Bildungspolitik/Gesellschaft und Innovation

Eigentlich ist alles klar – Anmerkungen zu einem Buch Jörg Drägers „Wege aus der Bildungskrise“

Um unser Land und unseren Wohlstand weiter zu entwickeln, brauchen wir ein gutes und tragfähiges Bildungssystem. Die Bundeskanzlerin ruft die Bildungsrepublik aus und meint damit nichts anderes, als den weiteren Ausbau unseres Bildungssystems in Quantität und Qualität. Wie die Details eines zukunftsfähigen Bildungssystems aussehen, ist ebenso klar und an vielen Orten von Fachleuten schon beschrieben worden. Allein: Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach. Gute Ideen gibt es zur Genüge, in der Praxis mangelt es. Da herrschen politische Ideologien, das Kleinklein der täglichen Verwaltung und Abgrenzungen, wo Transparenz und Kooperation notwendig wären.

„Gute Schulen sind machbar“ behauptet Jörg Dräger, ehemaliger Wissenschaftssenator der Freien- und Hansestadt Hamburg und jetzt Bildungsmanager der Bertelsmannstiftung. Und dann beschreibt er auf gut 180 Seiten präzise, welche Schritte und Veränderungen notwendig sind, damit sich die Bildung in unserem Land wieder sehen lassen kann. Nichts von dem, was er da schreibt, ist wirklich neu. Aber bisher hat es niemand geschafft, so konzise die Punkte zusammen zu fassen, Einwände aufzunehmen und zu entkräften. Jörg Dräger schreibt, was jetzt getan werden muss und es ist zu hoffen, dass seine Schrift, Deskritiption, Analyse und Anleitung zugleich, von Eltern, Schulverantwortlichen, Verwaltern und Politikern gelesen, diskutiert und beherzigt wird.

PISA und Bildungswissenschaft formulieren seit Jahrzehnten, was nun getan werden muss. Manches davon ist teuer, aber nicht alles kostet Geld und kann sofort großer Wirkungen erzeugen. Da ist beispielweise der Perspektivenwechsel vom Wissen zur Kompetenz. Vielerorts stehen immer noch die Wissensvermittlung und die Wissensaneignung im Vordergrund (oft frontal im wahrsten Sinne des Wortes), und wenn es nur das stupende Pauken von Fakten ist, für die Klausur gelernt und bald danach wieder vergessen. Dabei ist unsere Welt mittlerweile derartig komplex geworden, dass eine beschränkte Wissenssicht nicht ausreichend kann, um das Ganze zu seine. „Seht ihr den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön“, dichtete vor zweihundert Jahren Matthias Claudius in einer fast systemischen Perspektive. Wer den Mond ganz erkennen will, braucht aber kein Wissen, sondern die Kompetenz zu sehen. Für unsere Bildung bedeutet das, Kompetenzen und Fertigkeiten zu vermitteln, die im späteren Leben zu verhelfen, sich Wissen anzueignen. Sehen lernen, Lernen lernen heißt die Aufgabe, und wer in Schule oder Hochschule unter dieser Maxime arbeitet, hat schon einen großen Schritt getan.

Deutschland ist bunt geworden und es wird noch bunter werden, wenn wir uns endlich dazu durchringen können, eine vernünftige Zuwanderungs- und Integrationspolitik zu gestalten, allein um dem notwendigen Facharbeitermangel der nächsten Dekaden zu begegnen. Eine Zuwanderungsrepublik aber braucht Bildungseinrichtungen, die auf spezielle Bedürfnisse von Migranten eingehen, in der sich das Verhältnis von Migration und einheimischer Bevölkerung auch im Lehrpersonal abbildet. Bisher aber sind Integration- und Bildungspolitik getrennte Königreiche, die noch wenig miteinander zu tun haben.

Ähnlich verhält es sich mit der Sozialpolitik. Segregation und Abstiegsangst führen dazu, dass sich soziale Brennpunkte bilden, in denen schließlich nur noch die Gesellschaftsverlierer die Schule besuchen. Der „Skandal“ um die Rütlischule in Neukölln – heute übrigens zu einem Erfolgsprojekt mutiert, wie Dräger anschaulich beschreibt – hat vor fünf Jahren die Republik aufgeschreckt, passiert ist insgesamt aber wenig. Hier formuliert Jörg Dräger eine klare Option: Er wünscht sich Magnetschulen, Priorisierungen dort, wo soziale Investitionen möglich sind, gute Schulen in sozialen Brennpunkten. Das spricht gegen eine Bildungspolitik mit der Gießkanne und wird so manchen Mittelschichtler aufschrecken. Aber, so fragt Dräger, sind nicht die Folgekosten später größer, wenn wir diejenigen, die es besonders nicht nötig haben, nicht auch besonders fördern? Und ist nicht die so notwendige soziale Durchmischung gegen eine Milieuexklusion notwendig und kann vielleicht über attraktive Schulstandorte erreicht werden?

Jörg Dräger scheut den Konflikt nicht, das wir auch an anderen Punkten des Buches deutlich. Er geht konträr zu einer Politik, die Steuergelder in direkte Zuschüsse an Familien, Eltern und ehelose Paare auszahlt, anstatt sie in die Bildungseinrichtungen zu investieren. Diese Umsteuerung zu erreichen, braucht es politischen Mut und vielleicht sogar einen überparteilichen Konsens. Die Ent-Ideologisierung unserer Bildungspolitik müsste einher gehen mit einer Abkehr von der Legislaturdikatur der Parteien. Wer irgendwo ans Ruder kommt, ändert zuerst die Schulgesetze. Dabei wäre ein landesweiter Schulfrieden jenseits der Ideologien mehr als notwendig. Ebenso notwendig, wie eine behutsame Abkehr vom Bildungsföderalismus. Das Kooperationsverbot, besonders von Bayern 2006 angesichts der Föderalismusreform durchgesetzt, ist eine dramatische Fehlentwicklung, die noch auf lange Jahre Schaden in Deutschland erzeugen wird. Stattdessen plädiert Jörg Dräger für eine vernünftige Zusammenarbeit von Kommunen, Ländern und Bund. Es brauche die notwendige Transparenz, die gemeinsamen Standards und die Setzung von Rahmenbedingungen, die dann vor Ort individuell ausgestaltet werden können. Ebenso bedarf es der deutschlandweiten Einigung auf ein zweigliedriges Schulsystem, Oberschule mit 13 Jahren bis zum Abitur, Gymnasium mit zwölf Jahren. Stattdessen präsentiert sich unser Land mit einer Fülle von Schularten und Bezeichnungen, von denen der Autor rund dreißig aufzählt – eine heitere Lektüre, bei der dem Leser allerdings das Lachen im Hals stecken bleibt. Dass es so schlimm ist, hätten wir nicht gedacht.

Auf dem Weg von Standardisierung und Umverteilung, so Jörg Dräger, werden genügend Gelder frei, die sinnvoll in Bildungseinrichtungen investiert werden könnten.

Andere Länder sind uns da voraus. Jörg Dräger nennt einige Beispiele, die man durchaus noch ergänzen kann. Sein Konzept einer regionalen Gestaltung von Schule angesichts überregional definierten Standards findet sich zum Beispiel im italienischen Schulgesetz wieder und führt dort teilweise zu Höchstergebnissen in der PISA-Bewertung.

Überhaupt wird bei Jörg Dräger und seinem Team Individualität auf mehreren Ebenen zum Schlüsselwort. Da ist die Ermöglichung des individuellen Lernens für die Schüler ebenso zentral, wie die Individuelle Aus-, Fort-, und Weiterbildung der Lehrer. Denn auf das Personal, und das müssen nach Dräger nicht nur Fachlehrer sein, kommt es an, wenn ein maximaler Lernerfolg erreicht werden soll.

Wer über Bildung spricht, und implizit sogar über kommunale Bildungslandschaften, obwohl die Terminologie im Buch nicht auftaucht, hätte auch die Weiterbildung im Blick haben müssen. Hat Jörg Dräger nicht, wird er hoffentlich bei einer Neuauflage berücksichtigen.

Zwischendurch findet sich ein Hinweis auf eine untergegangene Institution, die man eigentlich auf Grundlage der Thesen Drägers wieder beleben könnte. Ja, wir brauchen wieder einen Bildungsrat, der unabhängig von der KMK an Empfehlungen zur Verbesserung  der Schulqualität arbeitet. Vielleicht ist das der Königsweg, angesichts eines föderalen und ideologiebeladenen Systems, das umzusetzen, von dem eh alle wissen, was sein muss und was kommen muss: Eine Neudefinition unseres Bildungssystems als Ausweg aus der Bildungskrise.

Eigentlich ist alles klar.

Zum Lesen: Jörg Dräger, Dichter, Denker, Schulversager. Gute Schulen sind machbar – Wege aus der Bildungskrise, Deutsche Verlags Anstalt: Stuttgart 2011, 255 S., 17,99

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