Erwachsenenbildung/Kultur und kulturelle Bildung

Der Zweck heiligt die Mittel

Etwas abseits des öffentlichen Interesses wird derzeit eine Diskussion geführt, die viel mehr über den Zustand unserer Republik aussagt, als so manche öffentliche Aufregung. Im Jahr 2013 nämlich soll das Umsatzsteuergesetz novelliert werden. Dagegen spricht eigentlich nichts. Wenn sich nicht auf Seite 33 ein Passus im Gesetzentwurf finden würde, der einige Kulturschaffende auf die Barrikaden bringt. Dort wird sehr dezidiert unterschieden in Bildungsangebote, die einen (beruflichen) Zweck verfolgen und solchen, die der reinen Freizeitgestaltung dienen. Letztere wiederum dürften sich keiner Umsatzsteuerbefreiung erfreuen. Man verweist in diesem Zusammenhang auf EU-Richtlinien.

Das ist alles sehr verkürzt dargestellt und ist in Wahrheit noch viel komplexer. So komplex, dass es jede Menge möglicher  Auslegungen gibt und die kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/ Die Grünen Agnes Krumwiede dazu bringt, von unkonkreten und widersprüchlichen Formulierungen zu sprechen.

Die Absicht des Gesetzgebers ist klar. Hier sollen zusätzliche Töpfe für Steuereinnahmen gefunden werden, Ausnahmentatbestände reduziert werden. Dass die Aufregung von betroffenen Verbänden groß ist, wie zum Beispiel der Aufruf zu einer Online-Petition der privaten Musikschulen beweist, ist ebenso verständlich.

Man könnte das Für und Wider als politisches Geplänkel ansehen. Was jedoch betroffen macht, ist das Denken hinter solchen Gesetzesentwürfen. Letztlich geht es doch darum, alles quantifizierbar, durchschaubar und kategorisierbar zu machen. Und Bildung, so ist dann der Tenor, taugt nur etwas, wenn sie einen Sinn hat und etwas bezweckt. Alles andere ist dann eben für die Freizeitgestaltung, sozusagen just for fun. Förderungswürdig sei das dann eben nicht. Dazu passen aktuelle Überlegungen der EU-Kommission, in der kommenden Förderperiode nur noch Projekte zu unterstützen, die der beruflichen Weiterbildung dienen. Auch das ist pures Nützlichkeitsdenken.

Das beweist einen veralteten Bildungsbegriff. Besonders die EU war da eigentlich schon mal weiter. Die Konzepte des Lebenslangen Lernens gingen davon aus, dass Menschen immer lernen und jeder, der Musik oder Kunstunterricht unter die Lupe nimmt, weiß, welche Kompetenzen Menschen hierbei erwerben. Dass das Spaß machen kann, sei doch gar nicht in Abrede gestellt. Aber kulturelle Bildung unter einen Vorbehalt zu stellen, ist töricht.

Bildung ist keine Freizeitbeschäftigung. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr kulturelle Bildung. Die gibt es aber nur, wenn es auch entsprechende Unterstützung gibt. Der Gesetzesentwurf ist da kontraproduktiv.

Selbst unter ökonomischen Gesichtspunkten ist der Ansatz fragwürdig. „Mir scheint“, schreibt der tschechische Ökonom und Regierungsberater Tomáš Sedláček in seinem viel beachteten Buch Die Ökonomie von Gut und Böse , „dass wir den Juristen und Mathematikern eine zu große Rolle zugestanden haben, auf Kosten der Dichter und Philosophen. Wir haben zu viel Weisheit gegen Exaktheit getauscht, zu viel Menschlichkeit gegen Mathematisierung.“ (401) Beim Steuergesetz 2013 aber geht es nur um Exaktheit und Mathematisierung, zumindest, was die Gedanken hinter dem Gesetz betrifft.

Kommen wir wirklich in einer Gesellschaft weiter, in der es nur um den praktischen Anwendungsnutzen geht? Wir brauchen das Kreative, Unberechenbare, Spielerische. Das ist meine eigentliche Befürchtung, nicht, dass hier oder da ein paar Prozent mehr Steuern bezahlt werden müssen. Wenn nur noch der Zweck die Mittel heiligt, wenn also nur noch staatliche Unterstützt und gefördert werden darf, was einen eindeutigen ökonomischen Zweck ergeben könnte (wie Sedlaceks Buch beweist, ist auch diese Ansicht überholt), dann wird unsere Gesellschaft verarmen. Es bleibt zu hoffen, dass die Diskussionen und die Aufregung um das Gesetz vielleicht dazu führen, hier und da über unsere Gesellschaft nachzudenken und dass, was sie zusammenhält und Menschen wirklich weiter bringt.  So abseitig, wie die Diskussion erscheint, ist sie also nicht. Wenn es um neues Denken geht, dann ist sie fast zentral, möchte ich meinen.

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Ein Kommentar zu “Der Zweck heiligt die Mittel

  1. Die „Verwaltungsvereinfachung“ und Verrechtlichung von allem reduziert unsere Freiräume, bis nur noch Verwertbarkeit für den entfremdeten industriellen Verwertungsprozess übrig bleibt. Komisch ist eigentlich nur wie selbstverständlich wir uns dieser Politik ergeben haben.

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