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Geht Erwachsenenbildung online?

Diejenigen, die seit Jahren in der Erwachsenenbildung aktiv sind schwören auf die Face-to-face Begegnung. Der Lerngruppe kommt eine ebenso große Bedeutung zu wie dem Austausch zwischen den Lehrenden und Lernenden. Lernen ist eben nicht nur ein technokratischer Vorgang, sondern hat ganz viel mit Emotionalität und Erlebnis zu tun. Lernen ist Interaktion zwischen den Lernenden, zwischen Lehrenden und Lernenden und zwischen Lernenden und Raum bzw. den Materialien. In der Erwachsenenbildung sind schon rein biologisch die Lernhürden höher als im Kinder- und Jugendalter. Dazu kommt, dass Lernen mit Anschauung und Umsetzung zu tun hat, also der sofortigen Anwendung des Gelernten. Wer die Erwachsenenbildung unter diesen tradierten Gesichtspunkten betrachtet, wird zur Erkenntnis kommen: Erwachsenenbildung geht nicht online.

Sehen wir uns dagegen die Realität an. Von vier Deutschen sind drei online. 2011 gab es bei uns im Land 51,7 Mio. Internetnutzer, 73,3 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die meisten Neu-Nutzer, so eine Studie von ARD und ZDF sind über 60 Jahre. Für die jüngere Generation ist Online-Sein obligat. Im Alter von unter 50 Jahren sind annähernd 90 % der Bevölkerung im Netz aktiv, bei den unter Dreißigjährigen sind es fast 100 %, wie der Nonliner-Atlas verrät.

Für die Erwachsenenbildung verrät das einige Anhaltspunkte. Die größte Zielgruppe ist bisher, was die allgemeine Weiterbildung angeht, die Bevölkerung 55+. Das sind also die, von denen man bisher dachte, sie seien nicht so netzaffin. Die Ergebnisse der statistischen Umfragen sprechen eine andere Sprache. Ebenso verblüffend ist die Zahl derer, die sich mittlerweile bei Volkshochschulkursen über das Internet direkt anmelden. Die Zahlen liegen bei deutlich über 50% der Teilnehmenden und steigen stetig an, sogar in kleineren Einrichtungen. Und die Jüngeren sind hauptsächlich im WWW unterwegs.

Wenn man sich da auf die bewährte Altersgruppe beschränkt, wird die Erwachsenenbildung mit ihren Teilnehmenden alt werden und irgendwann nur noch Seniorenbildung sein. Dabei gibt es eine Vielfalt von guten und professionellen Angeboten in den Volkshochschulen für die Menschen unter 55. Besonders in der beruflichen Weiterbildung, was Sprachen und EDV angeht, dazu Methodenkompetenzen und, außerhalb der beruflichen Bildung, Angebote zu Fitness und Gesundheit. Nicht zuletzt bieten sich online kostengünstige Möglichkeiten, Erwachsenenbildung zu unterstützen, seien es Moodle-Plattformen, E-Books, Clips und Chatrooms, die Lernen fördern und unterstützen.

Deswegen habe ich zehn Punkte formuliert, warum sich Erwachsenenbildung online lohnt:

  1. Lernplattformen

Moodle ist bekannt. Es bietet die Möglichkeit zur Einrichtung zentraler Lernräume, die Materiale zur Verfügung stellen und Austausch ermöglichen. Virtuell kann man flexibel lernen, ohne, dass der direkte Austausch überflüssig wird. Insofern stellen diese Plattformen eine gute Ergänzung dar, besonders für Gegenden, in denen große Entfernungen zu überwinden sind. Ein gutes Beispiel ist das Projekt live in der deutsch-dänischen Grenzregion. Die richtige Technik hilft beim grenzüberschreitenden Dänisch-Lernen.

2. Crossover lernen

War früher das Ziel des Lernens, Wissen zu erwerben, geht es heute um Kompetenzen. Die lassen sich aber kaum auf einen Bereich reduzieren, vielmehr werden verschiedene Techniken oder Sachverhalte eingeübt und angewandt. Onlineangebote in der Erwachsenenbildung unterstützend als Crossoverlernen, weil sie Zugänge ermöglichen, die in der Beschränkung auf ein Fachbuch oder einen Text schwer möglich sind. Online können verschiedene Methoden verknüpft werden, Texte vorgelesen, Musik gehört oder Filme angesehen werden. Das Portal des Deutschen Volkshochschulverbandes zur Alphabetisierung geht diesen Weg, wer schreiben lernen will, kann hier erst einmal hören.

3. Lernen vor Ort

Infolge des demographischen Wandels wird es zunehmend schwieriger, an jedem Ort die richtige Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Andererseits ist es nicht jedem möglich, weite Strecken zum Kurs zu fahren. Vielleicht auch, weil er oder sie nicht mehr so mobil ist. Online-Teaching ermöglicht Nähe, nämlich das Lernen zu Hause.

4. Kleine und große Informationen

In einer Zeit, in der die Komplexität unserer Wissensgesellschaft zunimmt, ist es notwendig schnell und zügig an kleine und große Informationen zu kommen. Das unterstützt das Lernen und gibt zusätzliche Erkenntnisse.

5. Blended Learning

Unter Blended Learning versteht man die Kombination von Face2face-Angeboten mit virtueller Unterstützung. Was im Kurs gelernt wurde, kann online angewandt oder ergänzt werden. Dazu werden Materialien zur Verfügung gestellt, aus denen man in Ruhe nach Bedarf und Lernfortschritt auswählen kann. Den Content unserer Kurse sollten wir nicht den großen Playern wie Apple oder Microsoft überlassen. Also heißt es, selber die Chance im Netz nutzen, um gute und unterstützende Materialien für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Kurse zur Verfügung zu stellen.

6. Dozentengewinnung und Dozentenaustausch

Gute Kurse brauchen gute Dozenten. Aber woher nehmen? Kaum einer wird in der Tageszeitung inserieren, um an Kursleiter zu kommen. Da ermöglicht uns das Internet einiges. Nutzen wir doch die Communities, fragen, wer was kann und wer wen kennt. Der Kontakt kommt unter Umständen schneller zustanden und potenzielle Interessenten können sich direkt über die Einrichtung online informieren.

7. Online-Lernen selbst bestimmtes Lernen

Besonders Berufstätige, die stark eingespannt sind, brauchen Angebote, bei denen sie selber entscheiden können, was sie lernen und wann sie lernen. Der Computer steht jederzeit zur Verfügung, die Materialien im World-Wide-Web auch. Onlineangebote fördern das selbst bestimmte und flexible lernen. Mittlerweile erweitern sich Webinar-Angebote, die ortsunabhängig sind und niedrigschwelliges Lernen ermöglichen, wie die Volkshochschulen im Saarland beweisen.  VHS Gesundheits-Webinare der Böblinger Volkshochschule können bequem am Arbeitsplatz für „Zwischendurch“ absolviert werden – Entspannung in der Mittagspause.

8. Mehr Spaß am Lernen

Ja, auch der Spaß gehört zum Lernen dazu. Es gibt mittlerweile eine Fülle von Serious Games, von lernunterstützenden Formaten und Angeboten, die einfach Spaß machen, und wenn man dabei etwas lernt: umso besser. Ein Top-Angebot unter den Lernspielen ist da das Spiel Winterfest, dass in der Alphabetisierung eingesetzt wird und mit einer guten Grafik und einem hohen technischen Standard daher kommt.

9. Werbung und Information

Printwerbung ist nicht out. Aber sie ist eben nicht alles. Wer sich übers Internet beim Volkshochschulkurs anmeldet, der will die nötigen Infos bekommen. Der richtige Mix macht’s. Gute Angebote können auf der Web-Seite, mit einem Newsletter oder mithilfe sozialer Netzwerke zielgruppengenau beworben werden.

10. Kundenkontakt

Kurs nicht gefallen, Dozent langweilig? Da ist der Schritt zur Kritik im Internet nicht weit. Einrichtungen, die hier unterwegs sind, werden wissen, wie sie konstruktiv mit Rückmeldungen umgehen können. Der Teilnehmer ist König. Online haben wir die Chance, ihre Meinungen direkt mitzubekommen, um unsere Angebote noch besser zu machen.

Alles in allem wird deutlich, dass Online Fakt ist. Man kann das kulturpessimistisch kritisieren, anfragen und diskutieren, an der Realität ändert das jedoch nichts  Andererseits liegen viele Chancen in der Nutzung des Internet und der Möglichkeiten des Web 2.0 für die Erwachsenenbildung. Deswegen geht Erwachsenenbildung online.

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3 Kommentare zu “Geht Erwachsenenbildung online?

  1. Hallo Herr Lätzel,

    das klingt im Prinzip gut und ist ok. Wer aber hononiert den Mehraufwand für die ja doch zu perfektionierenden Online-Materalien? Zu schnell wird von einem „content“ gesprochen, als ob der sich sozusagen über ein Wunder des Selbstwerdens in die „cloud“ beamt. Vor allem steht mir die kognitive Ausrichtung zu sehr im Vordergrund: Was ist mit Spiel und Movere? Dem intuitiven Reagieren auf eine Kursdynamik, die zuweilen vorranging aus der Sozialiät des Gemeinsamseins lebt?
    Sicher, spezifische Inhalte können online gestellt werden. Aber dadurch entsteht wieder der Druck für die Dozenten, immer wieder über das Upgraden der Materialien zu reflektiern … und ja, für welchen Lohn? Gibt es dann Zwei-Klassen-Dozenten? Der moderne PC-Lover, der in die cloud investiert und der altmodische „Lehrer“, der auf analoge Kopien, Whiteboard, etc. setzt?
    Aber der Ansatz ist zu diskutieren. Innovation muss sein.

    Beste Grüße,
    Andreas Liebert

  2. Das Material, was man online stellt, ist vor allem auch öffentlich. Wenn Sie bspw. einen Abend ihre Foto-Serie über ein exotisches Reiseziel präsentieren, ist das sicherlich weitaus mehr als nur die Lichtbilder für sich genommen. Aber wenn man sie vorab oder anstelle dessen einsehen kann, möchte ich annehmen, dass potenzielle Besucher eher ausbleiben als vermehrt kommen werden. Ebenso bei Tutorien oder Skripten, möchte ich meinen.

    Was ich für interessant halte, ist der Ansatz, Mund-zu-Mund-Propaganda so zu vertiefen bzw. zu modernisieren. Ich habe meine Seite (http://thomasnawrath.wordpress.com/) bspw. so umgebaut, dass Hörer (wenn sie denn wollten) Wünsche für neue Themen oder Schwerpunkte, aber auch Kritik äußern können – und natürlich einfach nachfragen können zu Sachen, die ich im Kurs erzählt habe. Das ist kein großartiger Aufwand bzgl. „content“, was mir auch zu unsicher wäre.

    Ich erinnere mich, wie ich 2006 (?) bei einer Dozentenfortbildung an der VHS München teilgenommen habe, in der auf die Möglichkeit, einen DataBeamer zu benutzen, hingewiesen werden sollte. Vielleicht kann man aus diesen Erfahrungen ja etwas lernen, wie der Modernisierungsschub durch den Einsatz dieser Geräte in den verschiedenen Fächerkategorien aufgenommen wurde.

  3. Pingback: Neulandkultur – Kulturneuland? | Zwo43

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