Bildungspolitik/Kultur und kulturelle Bildung/Kulturfragen

Kultur nach Plan? Anmerkungen zum 7. Kulturpolitischen Bundeskongress in Berlin

Zumindest die Grundlage war klar: Die Veranstalter des Kongresses konstatierten eine Renaissance der Kulturplanung. Der „Wachstumspfad der Kulturpolitik“ sei ausgetreten, Schrumpfung das Gebot der Stunde. Wer den Aufschwung plant, muss den Abschwung erst recht zum Anlass nehmen, behutsam zu steuern. In der Tat finden sich gerade in jüngster Krisenzeit vielerorts Ansätze, regionale Konzepte zu entwickeln. Bekannt und diskutiert (und auf dem Kongress ausführlich vorgestellt) werden die Strategien aus Niedersachsen und Brandenburg. Das Spezifikum des Planes aus Niedersachsen liegt in der Absage an gesetzliche Regelungen, während Nordrhein-Westfalen den entgegengesetzten Weg geht, und in den kommenden Jahren ein Kulturfördergesetz einbringen will.  Brandenburgs Konzeption zeichnet sich durch eine große Ehrlichkeit bezüglich der zur Verfügung stehenden Mittel und den soziologischen Gegebenheiten (vorwiegend demographische Faktoren) und integrierten Ideen zur Entwicklung aus.

5722_662270740454327_582116595_nIn sieben so genannten „Panels“ wurden verschiedene Aspekte kultureller Planung erörtert. Leider nicht immer zielgerichtet und effizient. Oft verloren sich die Diskutanten in Plaudereien, wichen vom Thema ab oder verbreiteten Banalitäten. So hieß ein Panel „Vom Osten lernen“. Vom Osten zu lernen war in der Diskussion allerdings kaum etwas. Was wir im Westen der Republik von deren Osten lernen könnte, zeigten dagegen Kerstin Pein und Patrick S. Föhl in einem kleineren Forum am Freitag. Sie stellten dort die Kulturstrategie des Landkreises Ostprignitz-Ruppin vor. Ein Ansatz, der unter äußerst schwierigen Bedingungen versucht, vorhandene Schätze einer abgelegenen Region zu heben und miteinander zu verweben – ohne in die Falle des send more money zu geraten. Hier zeigt sich kulturstrategische Avantgarde, von der zu lernen ist. Dass der Landkreis im Bundesland Brandenburg mit seiner bemerkenswerten kulturpolitischen Landesstrategie liegt, unterstreicht zusätzlich die Notwendigkeit komplementärer Konzepte auf verschiedenen Ebenen.

Weitaus effektiver waren die (kleineren) Diskussionsforen am Freitag, die Kontroversen ermöglichten und neue Ideen brachten.

Was bleibt an Erkenntnissen nach zwei Tagen Reflexion über die Kulturentwicklungsplanung? Der Ansatz ist nicht neu. Die Urfassung eine Kulturentwicklungsplanung stellt die Kunstkonzeption des Landes Baden-Württemberg aus dem Jahr 1989 dar. Unstrittig ist heute die Notwendigkeit einer konzeptorientierten Kulturpolitik. Nicht, weil Kunst und Kultur derselben Ökonomisierung und Nomenklatura unterworfen werden soll, wie alle Bereiche in unserer Gesellschaft. Doch, um erstens Schwerpunkte zu setzen die, aus politischer Sicht und in politischer Verantwortung, gesellschaftlich nottun. Und zweitens, weil es in Zeiten knapper Kassen notwendig ist, Priorisierungen vorzunehmen. Es ginge bei Fragen der Kulturförderung nie um das OB, sondern allein um das WIE, stellte Thomas Früh vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst in seinem Forum fest. Das ist, worüber diskutiert werden muss in Zeiten knapper Kassen. Eine Förderung, die alle beglücken will, nützt am Ende keinem. Das ist wie bei einer Decke, die zu kurz ist. Friert man an den Schultern und zieht die Decke höher, hat man schnell kalte Füße. Genauso sieht es bei der Kulturförderung aus. Gelder, die nicht auskömmlich sind, nutzen niemandem.

Ob die Titelei „Kulturentwicklungsplanung“, wie sie von der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages im Jahr 2007 als Notwendigkeit eingefordert wurde, die richtige ist, kann bezweifelt werden. Kunst und Kultur entwickeln sich frei und sind nicht planbar. Das aber suggeriert der Begriff. Besser wäre es, von kulturpolitischer Strategie, konzeptorientierter Kulturpolitik oder einer Kulturkonzeption zu sprechen, im Sinne einer Steuerung durch strategisches Management.

Halten Konzepte, was sie versprechen? Sie bieten Rahmenbedingungen und Leitplanken für die Kulturverwaltungen aus der Ebene der Länder, Regionen und Kommunen. Kulturpolitik ist, so die nordrhein-westfälische Kulturministerin Ute Schäfer, Strukturpolitik. Ist die Strategie klug formuliert, wird regelmäßig evaluiert und angepasst, bietet sie Kulturschaffenden einen Diskursraum. „Große Tanker“ wie Theater und Museen bekommen Anhaltspunkte zur Gestaltung ihrer Arbeit.  Um Einseitigkeit und allzu große Staatsnähe zu verhindern, bietet die Kulturkonzeption den richtigen Freiraum, um die Forderung Dirk Baeckers auf dem Kongress in Berlin zu erfüllen, dass es die Aufgabe der Kunst ist, Gesellschaft zu verneinen bzw. die gesellschaftliche Verneinung zu ermöglichen. Frei im demokratischen Sinn ist, wer die Möglichkeit hat, zu verneinen. Wie die Gesellschaft den Öffentlichen Rundfunk und die unabhängige Justiz schützt, um in der Gewaltenteilung die notwendige Balance gegen Unterdrückung zu gewährleisten, muss sie die Kunst als fünfte Gewalt schützen und unterstützen – in ihrem eigenen, dem gesellschaftlichen Interesse.

Eine steile These kam von dem Bochumer Verwaltungsjuristen Stefan Huster. Nicht, weil er die Kultur als öffentliches Gut deklarierte, das zu schützen unerlässlich sei. Basierend auf der Erkenntnis, dass Kultur zwar für alle erreichbar sein muss, Kulturförderung aber eine Umverteilung von unten nach oben sei, legitimierte er die Tatsache zum Beispiel der Opernrezeption für wenige. Es sei, so Hust, kein Problem, wenn die Professorin in die Oper ginge, der Bauarbeiter aber nicht. Denn die Theaterrezeption der einen sei eine Leistung an der Gesellschaft als Ganzer. Der Argumentation mag man folgen oder nicht. Zumindest finden sich Parallelen zu dieser Ansicht. Sie ist nachvollziehbar, wenn der Opernbesucher kein ausschließlicher Standesdünkel ist, das heißt prinzipiell allen offen stehe. Womit wir bei Fragen der Bildung und der Herausforderung des Audience Developments wären, die aus der Kultur für alle die Möglichkeit einer Teilhabe an Kultur für alle machen.

Deutlich wurde, wie unkonkret die Diskussion geführt wird. Was hat es mit Schlagworten wie „Kultureller Bildung“, „Kulturtourismus“, „Kulturmanagement“ und „Kreativwirtschaft“ auf sich? Führen wir die Worte im Munde, weil sie en vogue sind? Oder haben sie Substanz und Zukunft? Die Gespräche und Vorträge auf dem Kongress zeigten, dass die Definitionsdiskurse noch nicht beendet sind. Realistisch besteht die Gefahr, dass aus sinnvollen Ideen Plastikwörter werden, die unkritisch der Legitimation von Kulturförderung dienen sollen. Wie diese Ansätze in eine sinnvolle Strategieplanung eingebracht werden können, zeigt der Kulturwissenschaftler Patrick S. Föhl in seinem Begleitartikel für den Kongress im Blog kulturmanagement.net.

Erfrischende Erkenntnisse bot Lars Holtkamp von der FernUni in Hagen. Holtkamp ist selber als Verwaltungswissenschaftler kommunalpolitisch aktiv. Die Möglichkeiten einer Bürgerbeteiligung bei der Kulturpolitik schätzt er als gering ein. Bei der Aufstellung eines Bürgerhaushaltes der Stadt Freiburg votierte eine Mehrheit für den Ausbau von Schulen und Kindertagesstätten und gegen Theater- und Kulturförderung. Hier gilt es, entweder umfassende Aufklärungsarbeit zu leisten oder behutsam mit Formen direkter Demokratie umzugehen.

A propos Audience Development. Was in den angelsächsischen Ländern Allgemeingut ist, wird hierzulande noch zu gering geschätzt und fand auf dem Kongress zu wenig Erwähnung. Dabei gehört die Kundenperspektive existenziell zur strategischen Planung dazu. Wer nach Schwerpunkten fragt, weil er oder sie diese für eine Gesellschaft für notwendig hält, muss sich darüber Gedanken machen, wie die Schwerpunkte sinnvoll vermittelt werden können. Eine verpasste Chance der Veranstalter des Kongresses. (Wer sich übrigens näher zum Thema informieren will, findet viel Material auf der Seite Kulturvermittlung-Online).

Wasser in den Wein heimeliger kulturpolitischer Selbstgenügsamkeit goss die Essener Bildungswissenschaftlerin Helle Becker. In einem Panel zur Konzeption kultureller Bildung stellte sie Bundeskonzepte wie „Kultur macht stark“ unter einen Vorbehalt. Diese verzweckten den Kulturbegriff und anstatt teurer Zusatzprogramme sei eine Stärkung der ästhetischen Fächer an den Schulen notwendig.

Immerhin waren sich zum Schluss alle einig. Thomas Krüger, Mitveranstalter und Chef der Bundeszentrale für politische Bildung stellte fest, die Verteidigung von Kultur als öffentlichem Gut sei die gemeinsame Aufgabe. Gut gebrüllt Löwe! Mit Verteidigung ist es nicht getan. Wer die Kultur als öffentliche Aufgabe erhalten und bewahren will, braucht innovative Ideen, Strategien und kulturpolitische Konzepte. Die müssen kontextuell, fantasievoll, kooperativ und prozesshaft sein. Bewahren, perpetuieren und verteidigen des Bekannten reichen nicht aus.

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