Gesellschaft und Innovation/Kultur und kulturelle Bildung

Der Kulturinfarkt? Ein Apropos

Die Diskussion über den Kulturinfarkt hält an. Ich habe mich ausführlich im Landesblog dazu geäußert.

Was noch zu erörtern wäre, sind Konsequenzen, die sich aus der Beobachtung der vergangenen Jahre, der Diskussion um das Buch und seiner Lektüre ergeben. Dass Kulturpolitik in Bewegung ist, ist gut. Ich formuliere hier einige Ideen, die für die Zukunft zu diskutieren wären.

Sind flächendeckende Kultureinrichtungen möglich? Nein, wenn man allein die heutige Perspektive einnimmt. Sind flächendeckende Kulturangebote nötig? Ich denke schon. Die Frage ist doch, wie sie gestaltet werden. Im Mittelpunkt einer mutigen Diskussion müsste die Frage nach sinnvollen neuen Strukturen stehen. Wir brauchen Konzepte, die die Infrastruktur vor Ort stärken und die Lebensqualität der Einwohner verbessern. Es gibt Gegenden im Land, in denen fällt aufgrund der Schulferien der öffentliche Nahverkehr komplett weg. Manche Orte suchen dringend nach einem Arzt, der ein paar Sprechstunden in der Woche anbietet. Wie kann die regionale Nahversorgung für Leib, Seele und Hirn gesichert werden? Erste Ansätze sind mit so genannten MarktTreffs gemacht. Volkshochschulen, Ortskulturringe, Bibliotheken gilt es in den Prozess einzubinden, um auch eine kulturelle Nahversorgung sicher zu stellen. Die Volkshochschulen im Land bieten beispielsweise flächendeckend Weiterbildung an und profilieren sich darüber hinaus als soziale und kulturelle Zentren in kleineren Gemeinden. Erreichbare Angebote zu gestalten bedeutet nicht, überall dieselbe Administration vorzuhalten. Das Prinzip weist in die richtige Richtung: Angebote können auch zentral organisiert und dezentral durchgeführt werden. Ebenso angedacht werden müsste die Kooperation von Landeseinrichtungen. Auch hier steht die Frage an: Was braucht das Land? Was muss geleistet werden?

  • Kultur ermöglichen

Aufgabe des Landes muss es sein, Kultur zu ermöglichen. Kulturermöglichung weiß um die Kulturproduktivität der Menschen in unserem Land. Sie könnte ein Kriterium sein, mit der sich die Finanzierung definieren lässt. Welche Strukturen müssen geschaffen und welche Ressourcen müssen sicher gestellt werden, damit sich Kultur und kulturelle Bildung entfalten können?

  • Knotenpunkte und Netzwerke

Die kulturelle Infrastruktur in Schleswig-Holstein braucht Netzwerke und Knotenpunkte. Es muss Zentren geben, in denen Administration sicher gestellt werden. Diese können nach den regionalen Erfordernissen eingerichtet werden. Sie sichern die Professionalität (sind also auch hauptberuflich besetzt) und die Qualität des Angebotes. Mit ihnen verbunden ist ein Netzwerk von Standorten, dass eine wohnortnahe kulturelle Infrastruktur sichert, Räume für Angebote schafft und niedrigschwellige Beteiligung ermöglicht. In diesem Netzwerk agieren ehrenamtlich engagierte Bürgerinnen und Bürger.

  • Aufbau kommunaler Bildungslandschaft

Kulturelle Bildung ist ein Teil der allumfassenden lebenslangen Bildung der Menschen. Deswegen sollte sie nicht getrennt von anderen Bildungsangeboten gesehen werden. Im Zuge des demographisch bedingten Rückbaues zum Beispiel von Schulen, kann im Aufbau kommunaler Bildungslandschaften eine Chance gesehen werden, kulturelle Bildung im Kontext lebenslangen Lernens vor Ort zu ermöglichen und dabei Kosten durch Synergien einzusparen.

  • Schwerpunkte und Ziele

Kultur ist ein besonderer Schatz im Land Schleswig-Holstein.  Das bedeutet, es gibt viele gute Initiativen. Statt sich hier im Kleinklein zu verwickeln, sollte Bewährtes gefördert und unterstützt werden. Ziel muss die flächendeckende Möglichkeit für die Bürgerinnen und Bürger sein, Angebote von Kultur wahrzunehmen und kulturelle Infrastruktur zu nutzen. Zudem könnten (aktuelle) Inhalte kultureller (politischer, ökologischer usw.) Bildungsarbeit zu definiert und im Sinne von Projektvorhaben  vergeben werden.

  • Profilierung der Verbände als Supporter

Die Verbände, die im Bereich Kultur und kulturelle Infrastruktur tätig sind, sollten profiliert und ihre Unterstützung (im Sinne von Ermöglichung) daraufhin ausgerichtet werden. Verbände sollten die Organisationsentwicklung kultureller Infrastruktur im Sinne des Landes betreiben (Netzwerke und Knotenpunkte schaffen und begleiten), die Qualität sichern und Haupt- und Ehrenamtliche aus- und fortbilden. Darüber hinaus sollen sie einen Beitrag zur Regionalentwicklung leisten indem sie die kulturelle Infrastruktur vor Ort so entwickeln, dass sie insbesondere der Stärkung des ländlichen Raumes und den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger entspricht. Dort, wo möglich, können sie zur Moderation kommunaler Bildungslandschaften beitragen.

  • Gemeinwohlorientierung

Staatlich geförderte kulturelle Infrastruktur soll sich an zwei Hauptkriterien orientieren. Diese beiden Kriterien legitimieren die staatliche Förderung. Das sind die Bedarfe der Bürgerinnen und Bürger als Trägerinnen und Träger des Staates und der Gesellschaft (Was für eine Bibliothek/ Volkshochschule/ Bildungsstätte usw. brauchen wir für eine gute Entwicklung zum Wohle aller?) und die Abgrenzungen zu privaten Anbietern. Was privat geleistet werden kann, soll privat geleistet werden. Was im öffentlichen Interesse liegt, muss öffentlich gefördert werden.

  • Kulturelle Infrastruktur und Wirtschaft verbinden

Es muss enge Verbindungen zwischen der Kulturplanung und der Wirtschaftsförderung geben. Eben weil Kreativität Auswirkungen auf ökonomisches Wachstum hat, sollten Wirtschaftsverbände in die Kulturplanung mit einbezogen werden. Eine Reduktion auf Mäzenatentum scheint hier nicht sinnvoll zu sein. Betriebe sind daran interessiert, dass auch kulturelle Rahmenbedingungen stimmen, weil nur so die Attraktivität für gute Arbeitnehmer gewährleistet ist.

Aus den Vereinigten Staaten ist der Ansatz des Community Organizing bekannt. Ursprünglich zur Solidarisierung von Arbeitnehmern gegen übermächtig scheinende Unternehmen entwickelt, nutzt man es heute als Methode, mit der Einwohner eines Stadtviertels oder eines Quartiers ihr Schicksal selber in Hand nehmen. Sie werden geschult, selbstbewusst ihre Bedarfe zu formulieren und diese gemeinsam konstruktiv umzusetzen. Bürger nehmen ihre Angelegenheiten in ihre Hand.

Was Schleswig-Holstein braucht, ist eine planende und konzeptionelle Politik und eine Bürgerbewegung, um das Land in die Zukunft hin zu entwickeln. Und in gewisser Hinsicht zeigen sich beide Ansätze komplementär. Denn es könnte gerade Aufgabe der Politik sein, kreatives Community Organizing landesweit zu ermöglichen. Das heißt, Netzwerke zu fördern, die sich im Sinne bürgerschaftlichen Engagements das Gemeinwohl auf die Fahne geschrieben haben. So kann es gelingen, Schleswig-Holstein als Kulturland zu erhalten.

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