitik ist Innenpolitik schlechthin.

Advertisements

2 Kommentare zu “Was ist Kultur?

  1. Pingback: Was ist Kultur? Zweiter Versuch | Zwo43

  2. Pingback: Neulandkultur – Kulturneuland? | Zwo43

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s