Bildungspolitik/Gesellschaft und Innovation

Revolution? Revolution!

Dass wir an den Grenzen des Wachstums stehen und unsere gesamte Zivilisation neu justieren müssen, gehört zum Allgemeingut. Wer nüchtern rechnen kann, kommt zu dem Ergebnis, dass die Ressourcen auf unserer Welt begrenzt sind und neue Ideen notwendig sind.  Wir brauchen neue Ideen und wir brauchen eine Revolution des Bewusstseins

Eine Welt, die sich nicht verändert, weil sich Menschen auf ihr bewegen, gibt es nicht. Man macht sich mit allem Tun in irgendeiner Weise die Hände schmutzig. Die Alternative wäre, sich ins Gras zu setzen und auf den Tod zu warten. Menschen wollen leben und deswegen werden sie sich bewegen, werden sie den Boden beackern, werden sie Handeln treiben und werden sich vergnügen wollen. Daran ist nichts Verwerfliches zu finden, im Gegenteil, das ist der Natur immanent. Vielleicht steckt ein Gran Wahrheit in der alten Lehre der Kirche von der Erbsünde. Niemand kann auf diesem Planeten wandeln, ohne in irgendeiner Weise sündig zu werden. Das ist eine Grunddimension des Lebens. Allein die Frage muss erlaubt sein, wie weit meine Befugnisse als Individuum geben, mich der Natur und der Ressourcen und auch der sozialen Solidarität bedienen zu können. Die Grenze zwischen den eigenen Bedürfnisse und einem Überfluss auf Kosten der anderen ist in den letzten Jahren zunehmend verwischt wurden.

Die Themen, denen wir uns stellen müssen, sind vielfältig. Ein paar Stichworte mögen genügen: Energie und Mobilität, Globale und regionale Wirtschaft und ihr Verhältnis zueinander, die Zukunft der Sozialsysteme und die Regulierung der Finanzmärkte, Sicherung und Ausbau gerechter Bildungssysteme und die Förderung der Kultur

Niemand wird diese Aufgaben auf einmal und allein bewältigen löhnen. Dazu braucht es multilaterale Absprachen und Abkommen. Der Weg werden Verhandlungen und auch Kompromisse sein. Diese Kompromisse dürfen allerdings nicht so weit gehen, dass radikale Ziele wieder verwischt werden und später mühsam von einem noch höheren Niveau korrigiert werden müssen. Die Abschwächung der globalen Erwärmung ist dafür ein probates Beispiel. Selbst, wenn es überhaupt gelingt, den Grenzwert von zwei Grad einzuhalten, werden manche Kulturen darunter zu leiden haben. Und dass der Grenzwert eingehalten wird, ist alleine schon nicht sicher.

Wir brauchen neue Ideen und wir brauchen eine Revolution des Bewusstseins. Dazu passt ein  neues Buch des amerikanischen Systemtheoretikers Peter Senge. Senge ist der Direktor der MIT Sloan School of Management in Cambridge (MA) und hierzulande bekannt geworden mit seinem Buch Die fünfte Disziplin. Kunst und Praxis der lernenden Organisation. In Die notwendige Revolution. Wie Individuen und Organisationen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen, verbindet er seine Kenntnisse von Systemen und deren Veränderungen mit den anstehenden globalen Herausforderungen. Wir stehen vor einer notwendigen Neujustierung unseres Wirtschaftssystems und, damit eng verbunden, unseres Lebensstils. Aber wie ist das zu schaffen? Eigentlich gibt es nur zwei Alternativen: Eine Öko-Diktatur oder die Bewusstseins-Revolution. Erstere verordnet top-down, durchaus mit lauteren Motiven, eine radikale Wende. Die Gesellschaft wird gezwungen, sich zu verändern. Nicht nur, dass das unserem staatlichen (und auch philosophischen) Verständnis von der Freiheit des Individuums widerspricht. Eine Zwangsbeglückung wird sicher nicht funktionieren und nur mehr Widerstand provozieren. Dann also geht der Weg über die Änderung des Bewusstseins. Ein wesentlicher Faktor dazu muss Bildung von Organisationen und von Individuen sein.

Senge geht das Thema als Organisationsberater an und legt eine fulminante und überzeugende Zusammenstellung vor, mit der eine nachhaltige Gestaltung unseres Planeten gelingen kann. Ihm geht um eine industrielle Revolution. Das ist auch eine Form der Bewusstseins-Revolution, nur das bei Senge nicht der Konsument, sondern der Unternehmen im Fokus steht. Sein Buch, entstanden mit einem mehrköpfigen Autorenteam, lässt er sich leiten vom Gedanken des Konstruktivismus. Er geht davon aus, dass jeweils einzelne Sichtweisen miteinander in Kooperation treten müssen, um im Wissen der Vergangenheit die Zukunft zu gestalten. Zunächst einmal stellen die Autoren den Status quo dar, Analysen, die wir so oder anders schon verschiedentlich lesen konnten. Wichtig aber ist im, dass es um konzertierte evolutive Prozesse geht, die Veränderungen bewirken können. Senge will die heutigen Umweltprobleme in einem größeren Zusammenhang sehen. Insbesondere sei es das Problem unserer Ökonomie, kurzfristige Erfolge (Gewinne) zu realisieren, ohne systemische  Folgewirkungen ausreichend zu betrachten. Als zentrale Herausforderung sieht er den globalen Klimawandel. Diesem sei jedoch nur dann wirksam zu begegnen, wenn es gelingt, einen integrierten, also systemischen Blick zu entwickeln. Das löse die Produktion und der Ressourcenverbrauch aus der Selbstreferentialität heraus, und stelle sie in eine Verbindung von Vergangenheit und Zukunft, Natur und Mensch. Eine Einschränkung der Lebensqualität müsse damit nicht verbunden sein und löst vermutlich auch zu viele Ängste aus.

Senge bringt lebendig erzählte Beispiele von international agierenden Firmen, die innerhalb ihrer Struktur (und nachfolgenden auf dem Markt) eine Trendwende in Bezug auf Ressourcenschonung, Arbeitsprozesse usw. eingeleitet haben. Sie dienen als Referenzpunkte, die zur Nachahmung ermuntern können.

Senge propagiert eine Kreislaufwirtschaft, die verschiedene Perspektiven mit einbezieht, Abfall reduziert und Ressourcen schont, indem sie ihren Einsatz verringern, Recycling fördert oder Materialien substituiert. Der Kreislauf ist für Senge nicht nur Richtschnur für die Produktion, sondern auch für die Zusammenarbeit. Kooperationen und Netzwerke führen dazu, Problemlösungen zweiter Ordnung zu erreichen, die im geschlossenen System alleine nicht umzusetzen gewesen wären. Systemisches Sehen ist immer Sehen über den Tellerrand. Nur mit neuen Ideen, mit der Einbeziehung von Querdenkern und Opponenten kann es gelingen, sinnvolle Lösungsansätze zu aufzuzeigen.

Die Zukunft, so Senge, sei eher regional und lokal zu gestalten, mit Netzwerken und flachen Hierarchien und, das ist ihm besonders wichtig, mit einer ausgeprägten „Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens“ (418).  Zentral seien Beziehungen zu pflegen, nämlich zur Lösung der globalen Probleme, zur weiteren Entwicklung der Gesellschaft, zur Sicherung des Wohlstandes, zur Bewahrung der Schöpfung für kommende Generationen. Wer so wirtschaftet, bietet einen guten Anknüpfungspunkt für die Konsumenten, deren Bewusstseinswandel genauso des revolutionären Prozesses bedarf.

Ralf Fuecks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, nennt das Buch in seinem Vorwort ein „ermutigendes Werk: es zeigt, dass die große Transformation bereits begonnen hat. Sie wird vorangetrieben durch Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell umbauen; durch Forscher und Ingenieure, Architekten, Ökobauern, lokale Initiativen, Umweltverbände und Millionen Bürger, die ihr Konsumverhalten und ihren Lebensstil überprüfen. Nicht zuletzt bedarf es vorausschauender Politik, um die Weichen in eine nachhaltige Zukunft zu stellen.“ (11)

Senges Ansatz zeichnet aus, dass er den Blick des Systemtheoretikers auf die drängenden Probleme unserer Zeit richtet. Alle Beteiligten werden mit ihren Visionen und Ängste ernst genommen und ermutigt, in Zusammenhängen zu denken. Das Buch ist für alle, die sich aus systemischer Sicht mit der Lösung von Problemen, ob regional oder global, lesenswert und hilfreich. Es ist ein Beitrag zur Bildung für Nachhaltigkeit. Niemandem wird etwas oktroyiert, vielmehr wird ermutigt, sich an evolutionären Prozessen zu beteiligen – Überlebenstraining für Unternehmen, für die Gesellschaft und für den Planeten.

Wir brauchen eine Revolution. Wir brauchen eine Revolution des Geistes in Europa. Sie wird das Denken und die Ökonomie ändern, wir werden die Gegenwart und die Zukunft gewinnen. Das wäre eine Art von Revolution, die in der Weltgeschichte bisher einzigartig ist, vielleicht vergleichbar der Aufklärung. Schreiben wir also Geschichte, revoltieren wir.

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