Gesellschaft und Innovation/Kultur und kulturelle Bildung/Kulturfragen

Kultur Tatsache

Was ist Kultur? Die Frage ist kaum zu beantworten. Würde sie lauten: Was ist Kunst? wäre das umso einfacher. Wir kennen die darstellende Kunst, die bildende Kunst, Musik und Literatur. Das ist Kultur. Aber sie ist so viel mehr: Sprache, Tradition, Architektur, Verhalten und Ästhetik usw. Alles Selbstverständlichkeiten, mit denen wir uns täglich umgeben und in denen wir täglich leben. Und doch steckt die öffentlich geförderte Kultur in der Legitimationsfalle, denn Kultur kostet Geld. Alles, was heutzutage Geld kostet, wird – mit wenigen Ausnahmen – hinterfragt. Manches mehr, manches weniger. Die öffentliche Kulturförderung gehört zu den Dingen, die mehr hinterfragt werden, weil Kulturausgaben zu den so genannten „freiwilligen Ausgaben“ gehören (mit Ausnahme der Bereiche, die gesetzlichen Regelungen unterworfen sind, wie zum Beispiel dem Denkmalschutz. Aber selbst der ist nicht mehr sakrosankt, wie NRW beweist) . Der Begriff insinuiert etwas gönnerhaft, der Staat (Kommune, Land, Bund) könne zahlen, müsse aber nicht. Das würde bedeuten, der Leistungsempfänger, also die Kultur, sei sogar verzichtbar. Mitnichten, rufen die Kulturbürger und die Politiker unisono. Sicher, es gibt unzählige private und privatwirtschaftliche Initiativen, die Kultur fördern und Kultureinrichtungen betreiben. Kann es sein, dass wir die Kultur privatisieren, weil die öffentlichen Haushalte klammer werden. Denn das ist doch, warum die Kultur unter einem ständigen Legitimierungsdruck steht, wenn es um öffentliche Gelder geht Und weil heute alles hinterfragt wird und rational begründet werden muss, so ist die Kultur ebenso zur Verantwortung aufgerufen. Also: Was ist Kultur? oder, für das utilitaristische Denken unserer Zeit übersetzt: Wofür Kulturförderung aus öffentlichen Quellen?

  • Kultur ist die Selbstvergewisserung einer Gesellschaft. In Zeiten der Globalisierung und Friktionen, da sicher geglaubte Verhältnisse ins Wanken geraten, braucht eine Gesellschaft den ständigen Diskurs darüber, was sie ausmacht. Sie braucht das Gespräch darüber, was sie „im Innersten zusammenhält“. Die Frage nach dem „Wohin“ ist evident und kann nur beantwortet werden mit Hilfe der Frage nach dem „Woher“. Wir müssen wissen, warum unsere Gesellschaft ist, wie sie ist und wie sie sich sinnvoll weiter entwickeln kann. Wir sollten bewahren, was für unsere Wurzeln steht, weil die Erinnerungskultur das Vergessen verhindert. Nicht zuletzt brauchen wir in einer pluralen Welt einen Diskurs über Werte und Normen. Gesellschaft geschieht ständig. Sie „ereignet sich als fortlaufende Interaktion zwischen Menschen und kann sich dementsprechend schnell verändern“, so Thomas Schwietring in seiner Einführung in soziologische Grundbegriffe (79). Kunst und Kultur sind in diesem Prozess wesentliche Faktoren. Den Diskurs befördern eine vielfältige Kunstszene und eine aktive Kulturpflege, weil sie einer lebendigen Auseinandersetzung kreative  Ausdrucksformen verleihen.
  • Kultur, schreibt Klaus Mann in einer Abhandlung über Pädagogik, habe die Hemmungen als Basis ihres Bestandes (Vgl. meinen Text „Bloß Musik„). Ihre Aufgabe ist die Auseinandersetzung, das Widerständige, der Dammbau gegen die Aushöhlung der Demokratie. In einer Zeit wie der unsrigen, in der nichts mehr sicher zu sein scheint, ist die Gefahr groß, die Tore zum Anything goes weit zu öffnen. Natürlich wollen wir Freiheiten und unendliche Möglichkeiten. Absolute Freiheit kann es nicht geben und jede Gesellschaft ist auf Begrenzungen angewiesen – zum Wohle des Kollektivs wie zum Wohle des Individuums. Indem in verschiedenen Ausdrucksformen (Sprache, Musik, Kunst, Diskussionen und Bildung) Gefahren und Opportunitäten skizziert werden, dienen sie der gesellschaftlichen Entwicklung zum – hoffentlich – Besseren. Eine Gesellschaft, in der alles erlaubt ist, wird anarchistisch oder, im Umkehrschluss, totalitär. In diesen Tagen erinnern wir uns daran, dass vor 80 Jahren auf Scheiterhaufen Bücher brannten. Welche eine fatale Enthemmung brach sich hier Bahn. Sie wandte sich gegen die einzige Kraft, die Hemmungen aufzubauen verstand, nämlich die Kunst und wurde somit zur Un-Kultur. Diese Entwicklungen zu verhindern, hilft nur eine starke Kultur, die nie zu schwach sein kann und nie zu schwach werden darf. Auch das sei den Finanzpolitiken ins Stammbuch geschrieben.
  • Kultur ist Ausdruck einer lebendigen Demokratie. Eine Kultur, die staatstragend ist, mag zwar ein System affirmieren und dessen Protagonisten schmeicheln, fördert aber keineswegs eine demokratische Entwicklung. Demokratie braucht Widerspruch und Widerspruch entsteht durch Divergenz. Kunst und Kultur vermögen Schulden verursachen, haben ihrerseits aber die Schuldigkeit, divergent zu sein, um so ein lebendige Auseinandersetzung zu ermöglichen. Das ist eine stärkere Demokratieförderung als alle Programme der politischen Bildungszentralen.
  • Die Favela Santa Marta in Rio de Janeiro gehörte zu den schlimmsten ihrer Art, wenn man bei Favelas überhaupt von „schlimmen“ und „weniger schlimmer“ sprechen kann. Bis Menschen die Entwicklung des Ortes selber in die Hand nahmen. Ihr Werkzeug war die Kultur, waren Musik, Rundfunk, ästhetische Bildung. Über Jahre hinweg gelang, was allen Slums dieser Welt zu wünschen wäre, nämlich eine Steigerung der Lebensqualität. In unserer Breiten sind wir so saturiert geworden, dass wir uns kaum noch vorstellen können, was die ersten Konzerte, Lesungen, Kabarettaufführung nach 1945 für die Menschen bedeutet haben. Sie gaben ihnen ihre Würde zurück. Kultur zu pflegen bedeutet, Menschenwürde zu entwickeln.
  • Nicht zuletzt ist Kultur einfach schön, um nicht zu sagen: zweckfrei. Ich glaube, dass wir Menschen auf der Suche nach dem Schönen sind, wie wir implizit auf der Suche nach Transzendenz sind. Postmodern mag man das Abschalten nennen, Maurice Sendlak hat es das „mehr als Alles“ genannt. Es ist schlicht das Bedürfnis des Menschen über sich hinaus zu wachsen. Das gelingt mit einem Bild, das uns gefällt, Musik, die uns zusagt, einem schönen Bauwerk, der Pflege der Sprache, guten Umgangsformen  und welche Beispiele uns noch alle einfallen mögen. Kunst und Kultur sind die schönen Seiten im Leben und es ist zu hoffen, dies möglichst vielen Menschen ermöglichen zu können. In den siebziger Jahren propagierte man den Anspruch einer „Kultur für alle“ (Hilmar Hoffmann). Die Zeiten sind vorbei, wenn es sie denn je gegeben hat. Vielmehr tut eine Neuinterpretation in Richtung „Kultureller Chancengerechtigkeit“ not (Scheytt/Sievers). Der Anspruch, Teilhabe an Kunst und Kultur zu ermöglichen, ist eben nicht obsolet, die Wertigkeit der Kultur wird nicht geringer. Ihre Bedeutung für die Gesellschaft bleibt bestehen – siehe oben.

KunsthalleNun kann man abschließend die Meinung vertreten, wie seien eine zutiefst von Kultur geprägte Gesellschaft und hätten derartige Begründungen nicht nötig. Das mag sein. Nur fallen da, wo Zahlen herrschen, solche Argumente leider auf dürren Boden.

Geht denn noch öffentliche Kulturförderung in Zeiten der Schuldenbremse? Oder bleibt es die Aufgabe privater Initiativen, für eine auskömmliche Kulturfinanzierung zu sorgen? Seit David Graeber wissen wir, dass auch Schulden Interpretationssache sind. Was nützt uns ein schuldenfreier Staat, dem seine Fundamente entzogen wurden? In diesem Sinne, muss uns, die wir Subjekte dieses Staates sind, in der Gesellschaft die Pflege der Kultur etwas wert sein. Der Philosoph Konrad Liessmann kritisiert das bloße Effizienzdenken in unserem Bildungssystem (Die Theorie der Unbildung). Was fehle, so Liessmann, sei das Unerwartete, die Neugier, das Nicht-Planbar, dass sich nicht rechtfertigen muss. Was er über die Bildung schreibt, kann ebenso gut auf die Kultur übertragen werden: „Sie lässt sich nicht regeln, nicht steuern, nicht planen.“ Ja, das ist das Schöne und Wichtige an der Kultur. Sie unterläuft das Effizienz- und Zahlendenken, das rein auf Nützlichkeit ausgelegt ist und unsere Zeit prägt. Das ist eine Kultur-Tat-sache –  ihr wahrer gesellschaftlicher und demokratischer Nutzen.

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