Bildungspolitik/Gesellschaft und Innovation

Bildung und Allmende

Die Republik hat nur Zukunft, wenn sie in Bildung investiert. Das muss immer wieder gesagt werden. Kaum wird aber gesagt, warum sie nur dann eine Zukunft hat, wenn sie in Bildung investiert. Genannt werden können Rohstoffknappheit, Deindustrialisierung, enormes Wachstums des tertiären Sektors. Das sind alles nachvollziehbare, aber doch recht utilitaristische Begründungen. Eine andere, quergedachte, könnte lauten: Weil die Gesellschaft im Rahmen der Globalisierung immer komplexer wird, weil der absolute Individualismus an seine Grenzen kommen wird, brauchen wir gebildete Menschen, die ihre Kompetenzen zum Aufbau der Allmende zur Verfügung stellen können. Das ist wirklich zentral.

Was ist unter der Allmende zu verstehen? Im Jahr 2009 wurde erstmals einer Frau der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften zugestanden. Erhalten hat ihn Elinor Ostrom, Professorin an der Indiana University. Ihre zentrale Forschung bezieht sich auf die Frage, wie die Gemeinschaft genutzt werden kann, komplexe Problematiken gemeinsam zu lösen und sich zum Wohle aller entwickelt. Eine zentrale Vokabel stellt in diesem Zusammenhang die Allmende dar. Ostrom selbst spricht in ihrem Hauptwerk Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action von Commons, die eben mit dem Wort Allmende (der deutsche Titel des Werks lautet demnach: Die Verfassung der Allmende, Tübingen 1999) übersetzt werden kann. Die Allmende war früher das Flurstück, das von der Gemeinschaft gemeinsam genutzt worden ist. Insofern stellt sie einen sehr alten Begriff dar, der nun neu gefüllt werden kann. Die Allmende ist das, was gemeinsam genutzt werden kann.

Angesichts der Grenzen des Wachstums und der globalen Probleme, denen wir uns zu stellen haben, bekommt die Frage nach gemeinsamen Lösungen eine neue Brisanz. Sozusagen von der Graswurzel entstehen jetzt schon Bewegungen, die das Teilen von Gütern und Material, als einen notwendigen Weg in eine nachhaltige Zukunft propagieren. Die Ideen sind vielfältig, sie betreffen Mobilität, Immobilien, Materialien oder auch landwirtschaftliche Flächen – wie dies unter anderem von der Transition Town-Bewegung initiiert wird. Die Ideen antworten auf die Anfragen des Club of Rome, wie die Welt in den nächsten Jahrzehnten ausgehend vom bloßen Ressourcenverbrauch zu einem Ressourcenkreislauf transformiert werden kann. Der gemeinsame Nutzen von Gütern stellt in diesem Zusammenhang eine wichtige Komponente dar. Neben dem materiellen Bereich gibt es aber auch in sozialer Hinsicht neue Anstöße, das Leben anders zu gestalten und dabei der Gemeinschaft eine besondere Bedeutung zu geben. Da sind Visionäre wie Fritjof Bergmann mit seiner Initiative zur neuen Arbeit oder der Schweizer Volkswirtschaftler Matthias Binswanger, dem es um eine alternative Zeiteinteilung und die Neubewertung der Work-Life-Blance geht. Solche Ansätze können nur funktionieren, wenn sie sich einer sozialen Dialektik bedienen. Alles in allem bekommen die neue Ideen Überhand, und es wird nicht mehr lange dauern so kann die Allmendeperspektive wieder gesellschaftliches Gemeingut an sich werden. Das zu befördern, ist Aufgabe der Bildung.

Was wir als Fundament bereits haben, ist eine Art Wissensallmende, diverse Kompetenzen und tradiertes Wissen, die mit Hilfe jeglicher Methodik und jeglicher Form geteilt und vermittelt werden sollte. Dem Internet kommt hier eine besondere Rolle zu. E-learning wird eine wichtige Stütze der Allmendebewegung und Allmendebildung sein. Weil wir in unserem Land, in Europa, auf der Welt mehr Nachhaltigkeit brauchen, weil wir der Allmende in Zukunft größeres Augenmerk schenken müssen, deswegen brauchen wir Bildung. Eine Bildungsrepublik Deutschland und ein europäisches Bildungswesen muss es sich zur Aufgabe machen, Gemeinwohl zu fördern, die Wertschätzung von Gemeingütern zu befördern, kurz: Die Allmende Wirklichkeit werden zu lassen.

Zum Weiterlesen: Eine deutsche Fassung der Thesen von Elinor Ostrom

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Ein Kommentar zu “Bildung und Allmende

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