Bildungspolitik/Gesellschaft und Innovation/Volkshochschule

Deutscher Lernatlas: Bundesliga oder Bildungsrepublik?

Da liegt er nun vor, der Deutsche Lernatlas, und beherrscht die Schlagzeilen. Das nimmt nicht wunder. Zum einen verfügt die herausgebende Bertelsmann-Stiftung über PR-Erfahrung genug, um ihre Ergebnisse prominent zu platzieren, zum anderen ist der Titel eingänig genug, während man das Vorgängerprojekt Elli ( dem European Lifelong Learning Index)  auf dem der Lernatlas basiert, auch vom Titel her für eine Seniorenzeitschrift hätte halten können.

Die Ergebnisse sind so präsentiert, dass sie auch für Menschen, die sich sonst nicht mit der Fachmaterie Bildung beschäftigen, ablesbar sind. Die competitive Aufzählung macht es leicht, sich einen ersten Überblick zu verschaffen, eine Art Bundesliga der Bildung zu sehen. Bamberg ist vorne, Gelsenkirchen ist hinten. Das reicht fürs Erste, und wer in Bamberg wohnt, lehnt sich zufrieden zurück, während Gelsenkirchner Bürgerinnen und Bürger konstatieren dürfen, dass es ihnen seit dreißig Jahren dreckig geht und die Ergebnisse dieses Gefühl noch einmal bestätigen können.

So leicht ist es mit den Ergebnissen aber nicht getan. Denn die Tabellen verhindern vielleicht, wozu sie eigentlich anregen sollen, sich nämlich mit den dahinterliegenden Daten näher zu beschäftigen. Mitnichten ist es so, dass die alleinige Aufzählung schon eine komplette Aussage trifft, die Datenbasis erlaubt eine differenziertere Argumentation.

Zunächst die Datenbasis. Diese hat Bertelsmann gar nicht erhoben. Sie nimmt die ELLI-Ergebnisse (siehe oben) wieder auf. Die eigentliche Aufgabe des Lernatlasses liegt nun darin, zu kategorisieren und abbildbar aufzubereiten. Das ist gelungen.

Wiewohl es gerade auch hier Kritik gibt. Katharina Schüller, Redakteurin bei DeutschlandradioWissen, beispielsweise fragt an, ob die Art und Weise, wie die Daten zusammen gefügt werden, wissenschaftlichen Maßstäben genügen. Ob es nicht darum geht, so die Kernkritik, Äpfel mit Birnen zu vergleichen? Es gibt eben keine pauschal zu interpretierende Bildungsstruktur, die Ko- und Kontexte in Bamberg sind anders als in Gelsenkirchen, der Landkreis Görlitz hat komplett andere Bedingungen als das Emsland. Suggeriert der Lernatlas also wirklich, was in den Gazetten diskutiert wird? Der Süden ist besser aufgestellt als der Norden? Im Osten ist es schwieriger als im Westen?

So einfach sind die Ergebnisse wohl nicht zu interpretieren und es unvorstellbar, dass darin die Intention der Bertelsmann-Stiftung lag. „Dummer Norden, schlauer Süden“? Die Schlagzeile taugt nicht. Und wer genauer hinschaut, mag Nuancen erkennen, die interessant sind und deren Entdeckung das Untersuchungsdesign ermöglicht. Der zentrale Wert des Deutschen Lernatlas liegt nämlich darin, dass er die gesamte Bandbreite von Bildung auffächert. Wir kennen das: Wer von Bildung spricht, spricht von Schule. Mittlerweile setzt es sich durch, dass auch die Kindertagesstätte Bildung ist, die Hochschule und die duale Berufsausbildung gehören dazu, nicht zuletzt Weiter- und Erwachsenenbildung. In Kurzform gesprochen reden wir heute vom Live-Long-Learning. Das greift die Bertelsmann-Stiftung auf und das ist zu würdigen. Darüber hinaus können wir noch unterscheiden zwischen dem formalen Lernen, dem non-formalen Lernen und dem informellen Lernen. Wer von uns wüsste nicht, was er oder sie alles von Großeltern, Eltern oder Freundinnen und Freunden, eben informell, gelernt hat? Wer kennt nicht den Spaß am Lernen um des Lernens willen, die Sprache für den Urlaub, die Kulturtechnik für den Zeitvertreib oder eine neue Sportart? Da geht es nicht um einen Schein oder die Qualifikationsstufe, das ist non-formal und trotzdem hat man was gelernt. All das berücksichtigt der Lernatlas. Dort wird unterteilt in soziales Lernen, berufliches und persönliches Lernen. Er berücksichtigt sogar, das darf pro domo betont werden, die Angebote der Volkshochschulen im jeweiligen Kreis bzw. der Kommune. Da kann es beim Faktor sozialem Lernen im Kreis Segeberg schon mal besser aussehen als im Landkreis Altötting, wo die Bildung vorgeblich besser ist. Wer will werten, was wirklich wichtig ist?

Die zentrale Frage, die sich aus der Darstellung der Ergebnisse im Lernatlas ergibt, ist doch eine andere. Ist die Art von Bildungsförderalismus, die wir heute noch leben, eigentlich zeitgemäß? Ist es denn sinnvoll – was die Befürworter desselben als Argument ins Feld führen – einen Wettbewerb der Bundesländer um das beste Schul- oder Hochschulsystem zu starten, um sich dann den anderen gegenüber abzuschotten ? Wir leben in Zeiten überhöhter Mobilität und Flexibilität; dem müsste auch das Bildungssystem Rechnung tragen.

Just in diesen Tagen tritt der neue Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Udo Michallik, seinen Dienst an. Es müsse, so sagt er, Aufgabe der Konferenz sein, die Qualität des Unterrichts zu verbessern. Wer sollte ihm da widersprechen? Nur: das reicht vermutlich nicht. Wenn es Unterschiede gibt, so wie sie im Deutschen Lernatlas beschrieben werden, muss es Aufgabe der KMK sein, zu stärkeren Standardisierungen zu kommen. Michallik spricht im Taz-Interview von einem „Aufgabenpool“. Das ist ein guter Weg. Man kann und man sollte vermutlich den Bildungsförderalismus nicht unüberlegt „über Bord werfen“. Aber man kann und darf darüber diskutieren, welcher notwendigen Absprachen und Qualitätssetzungen es in der heutigen Zeit bedarf, um gleiche Chancen für alle zu bieten. Das gilt nicht nur für die Fragen nach dem richtigen Schulsystem, sondern auch für die Fragen nach sozialem Lernen oder ehrenamtlichem Engagement. Nicht zuletzt gilt es, angesichts des finanziellen Polsters einiger Länder, endlich das unselige Kooperationsverbot zu überwinden.

Es reicht nicht, den Atlas als eine Art Bundesligatabelle für Bildung zu lesen. Es gilt, ihn in seinen ganzen Facetten zu deuten und gemeinsam zu schauen, über die Grenzen der Bundesländer hinweg, wie sich Bildung in Qualität und Struktur im Fokus lebenslangen Lernens weiter entwickeln kann, damit wir wirklich Deutschland einig Bildungsrepublik werden.

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Ein Kommentar zu “Deutscher Lernatlas: Bundesliga oder Bildungsrepublik?

  1. Pingback: Lernatlas: Kein Grund zum Schweigen | Landesblog Schleswig-Holstein

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