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Devote vor der Quote? Der 49. Grimme-Preis

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Das war sie, die mittlerweile 49. Verleihung des Grimme-Preises im Stadttheater in Marl. Rund 800 Gäste feierten die diesjährigen Preisträger. Der eigentliche Aufreger ist schon ein paar Monate her. Die Nominierung des „Dschungel-Camps“ sorgte für Schlagzeilen. Die Erklärung von Grimme-Direktor Kamman, warum man das Ekel-Format als unter Umständen preiswürdig ansah, ist schwer nachzuvollziehen. Schließlich, heißt es da, wolle man zum Nachdenken über mediale Wirklichkeit und die Veränderungen in der Öffentlichkeit anregen. Sei’s drum. Das Camp bekam den Preis nicht, stattdessen viele andere gute Produktionen. Die besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschulverbandes erhielt zum Beispiel der Fernsehregisseur Matti Geschonneck. Die verschiedenen Preisträger in den Kategorien Doku, Fiction und Unterhaltung zeigten, wie gutes Fernsehen gemacht wird. Das gab es die tragischen Momente, wie bei der Dokumentation „Seelenvögel“ oder dem Film „Blaubeerblau“; da gab es die historischen Momente mit der Doku „Vaterlandsverräter“ und der fabelhaften Literaturverfilmung von Uwe Tellkamps „Der Turm“. Da gab es die gut gemachte Comedy von „Switch reloaded“.

Grimme 2

Der nordrhein-westfälische Medienstaatssekretär Marc-Jan Eumann überreichte den Sonderpreis des Landes an Shaheen Dill-Riaz für die berührende Dokumentation „Der Vorführer“. Der Film handelt von einem kleinen Jungen aus Bangladesch, der als Filmvorführer arbeitet. Kinotraum und harte Realität prallen hier aufeinander. Eumann nutzte seine kurze Laudation für eine wichtige medienpolitische Botschaft. Die öffentlich-rechtlichen Sender, so der Politiker, mögen bitte darauf achten, dass solch ausgezeichnet Produktionen, wie sie der Grimme-Preis präsentiere, nicht nur in Kulturspartenkanälen oder erst nach 23.15 Uhr gezeigt werden. Er bekam für die Äußerung lang anhaltenden Applaus. Was wie eine kleine Anmerkung klingen sollte, birgt doch den Sprengstoff des diesjährigen Grimme-Preises in sich. Die Diskussion ist alt. Ist Qualitätsfernsehen (noch) möglich? Oder gilt allenthalben das Gesetz der Quote? Dschungel-Camp oder Dokumentar-Trilogie?

 

Grimme 1Dass die privaten Sender Werbezeit verkaufen müssen, leuchtet ein. Man kann ihnen da keinen Vorwurf machen. Insofern ist für sie die Quote ausschlaggebend. Die Öffentlich-Rechtlichen passen sich dem mehr und mehr an, bis alle Unterschiede verschwimmen. Die Grimme-Preisträger zeigen jedoch, wie gutes Fernsehen geht. Und es wäre Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Sender, das nach Kräften zu fördern und zu unterstützen – besonders mit guten Sendezeiten. Dafür bekommen sie als Unterstützung die Rundfunkgebühren. Damit ist nicht gesagt, dass die Zuschauerzahlen einbrechen. Ganz im Gegenteil können neue Zuschauer hinzugewonnen werden, die bisher wegen Musikantenstadelsilbereisenundco weggeklickt haben. Man kann den Verantwortlichen nur mehr Mut wünschen, gute Produktionen zu zeigen, auch und gerade, wenn sie eine Zumutung bedeuten mögen. Die Menschen sind nicht so blöd, wie viele Medienverantwortlichen vielleicht denken. Dann können Fernsehsender wieder mehr sein als nur Devote vor der Quote: nämlich Kulturinstitutionen, die den gesellschaftlichen Diskurs mitgestalten. Das funktioniert allerdings nicht mehr nach 23.15 Uhr.

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